Ein Tag im Leben der Frau Pohl

Sonnenuntergang
Sonnenuntergang

Ein Tag im Leben der Frau Pohl

© Ronald Henss

Frau Pohl ist klein und dick. Mächtig dick. So dick, dass ihr das Laufen schwerfällt. In den letzten Jahren ist sie nur selten aus ihrer Wohnung heraus gekommen.

Das Aufstehen ist heute mühsam wie immer. Frau Pohl zieht den bereitliegenden weinroten Bademantel über, geht kurz aufs Klo, dann in die Küche um den Kaffee aufzubrühen. Beim Frühstück hört sie Radio. Den regionalen Sender. So ist sie stets über die Ereignisse in der näheren Umgebung auf dem Laufenden.

Um halb sieben dreht sie das Radio leiser. Nach und nach erwacht das Haus; und Frau Pohl möchte nichts versäumen. Aufmerksam verfolgt sie jeden Laut, der durch Tür und Wände dringt. Sie kennt alle Geräusche, alle Schritte, alle Stimmen. Was sie nicht einordnen kann, hält sie sorgfältig in dem dicken Notizbuch fest.

Vor drei Jahren hatte ihre Aufmerksamkeit das Leben von Herrn Rieger gerettet. Nachdem drei Tage lang kein Rieger-Laut zu ihr gedrungen war, alarmierte sie die Nachbarn. Der Notarzt meinte damals, Herr Rieger hätte keinen Tag länger überlebt. Seither ist Frau Pohl noch gewissenhafter mit ihren Notizen.

Um halb zehn klingelt es. Es ist Elli, die ihr zweimal die Woche die Einkäufe besorgt. Als ihre Freundin alle Sachen verstaut hat und der Kaffee fertig ist, machen es sich die beiden alten Damen im Wohnzimmer bequem.

„So, liebe Elli, jetzt erzähl doch mal, was so alles im Ort passiert ist.“

Gebannt hängt sie an Ellis Lippen. Immer wieder will sie dies oder jenes genauer wissen. Später bereitet Elli ein leckeres Mittagessen zu. Derweil erstattet Frau Pohl Bericht. Als Elli kurz vor eins geht, ist sie über das Privatleben der Mieterschaft auf dem neuesten Stand und Frau Pohl kennt alle Neuigkeiten aus dem Ort.

Zufrieden hält Frau Pohl ihr Mittagsschläfchen.

Um zwei steht sie auf. Sie zieht ihren Bademantel über, geht ins Bad und macht ihre Haare zurecht. Schwer atmend schlurft sie zur Tür des Nachbarn von gegenüber. Als sich auch nach dem fünften Klingeln nichts tut, ist sie besorgt. Dann fällt ihr ein, dass Herr Tanner heute bei einer neuen Arbeitsstelle vorsprechen wollte.

„Der arme Kerl. Seit elf Jahren arbeitslos. Das wird auch dieses Mal nicht klappen. Na ja, er ist ja auch nicht gerade der Hellste.“

Frau Pohl geht zurück. In ihrer Küche schreibt sie einen Zettel und schneidet einen Tesa-Streifen zurecht. Dann nimmt sie den mühevollen Weg noch einmal auf sich und klebt den Zettel an Herrn Tanners Tür.

Zurück in ihrer Wohnung, sinkt sie erschöpft in den Fernsehsessel. Die Talk-Shows rieseln heute an ihr vorbei. Sie lauscht auf Herrn Tanners Schritte.

Als Herr Tanner um halb vier nach Hause kommt, findet er den Zettel an der Tür: „Lieber Herr Tanner. Es gibt wieder etwas Leckeres für Sie. Ihre Frau Pohl.“

Herr Tanner freut sich auf die warme Mahlzeit. Er geht in seine Wohnung, wäscht sich rasch und zieht sich um. Dann klingelt er bei Frau Pohl.

„Ach, da sind Sie ja, Herr Tanner. Hat’s geklappt mit der Stelle?“

„Sie kennen das ja, Frau Pohl. Daraus wird auch dieses Mal nichts.“

„Na ja, Hauptsache gesund. Und Hauptsache, was Warmes im Bauch. Kommen Sie. Elli hat was Köstliches gekocht und es ist noch genug für Sie da.“

Als Herr Tanner zu Ende gegessen hat, ist er mal wieder richtig satt.

Frau Pohl räumt den Tisch frei. Dann beugt sie sich nach vorn und lässt ihren fülligen Oberkörper auf die Tischplatte sinken. Mit den Worten „So, Herr Tanner, und jetzt das Dessert“ rafft sie den Bademantel und das Nachthemd nach oben.

Herr Tanner tritt hinter sie. Erst nestelt er umständlich an seiner Hose, dann bahnt er sich routiniert den Weg durch die Fettmassen.

Als alles vorbei ist, richtet sich Frau Pohl mit dumpfen Atemzügen auf. Sorgfältig streift sie das Nachthemd und den Bademantel glatt.

„So, Herr Tanner, jetzt setzen wir uns ins Wohnzimmer und Sie erzählen ausführlich, was es im Hause Neues gibt.“

Heute hat Herr Tanner besonders viel über die Nachbarschaft zu berichten und so ist es schon nach sechs, als er sich verabschiedet.

Frau Pohl mampft noch ihr Abendbrot, nimmt die Medizin ein und schlürft genüsslich ihren heißen Tee. Dann ist es auch schon an der Zeit, sich bettfertig zu machen.

Vom Bett aus verfolgt sie die heute-Nachrichten. Und dann die Tagesschau. Wenn sie schon nicht aus ihrer Wohnung kommt, will sie doch informiert sein. Und Frau Pohl weiß Bescheid. Über das Haus, den Ort, die Region und die ganze Welt.

ReibekuchenAls sie schließlich das Licht löscht, sortiert sie im Geiste die wichtigsten Neuigkeiten. Kurz vor dem Einschlafen denkt sie: „Das nächste Mal soll uns Elli mal wieder Reibekuchen backen. Mit viel Apfelmus. Das mag Herr Tanner besonders gern. Und dazu natürlich noch: Dessert wie immer.“

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Humor

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