Doppelgänger

Ronald Henss: Doppelgänger

Doppelgänger

© Ronald Henss

Ronald Henss: DoppelgängerDer Anruf kam unerwartet. Es war mein Schriftstellerkollege Stefan Aurich. Während ich immer noch auf meinen ersten nennenswerten Erfolg wartete, hatte er es mit seinen subtilen Kriminalromanen längst zum Bestsellerautor geschafft. Stefan und ich hatten uns von Anfang an sehr gut verstanden. Viele Kollegen meinten, das läge vor allem daran, dass wir uns äußerlich sehr ähnlich sahen. Aber wir waren auch in Bezug auf Literatur und Kunst meist der gleichen Meinung. Und das kommt in unseren Kreisen höchst selten vor.

Das erste Mal waren wir uns auf der Frankfurter Buchmesse begegnet. Das war vor neun Jahren. Seitdem trafen wir uns ab und zu auf Lesungen, Schriftstellerkongressen oder auf der Buchmesse. Darüber hinaus hatten wir keine Kontakte. Telefoniert hatten wir in all den Jahren nur zwei oder drei Mal.

Das Gespräch war ziemlich kurz. Stefan musste dringend nach Lissabon reisen. Dort wollte er einen mysteriösen Fall recherchieren, der auffallend viele Parallelen zu seinem aktuellen Krimidrehbuch aufwies. Da er seine Wohnung nicht so lange unbeaufsichtigt lassen wollte, bot er mir an, die nächsten drei Wochen in seinem Apartment zu wohnen.

Das Angebot war sehr merkwürdig und es kam ein bisschen plötzlich. Aber Hamburg war natürlich eine besondere Verlockung. In Stefans Wohnung könnte ich in aller Ruhe an meinem Buch weiterschreiben. Außerdem könnte ich dort einschlägige Milieustudien direkt vor Ort betreiben. Also sagte ich kurzentschlossen zu.

Ich hatte mir fest vorgenommen, in diesen drei Wochen mein Buch ein entscheidendes Stück voran zu bringen. Während der Zugfahrt hatte ich mir einen Tagesplan zurechtgelegt, an den ich mich mit eiserner Disziplin halten wollte. Aufstehen um halb acht. Duschen, gymnastische Übungen, Ankleiden und Frühstück bis neun. Dann Schreiben bis halb zwölf. Mittagsimbiss, Spaziergang und Ruhepause bis vierzehn Uhr. Dann Schreiben bis achtzehn Uhr. Der Rest war frei. Drei bis vier Nächte pro Woche waren für ausgiebige Streifzüge durch St. Pauli reserviert. Ein paar konkrete Erfahrungen am eigenen Leib würden meinem Roman sicher gut tun.

Als ich am Abend in Hamburg ankam, war Stefan längst in Lissabon. Ich holte, wie verabredet, den Wohnungsschlüssel bei einer Nachbarin ab. Ihr Abschiedsgruß – „Na, dann lassen Sie es sich mal gut gehen als Stefan Aurich“ – ging mir noch eine Weile durch den Kopf, aber dann ordnete ich ihn in die Rubrik ‚hanseatischer Humor‘ ein und machte es mir in meinem neuen Domizil bequem.

Auf Stefans Schreibtisch fand ich ein Manuskript. „Doppelgänger“ – offenbar ein Entwurf für einen neuen Kriminalroman. Sofort vertiefte ich mich in die Lektüre, die mich von der ersten Seite an gefangen nahm. Ich war aufgewühlt aber auch enttäuscht, dass das Manuskript noch nicht fertiggestellt war. Zu gern hätte ich die Lösung zu diesem verwickelten Puzzle erfahren. Mir war klar, die Doppelgänger-Story würde ein absoluter Topseller werden.

Kurz vor dem Einschlafen schoss mir ein Gedanke in den Sinn. Stefan und ich waren gleich groß und wir hatten eine ähnliche Statur. Ich könnte doch, solange ich hier wohnte, Stefans extravagante Garderobe nutzen. Die Vorstellung, während meines Aufenthaltes in Stefans textile Hülle zu schlüpfen, versetzte mich in eine kribbelige Unruhe.

Am nächsten Morgen entdeckte ich auf einer Kommode ein Foto von Stefan, das offenbar jüngeren Datums war. Spontan beschloss ich, ausnahmsweise von meinem Arbeitsplan abzuweichen. Ich steckte das Bild mitsamt Rahmen in die Tasche, fuhr in die City und suchte einen trendig-coolen Friseursalon auf. Dort legte ich das Foto vor und ließ mir das Haar einen Tick dunkler färben und die Frisur so stylen wie Stefan. Als ich den smarten Figaro bat, auch noch meinen Schnurrbart abzurasieren, entspann sich eine kleine Debatte. Er fand, dass ich mit Schnurrbart viel markanter aussähe. Ich gab ihm Recht. Ich hatte den Schnurrbart erst vor kurzem wachsen lassen und ich fand auch, dass er mir ausgezeichnet stand. Aber es musste sein. Als der Meister sein Werk mit einem tiefen Seufzer beendet hatte, war die Verwandlung perfekt.

Das sollte ich in den kommenden Tagen und Wochen immer wieder aufs Neue erfahren. An den unterschiedlichsten Orten wurde ich von wildfremden Menschen gegrüßt. Kein Zweifel, die hielten mich für Stefan. Ich grüßte stets freundlich zurück, wahrte aber genügend Abstand, so dass niemand den Rollentausch bemerkte. Vermutlich waren aber nicht wenige über „Stefans“ distanzierte Art irritiert.

Die Tage verliefen so wie ich es bei der Zugfahrt geplant hatte, nur sollten sie viel produktiver werden, als gedacht. Die Abende, die ja keiner Regelung unterworfen waren, verliefen hingegen völlig anders als ich es mir je hätte vorstellen können.

Das heißt, die ersten Abende und Nächte verliefen durchaus programmgemäß. Zwei Mal war ich erst in den frühen Morgenstunden aus St. Pauli zurückgekommen, wo ich die Schatzkiste meiner sexuellen Erfahrungen um ein paar bizarre Erlebnisse bereichert hatte. Die beiden anderen Male hatte ich nach einem ausgiebigen Abendspaziergang vor dem Fernseher verbracht.

Auch der nächste Abend verlief im Grunde programmgemäß. Es ist nur eine banale Kleinigkeit zu erwähnen, die aber erst im Zusammenhang mit den darauffolgenden Ereignissen einen Sinn bekommt. Ich war gerade von meinem Abendspaziergang zurück gekommen und machte mich rasch frisch. Als ich aus dem Badezimmerfenster blickte, bemerkte ich, dass in einer Wohnung gegenüber das Licht angeschaltet war. Es war ein großer Raum. Der Einrichtung nach musste es sich um eine Arztpraxis handeln. Da in dem Raum niemand zu sehen war, achtete ich nicht weiter darauf.

Am folgenden Abend wollte ich wieder eine große Reeperbahn-Tour unternehmen, um weitere Abgründe menschlicher Begierde auszuloten. Als ich aus dem Badezimmerfenster schaute, stellte ich fest, dass in der Praxis gegenüber Licht brannte. Dieses Mal waren zwei Personen zu sehen. Anhand der graublauen Kittel und ihrer Tätigkeit waren sie unschwer als Putzfrauen zu erkennen. Die beiden waren ein bemerkenswertes Duo. Die ältere muss schon über 50 gewesen sein. Sie war sehr klein und kugelrund. Die andere war das genaue Gegenteil. Sie war jung, groß und schlank. Sie trug auffallend lange schwarze Haare, die glatt den Rücken hinab hingen. Fasziniert schaute ich der schwarzhaarigen Schönheit eine Weile zu. Dann ging ich nach nebenan und setzte mich vor den Fernseher.

Kurz bevor ich zu meiner Tour aufbrechen wollte, ging ich noch einmal ins Bad, um mir die Haare zu kämmen. In der Praxis war es dunkel. In derselben Sekunde, in der ich das Badezimmerlicht ausknipste, ging gegenüber das Licht an. In der hellbeleuchteten Praxis sah ich die junge Putzfrau. Die ältere war nirgends zu sehen. Mit einer schwarzglänzenden Tragetasche ging die faszinierende Fremde zu einem großen Wandspiegel. Dort streifte sie den Putzfrauenkittel ab und zog sich nackt aus. Sie war wunderschön. Nachdem sie sich eine Weile im Spiegel betrachtet hatte, kramte sie in der Tragetasche und zog sich langsam an. Stück um Stück. Es waren keine gewöhnlichen Kleidungsstücke. Nur kostbarste Utensilien weiblicher Verführungskunst. Als das Werk vollendet war, bewunderte sie sich als perfekte Domina im Spiegel. Kurz darauf streifte sie den Putzfrauenkittel über, packte ihre Sachen zusammen, ging zur Tür und dann war es dunkel. Für ein paar Sekunden war ich wie gelähmt. Dann stürzte ich aus dem Apartment, hinunter auf die Straße und rannte um den Block bis zu dem Haus, in dem sich die Arztpraxis befinden musste. Ich kam zu spät. Ich konnte die unbekannte Schöne nirgendwo entdecken.

Diese Begebenheit hatte mich so aufgewühlt, dass ich meine Reeperbahn-Tour sausen lies. Ich konnte nur noch an eines denken: die Schöne und ihre Metamorphose von einer Putzfrau zu einer Domina. Ich musste dieses Bild unbedingt festhalten. Stundenlang versuchte ich, die Unbekannte in ihrem Domina-Dress zu zeichnen. Irgendwann wachte ich auf und stellte fest, dass ich am Schreibtisch eingeschlafen war. Dutzende Skizzen lagen verstreut auf dem Boden. In der Nacht wurde ich mehrmals aus surrealistischen Träumen gerissen. Es war ein Rausch, wie ein fiebriger Traum aus Kindheitstagen. Die schwarzhaarige Schönheit hatte Besitz von mir ergriffen.

Der nächste Tag brachte die Wende für meinen Roman. Urplötzlich war ein Damm gebrochen. Mit einem Schlag sah ich neue Figuren und Handlungsstränge in einer nie gekannten plastischen Klarheit. Am Abend musste ich mich zwingen, mit dem Schreiben aufzuhören. Als ich endlich wieder klare Gedanken fassen konnte, ging ich ins Badezimmer und wartete, den Blick starr auf den Block gegenüber gerichtet. Nichts tat sich. Alles blieb dunkel. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis mir einfiel, dass Samstag war. Da konnte ich lange warten! Enttäuscht ging ich zu Bett.

Am Sonntag fiel ich dann in einen regelrechten Schreibrausch. Da mit der geheimnisvollen Schönheit nicht zu rechnen war, schrieb ich bis tief in die Nacht hinein.

Am Montagmorgen fuhr ich in die City und kaufte ein Fernglas. Es war das leistungsstärkste Gerät, das ich aufspüren konnte, und dementsprechend teuer. Ich sollte die Investition nicht bereuen. Von nun an fand ich mich jeden Abend im Badezimmer ein und verfolgte das außergewöhnliche Schauspiel in maximaler Vergrößerung.

Am Freitag, also genau eine Woche nach der faszinierenden Entdeckung, geschah etwas Unerwartetes. Die Verwandlung zur Domina war auf halbem Wege, da hielt die unbekannte Schöne inne. Regungslos verharrte sie vor dem Spiegel. Irgendetwas musste sie aus dem Konzept gebracht haben. Plötzlich wurde mir bewusst, dass die Badezimmertür ein Stück weit aufgegangen war. Von nebenan fiel Licht ins Bad. Sie hatte im Spiegel meine Silhouette entdeckt. Ich stürzte zur Tür und drückte sie fest zu. Als ich zu meinem Beobachtungsposten zurückkehrte, stand sie immer noch regungslos da. Ich stutzte einen Moment, dann wurde mir klar: Sie weiß genau, dass ich nicht weggegangen bin; sie weiß, dass ich sie im Schutze der Dunkelheit weiter beobachte. Sie zeigte keine Regung. Ich spürte das Blut in den Halsschlagadern pochen. Die Anspannung war kaum zu ertragen. Da hatte ich eine Idee: Ich schaltete das Licht an und ging zurück ans Fenster. Nun konnte sie deutlich erkennen, dass ich sie beobachtete. Langsam drehte sie sich um, so dass ich sie von vorne sehen konnte. Wie in Zeitlupe zog sie sich aus. Als sie völlig nackt war, fasste sich hinter den Kopf, streifte ihr langes schwarzes Haar über die rechte Schulter und ließ es nach vorn fallen, so dass ihre rechte Brust bedeckt war. Sie war unbeschreiblich schön. Ich wagte nicht, zu atmen. Schließlich drehte sie sich um, wandte sich zum Spiegel und setzte ihre unterbrochene Verwandlung zur Domina fort. Anschließend streifte sie den Putzfrauenkittel über, packte die Tragetasche und ging, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen, zur Tür – dann war es dunkel.

Übers Wochenende schrieb ich Tag und Nacht. Längst hatte die verführerische Fremde jede Faser meines Denkens durchdrungen. Immer mehr wurde sie zur Hauptfigur des Romans.

Am Montagabend beobachtete ich die beiden Putzfrauen wie immer im Schutze der Dunkelheit. Pünktlich verließen die beiden die Praxis. Die Anspannung steigerte sich ins Unerträgliche. Als das Licht erneut anging und die geheimnisvolle Schöne alleine den Raum betrat, schaltete ich das Licht an. Sie ging bis zur Mitte des Zimmers, schaute herüber, streifte den Putzfrauenkittel ab und zog sich langsam aus. Ein paar Sekunden später drehte sie sich um, ging zum Spiegel, verwandelte sich in eine Domina und ging, ohne sich umzusehen, hinaus.

Am Dienstag wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich nur noch ein paar Tage in Hamburg war. Ich musste sie unbedingt kennen lernen. Ich wartete, bis die Verwandlung zur Domina abgeschlossen war und rannte so schnell ich konnte um den Block. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Über eine Stunde suchte ich die Gegend ab. Ohne Erfolg.

Am Mittwoch genau dasselbe.

Am Donnerstag war meine letzte Nacht in Hamburg. Ich musste sie abfangen, koste es was es wolle. Schon am späten Nachmittag, lange bevor die beiden Putzfrauen mit ihrer Arbeit begannen, postierte ich mich in einer verdeckten Einfahrt gegenüber dem Gebäude, in dem sich die Praxis befand. Von dort aus hatte ich alles im Blick. Ich wartete und wartete. Nichts rührte sich. Stundenlang harrte ich bei klirrender Kälte aus, aber keine Spur von der unbekannten Schönen. Die Zeit war schon weit überschritten. Ziellos irrte ich durch die Straßen. Ein eisiger Wind schnitt mir ins Gesicht.

Völlig erschöpft und halb erfroren kam ich zu mir. Ich lag im Treppenhaus vor Stefans Apartment. Meine Armbanduhr zeigte 06:17. Mit letzter Kraft schleppte ich mich ins Bett.

Um 13:39 wachte ich auf. Es war der 12. Dezember. Hastig packte ich meine Sachen zusammen. Mein Zug ging um 16:46 auf Gleis 14a/b.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie ich nach Hause gekommen bin. Es dauerte zwei Tage, bis ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Aber dann erholte ich mich erstaunlich schnell. Erleichtert stellte ich fest, dass meine produktive Phase unvermindert anhielt. Die Gedanken an die geheimnisvolle Schöne ließen mich nicht los. Es war, als würden mir die Worte von außen diktiert.

Es waren etwa drei Monate vergangen, als Stefan anrief. Es war spät am Abend und ich war gerade dabei, mich bettfertig zu machen. Ich spürte sofort, dass sich etwas Außergewöhnliches ereignet hatte.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, was passiert ist. Halt dich fest: Ich werde im Sommer heiraten.“

Das war nun wirklich eine Sensation. Nie im Leben hätte ich mir träumen lassen, dass Stefan heiraten würde. Ausgerechnet Stefan, der in Schriftstellerkreisen den Spitznamen „Der einsame Wolf“ trägt.

Und dann schwärmte er von seiner Angebeteten. Sie hieß Maria und kam aus Polen. Sie war groß, schlank, hatte lange pechschwarze Haare und sah betörend aus. Bei seinen überschwänglichen Schilderungen musste ich sofort an die unbekannte Schöne aus der Arztpraxis denken.

Als ich ihn fragte, wie er sie kennen gelernt hatte, druckste er herum. Ich merkte, dass er nicht darüber sprechen wollte. Aber ich ließ nicht locker.

Schließlich rückte er doch mit der Sprache heraus. „Du erinnerst dich doch noch an damals, vor drei Monaten, als ich in Lissabon war und du meine Wohnung gehütet hast.“

Na klar, nur zu gut war mir dieser Aufenthalt im Gedächtnis!

„Also“, fuhr er fort, „es war an dem Abend, als ich aus Lissabon zurück gekommen bin. Ich war ziemlich erschöpft, hatte nur rasch das Gepäck ausgeräumt und wollte früh zu Bett gehen. Kurz vor 22 Uhr klingelte es an der Tür. Erst wollte ich gar nicht aufmachen. Aber schließlich bin ich doch hin.“

Geschickt legte er eine kleine Pause ein.

Ich war schon ungeduldig und ich wollte gerade sagen: „Ja, und? – Mach’s nicht so spannend!“, da fuhr er fort: „Und jetzt pass auf! Vor der Tür stand eine völlig fremde Frau und lächelte mich strahlend an.“

„Wie? Eine fremde Frau?“

„Ja, eine völlig fremde Frau. Ich hatte sie vorher noch nie gesehen. Aber sie hat mich angelächelt, als ob ich sie erwartet hätte.“

„Hhhmmm… Und weiter?“

„Ja, also, sie sah einfach super aus. Das hab ich ja schon gesagt. Groß, schlank, lange pechschwarze Haare, dunkle Augen – einfach unglaublich schön. Aber das Merkwürdigste war die Kleidung: Sie trug einen langen graublauen Kittel, so eine Art Putzfrauenkittel und dazu schwarze Lackstiefel mit hohen Absätzen.“

Nein – es konnte nicht der geringste Zweifel bestehen …

„Ja, und dann“, fuhr Stefan fort, „sagte sie mit einem entzückenden osteuropäischen Akzent: ‚Hallo, da bin ich. Du hast mich doch erwartet, oder?‘ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich starrte sie nur an. Einen Moment lang war wohl auch sie etwas irritiert. Aber dann meinte sie: ‚Ah, verstehe, du willst noch nicht reden, du willst erst sehen. Na, wenn das so ist – okay.‘ Und im gleichen Atemzug öffnete sie ihren Putzfrauenkittel.“

Mit Mühe konnte ich einen entsetzten „Nein!“-Schrei unterdrücken.

„Wenn ich dir jetzt sage, was drunter war, dann wirst du mir das nicht glauben. Aber es war wirklich so.“

Wieder legte er eine kurze Pause ein.

„Drunter hatte sie nur schwarze Lackstiefel bis über die Knie – sonst nichts. Nichts! Kein BH, kein Slip, nichts!“

Ich spürte, wie ich am ganzen Leibe zitterte. Eiskalter Schweiß rann mir von der Stirn. Kein Zweifel, das war sie, die geheimnisvolle Schöne von gegenüber. Natürlich konnte ich mir das vorstellen. Nur zu gut.

Stefan schien meine Sprachlosigkeit zu genießen. Nach einer endlos langen Pause meinte er: „Mir ist es genauso ergangen, wie dir jetzt: Ich war völlig sprachlos. Das hat sie natürlich auch gemerkt. Schließlich meinte sie nur: ‚Sag jetzt nichts, komm!‘, schob mich in die Wohnung, schloss die Tür hinter sich und streifte den Putzfrauenkittel ab. Was dann passierte, brauche ich dir wohl nicht zu erzählen.“

Ich brachte immer noch keinen Laut heraus.

Eine Weile war es totenstill.

„Hey, was ist los? Du sagst ja gar nichts mehr. Na ja, kann ich gut verstehen. Das ist wirklich eine unglaubliche Geschichte. Aber wenn ich’s dir sage: Es war genau so… Weißt du, was ich merkwürdig finde: Sie hat mir bis heute noch nicht verraten, wie sie ausgerechnet auf mich gekommen ist. Jedes Mal wenn ich sie gefragt habe, hat sie nur gelacht: ‚Jetzt tu doch nicht so!‘ Mittlerweile hab ich’s aufgegeben. Ich frag sie einfach nicht mehr danach. – Na ja, ist auch egal.“

Und dann fügte er noch hinzu: „Jetzt stell dir mal vor, die Maria hätte einen Tag früher an der Tür geklingelt. Dann wär ich ja noch in Lissabon gewesen. Stell dir das mal vor: Dann hättest du die Tür aufgemacht. Haha!… Na ja, Pech gehabt, alter Junge … Haha… So kann’s gehen… Haha… Tschüss!“

Ich kam noch nicht einmal dazu, auch „tschüss“ zu sagen.

Eine Zeitlang war ich paralysiert. Dann kochte unbändige Wut auf. Dass Stefan als Schriftsteller viel erfolgreicher war als ich, hatte ich neidlos anerkannt. Aber das war zu viel. Ein anderer an meiner Stelle hätte vermutlich das gesamte Mobiliar zertrümmert. Aber diese Art von Katharsis entspricht einfach nicht meinem Temperament. Ich biss die Zähne zusammen, zog meine Laufschuhe an und schlüpfte in den Jogging-Anzug. Wie von Sinnen rannte ich den steilen Weg zum Friedhof hoch und nach einer kurzen Verschnaufpause weiter durch den gespenstischen nächtlichen Wald. In der kleinen Schlucht am Brennenden Berg war ich am Ende meiner Kräfte. Der Vollmond warf ein schauriges Licht auf die Goethe-Gedenktafel.

Am nächsten Tag wurde ich durch die Glocken der Christuskirche und von St. Marien geweckt. Sie schlugen zwölf Uhr Mittag. Nach und nach fiel mir wieder ein, was geschehen war. Meine Wut war verflogen. Erneut wurde ich von einer Woge literarischer Inspirationen mitgerissen. Meine Romanheldin hatte nun sogar einen authentischen Namen. Ich schrieb wie ein Besessener.

Ein paar Tage später fand ich im Briefkasten eine Einladung zur Hochzeit. Im ersten Moment wollte ich die Karte einfach zerreißen. Aber meine Neugier war stärker. Ich würde auf jeden Fall zu der Hochzeitsfeier kommen. Wie Maria wohl auf mich reagieren würde? Vermutlich nicht besonders. Bestimmt würde auch sie eine Ähnlichkeit zwischen Stefan und mir feststellen. Aber der Gedanke, dass ich damals der stumme Beobachter gewesen war, würde ihr ganz sicher nicht kommen. In gewisser Weise konnte ich über mich selbst und meine unglückliche Rolle als unerkannter Doppelgänger lachen.

Kurz vor der Hochzeitsfeier wurde mein Buch fertig. Es hatte durch die aufwühlenden Ereignisse eine nie geahnte Dynamik gewonnen, und ich wusste: Dieses Werk würde mir zum Durchbruch verhelfen.

Vor der Abreise nach Hamburg hatte ich einen wichtigen Termin beim Saarländischen Rundfunk. Mein Agent legte Wert darauf, dass der lokale Sender als erster über mein neues Buch berichtete. Fernsehauftritte waren für mich längst Routine. Aber diese Sendung war anders. Jeder im Studio spürte: Das ist ein voller Erfolg. Der Moderator überschlug sich mit Lobeshymnen. „… sensationeller Roman … Neuentdeckung des Jahres … das kulturelle Highlight der Saison … Henning Mankell des bizarren Erotik-Romans … der Stephen King des Saarlandes …“ Euphorisch schwärmte ich der Taxifahrerin vor, die mich vom Studio auf dem Halberg nach Hause chauffierte. Als ich zahlen wollte, lehnte sie entrüstet ab. Stattdessen musste ich versprechen, ihr ein handsigniertes Exemplar meines Buches zu schenken.

Am nächsten Tag konnte ich mich vor Telefonanrufen kaum retten. Ich hatte es geschafft! Am späten Nachmittag klingelte es an der Tür. „Scheiß Pressefritzen, jetzt rennen die mir auch noch unangemeldet die Bude ein“, dachte ich und überlegte, ob ich überhaupt öffnen sollte.

Es waren zwei Herren, die ich nicht kannte, Mitte vierzig. Merkwürdigerweise hatte keiner eine Kamera dabei.

„Sind Sie Ralf Kornblum?“

„Ja, der bin ich“, sagte ich voller Stolz, „Worum geht’s?“

„Kriminalpolizei“ – die Ausweise, die sie mir entgegenhielten, waren offenbar echt – „Sie stehen im dringenden Verdacht, eine Serie von Einbrüchen verübt zu haben. Wir müssen Sie bitten, mit aufs Revier zu kommen.“

„Hä? … Was?? … Das ist doch ein Witz!“

„Uns ist ganz uns gar nicht nach Witzen zumute. Machen Sie, dass sie mitkommen.“

Ich begriff sofort, dass es sich nicht um einen Scherz handelte.

„… Da muss ne Verwechslung vorliegen.“

„Sie sind doch Ralf Kornblum, der Schriftsteller, der gestern im Saarländischen Rundfunk zu sehen war; ‚Saar-Kult-Tour‘ auf SR3?“

„Ja, der bin ich.“

„Na also, dann ist das ganz bestimmt keine Verwechslung. Packen Sie ein paar Sachen zusammen und kommen Sie mit.“

Als ich auf dem Revier zum x-ten Male fragte, was ich verbrochen haben sollte, rastete der korpulentere der beiden aus: „Jetzt halten Sie mal die Klappe! Sie haben doch das ganze Saarland ausgeraubt!“ Dann las er aus der Akte vor: „28. November Einbruch in Dillingen, 29. Saarlouis, 30. Neunkirchen, 1. Dezember St. Wendel, 2. Friedrichsthal und am selben Tag noch Landsweiler-Reden, 3. St. Ingbert … und …. und … und … schließlich am 9. Dezember Bous und Siersburg und zum Abschluss am 10. gleich noch mal in Dillingen. So eine Dreistigkeit. Und jedes Mal dieselbe Masche. Wir haben ein halbes Dutzend Zeugen, die Sie wiedererkannt haben.“

Der andere schlug mit der Faust auf den Tisch und lachte: „Mein lieber Mann, da haben Sie eine Riesendummheit begangen, als Sie im Saarländischen Rundfunk aufgetreten sind. Haha, so blöd kann nur ein Schriftsteller sein!“

Ich hatte keine Ahnung, was das alles mit mir zu tun hatte. Wie betäubt murmelte ich: „Wann soll ich das denn alles gemacht haben?“

„Na, das hab ich doch grad eben gesagt, und eigentlich müssten Sie das doch am besten wissen. Letztes Jahr zwischen dem 28. November und dem 10. Dezember.“

„Mein Gott!“, schoss es mir durch den Kopf, „Ende November, Anfang Dezember – Das ist die Rettung!“ Warum hatte ich nicht gleich danach gefragt? Das war doch genau die Zeit, in der ich in Hamburg war. Ein besseres Alibi konnte es gar nicht geben.

Just in diesem Moment traf mein Anwalt ein. „Na, besser zu spät als überhaupt nicht“, scherzte ich und wollte auf der Stelle nach Hause gehen. Aber das war etwas voreilig. Wegen akuter Flucht- und Verdunkelungsgefahr wurde ich auf dem Revier festgehalten. Zuerst musste mein Alibi überprüft werden. Ich musste also auf die Ermittlungsergebnisse der Hamburger Polizei warten.

Als am übernächsten Morgen mein Anwalt in den Besprechungsraum kam, merkte ich sofort, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Mit hochrotem Kopf tobte er: „… Vertrauensbruch … Missbrauch des Vertrauensverhältnisses … für dumm verkaufen … Eigentor geschossen … lächerlich machen … Mandat niederlegen …“

Als er sich endlich beruhigt hatte, erfuhr ich nach und nach, was die Ermittlungen der Hamburger Polizei ergeben hatten. Stefan Aurich hatte angegeben, nie in Lissabon gewesen zu sein. Ende November, Anfang Dezember sei er – ebenso wie davor und danach – in Hamburg gewesen. Seine Aussage wurde von mehreren Zeugen bestätigt, die sich genau daran erinnerten, ihn in dieser Zeit gesehen zu haben. Einigen war aufgefallen, dass er etwas distanzierter war als sonst, was Stefan damit erklärte, dass er damals besonders intensiv an seinem Krimidrehbuch gearbeitet hatte. Fakt sei, dass er Hamburg im letzten Jahr nie länger als zwei oder drei Tage verlassen hatte.

Ich hörte fassungslos zu. Was, um Gottes willen, hatte Stefan zu einer solchen Aussage bewogen? Für all das konnte es nur eine einzige Erklärung geben: Hinter der Einbruchserie steckte ein Doppelgänger von mir – und dieser Doppelgänger war kein anderer als Stefan Aurich. Genau der Stefan Aurich, als dessen Doppelgänger ich in Hamburg aufgetreten war. Plötzlich schoss mir das „Doppelgänger“-Manuskript in den Sinn – das also war die Lösung des vertrackten Puzzles!

Mein Anwalt meinte nur trocken: „Mein lieber Kornblum, überlegen Sie sich gut, wie Sie diese haarsträubende Geschichte dem Richter klar machen wollen. Ich jedenfalls lasse Ihnen erst mal Bedenkzeit bis morgen“, und – zack – war er verschwunden.

Ich überlegte fieberhaft. Maria! – Ja, Maria! Aber dann wurde mir rasch klar, dass Maria als Entlastungszeugin nicht in Frage kam. Entweder sie war Stefans Komplizin, dann war ohnehin alles gelaufen. Aber diese Möglichkeit schloss ich aus. Stefans Begeisterung hatte viel zu echt geklungen. Aus welchem Grund hätte er mir diese Story berichten sollen, wenn Maria seine Komplizin war? Maria war offenbar völlig unbeteiligt. Aber das machte meine Lage um keinen Deut besser. Sollte sie etwa aussagen: „Der Mann in Stefans Wohnung sah aus wie Stefan. Und die ganze Zeit habe ich auch geglaubt, es war Stefan. Aber nun denke ich, es war ein gewisser Ralf Kornblum, von dem ich noch nie etwas gehört habe.“ Das wäre einfach absurd. Die Zeugen in Hamburg hatten keinen Grund, an ihrer Aussage zu zweifeln – schließlich hatte ich meine Rolle als Stefans Doppelgänger perfekt gespielt. Und vermutlich war Stefan ein genauso guter Doppelgänger von mir gewesen. Meine Lage war ausweglos.

Aber dann hatte ich doch noch eine Idee …

Und ich sollte recht behalten. Die Aussage des exzentrischen Figaros brachte die Wende. Alle Zeugen in Hamburg hatten ausgesagt, dass sie Stefan nie mit einem Schnurrbart gesehen hatten. Aber der Figaro versicherte, dass der Schnurrbart, den er mir abrasiert hatte, echt war. Er konnte sich genau an alles erinnern: dass er mich nach dem Vorbild des Fotos stylen sollte und an unseren kleinen Disput, weil er der Meinung war, mit Schnurrbart sähe ich viel interessanter aus.

Ich wurde freigelassen und der Verdacht richtete sich natürlich sofort gegen Stefan Aurich.


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Doppelgänger – Eine spannende Kriminalgeschichte um zwei Schriftsteller, Doppelgänger und eine geheimnisvolle Domina …

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© Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Doppelgänger, Spannung, Humor, Krimi, Kurzkrimi, Putzfrau, Erotik, Domina

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Teach me Tiger

Saarbrücker Aushängeschild
Saarbrücker Aushängeschild
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Teach me Tiger – Oder: Die Lektion

Eine Hommage an April Stevens
© Ronald Henss

Zielstrebig steuere ich durch den dunklen Saal auf die schummrig beleuchtete Bar zu, schnappe mir den erstbesten Barhocker, lege das Päckchen auf der Theke ab und sag in meinem schnodderigsten Tonfall: „Hi, Busty!“

„Hi! Ein Dirty King, wie immer?“ Ihre Stimme klingt noch verruchter als sonst.

„Nein, nur’n Glas Wasser. Ich brauch nen klaren Kopf.“

Kurz drauf schiebt sie mir ein Glas Wasser hin. „Na dann: Prost und viel Glück! Das wirst du brauchen.“

„Hmmm … danke. Ähhmm … ach, was … gönn dir nen Champus, geht auf meine Rechnung.“

Als sie das Sektglas hebt, streicht ihre Zunge über die knallrot geschminkten Lippen. „Also dann noch mal: Prost!“

„Ja, Prost.“

Oh, Busty, du hast auch schon bessere Tage erlebt! Aber ich muss zugeben: Das hat was, diese verlebte Nuttenvisage, der grelle Lippenstift, die zottelige Mähne und der Megabusen, der den dunkelroten Bademantel sprengt. Seit ich sie kenne, rennt sie mit nem dunkelroten Bademantel rum. Erst wenn der erste Kunde den Schuppen betritt, trennt sie sich von dem Ding; und kaum ist der letzte Gast raus, schlüpft sie wieder rein.

Sie zieht einen Stuhl heran, beugt sich zu mir und legt die schwere Last auf der Theke ab.

Mein Gott, Busty, du und deine Titten! Deine guten Tage liegen Jahrzehnte zurück, aber die Dinger sind immer noch ein Mordskapital. Oh, Halt! Stopp! Jetzt darf ich an alles denken, bloß nicht an Mord.

Busty plappert ununterbrochen. Ich liebe den dunklen Klang ihrer Stimme, aber ich höre nicht zu, was sie sagt. Nur ab und zu schenke ich ihr ein „Mhhhm“ oder ein „Ah, ja“.

Hinter mir üben die Mädchen auf der Bühne. Normalerweise würde ich rüber glotzen und mit Busty wetten, wer von den Mädels morgen früh so besoffen ist, dass sie sich von mir abschleppen lässt. Aber jetzt muss ich einen klaren Kopf behalten. Und wenn die Sache erst mal durch ist, dann stellt sich diese Frage …

Teach me tiger … Halt! Das ist Janas Lied.

Sofort rutsche ich zwei Barhocker weiter nach rechts. Von dort aus kann ich die Nummer in dem großen Barspiegel verfolgen.

Busty grinst: „Ja, ja, die Jana, die hats dir angetan.“

„Na, wenn du meinst. Du musst es ja wissen.“

Ja klar, es ist Jana. Sie übt mal wieder ihren heißen Strip an der Stange. Und dazu Teach me tiger …, mein Lieblingssong. Echt scharf, diese Nummer. Jana ist nun mal durch und durch professionell – nicht nur auf der Bühne.

Busty ist kein bisschen beleidigt, dass ich nur noch gebannt in den Spiegel hinter ihr starre und ihre prallen Möpse keines Blickes mehr würdige. Ihre Worte rauschen an mir vorüber.

… Touch me tiger when I’m close to you wa wa wa wa wa …

„Ja, die sieht wirklich super aus, deine Jana.“

„Was heißt hier ‚deine‘ Jana? … deine Jana … deine Jana …“, äffe ich sie nach.

Aber recht hat sie. Jana sieht fantastisch aus. Nur die blöde blonde Perücke, die passt gar nicht zu ihr. Wenn das Ding durchgezogen ist, kannst du die gleich wegschmeißen, Jana. Deine rotbraune Löwenmähne steht dir viel besser. Überhaupt, bald brauchst du gar nicht mehr hier unten rumzuturnen. Dann regieren wir zwei den Laden. Du und ich – von oben.

… All of my love I will give to you … But teach me TIGER … or I’ll teach you … ooh … tiger … tiigeeR… tigrrrR…

„Die hat dir aber ganz schön den Kopf verdreht, die Jana.“

„Ach, Busty, halt mal die Klappe“, sag ich genervt, und dann, ganz unbeteiligt: „Wo steckt denn Jack?“

„Der ist noch nicht da. Kommt heut später.“

Ich weiß genau, dass sie lügt. Aber ich kann’s ihr nicht verdenken; in diesem Laden ist es allemal besser, nur das zu sagen, was man sagen soll. Wie zur Bestätigung blinzelt sie mir verschwörerisch zu.

Ich bin ganz sicher: Jack steckt oben und lässt sich von zwei oder drei Mädchen verwöhnen. Die Natascha und die Carol sollen zur Zeit seine Favoritinnen sein. Na ja, mir kann’s egal sein. Soll er doch noch ein bisschen Spaß haben, bevor …

Ein Blick auf meine Rolex sagt, dass es an der Zeit ist: Noch 7 Minuten und 13 Sekunden.

Ich schiebe Busty das schmale Zündholzpäckchen hin. Das dunkelblaue mit den Goldlettern: „Marriott Resorts, Bangkok“.

„Das gibst du Jack. Der weiß, was das bedeutet.“

Ich bin sicher, Busty weiß es auch. Aber die wird dichthalten. Die weiß nur zu gut, wie es Jessy ergangen ist.

In Gedanken spule ich den Plan noch mal Punkt für Punkt ab.

Auf die Sekunde genau verlasse ich die Bar.

Draußen ist es schon stockdunkel. Ein eiskalter Wind schneidet mir ins Gesicht.

Zwei vereinzelte Flöckchen. Oh Gott, jetzt bloß kein Schnee. Spuren kann ich nicht gebrauchen. Nachher kann’s von mir aus schneien so viel es will. Wär‘ sogar ganz hilfreich, so ein dichter Schneemantel, der alles zudeckt.

Die Rolex zeigt: Noch 4 Minuten, 23 Sekunden.

Ich ziehe den Hut tief ins Gesicht, klappe den Mantelkragen nach oben und gehe weiter. Jeder Schritt genau abgezählt.

Jack, was für ein Name! Aber wer will schon Friedhelm Heinrich heißen?

Die Rolex zeigt: Noch 1 Minute, 18 Sekunden.

Ich summe still in mich hinein: Teach me tig…

Ich behalte die Rolex im Auge und fasse mit der Rechten in die geheime Manteltasche. Fühlt sich kalt an. Sogar durch die Handschuhe.

Teach me tiger … Ja, diese Lektion wird er verstehen …

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Doppelgänger – Eine spannende Kriminalgeschichte um zwei Schriftsteller, Doppelgänger und eine geheimnisvolle Domina …

Der Anruf kam unerwartet. Es war mein Schriftstellerkollege Stefan Aurich. Während ich immer noch auf meinen ersten nennenswerten Erfolg wartete, hatte er es mit seinen subtilen Kriminalromanen längst zum Bestsellerautor geschafft …

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Humor, Erotik, Spannung, erotische Kurzgeschichte

Kein gewöhnlicher Arbeitstag

Super Push-Up-BH
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Kein gewöhnlicher Arbeitstag

© Ronald Henss

Für Sabrina Kraemer sollte dies kein gewöhnlicher Arbeitstag werden. Zufällig hatte sie gestern Abend kurz vor Feierabend einen Blick auf den Terminkalender geworfen, der offen auf der Empfangstheke lag. Etwas verwundert las sie: Donnerstag, 18. September, 15:30; Kornmann, W. ‚Hhmm, merkwürdig, der war doch erst vor zwei Wochen hier.‘ Aber dann dachte sie: ‚Um so besser, dann können wir die Sache ja viel schneller in Angriff nehmen als geplant.‘

Der Wecker klingelte heute zwei Stunden früher als sonst. Wie schon in den letzten Tagen wurde sie auch heute aus erotischen Träumen gerissen. Am liebsten wäre sie liegen geblieben und hätte sich ihren lustvollen Phantasien hingegeben.

Aber heute war ein wichtiger Tag, der ihr Leben in völlig andere Bahnen lenken sollte. Der musste gut vorbereitet werden. Voller Tatendrang schwang sie sich aus dem Bett.

Zuerst Toilette, und dann ab unter die Dusche. Erst lauwarm, dann kalt. Puuuuhhh! Eigentlich hasste sie kaltes Wasser. Nach dem Duschen betrachtete sie ihre phantastische Figur in dem großen Spiegel. Sie war schlank, aber nicht dünn. Weibliche Rundungen genau dort wo sie sein müssen, und alles genau in der richtigen Proportion. Und dazu noch die langen Beine, die ihr ein aristokratisches Aussehen verliehen. Ihr Körper war einfach perfekt!

Beim Frühstück konnte sie nur an IHN denken. Ja, er war ihr schon damals aufgefallen, als er zum ersten Mal in den Laden gekommen war. Sofort hatte sie sein Interesse gespürt und sie fand ihn durchaus sympathisch. Aber erst als er fünf Wochen später wieder auftauchte, sprang bei ihr ein Funke über. In dem stummen Austausch ihrer Blicke lag mehr als nur Sympathie. Sie spürte sein Begehren und ihre Gefühle gerieten durcheinander. Seither hatte sie viel an ihn gedacht. Und dann, wieder fünf Wochen später, war er erneut in den Laden gekommen. Aufmerksam verfolgte sie im Spiegel, wie er sie betrachtete, und noch stärker als zuvor spürte sie sein Begehren. Als sich ihre Blicke trafen, hielt sie inne. Erst Corinnas spöttische Bemerkung „Hey, Sabrina, träumst du? Aufwachen, Schätzchen!“ zerriss das magische Band.

Seitdem war er ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Heimlich hatte sie im Terminkalender an der Empfangstheke recherchiert: Kornmann, W. Was bedeutete „W“? Wolfgang, Werner, Walter, ….? Wie hieß dieser Mann, der sie so sehr in Verwirrung gestürzt hatte? Was war das für ein Mensch, der sie durch seine Blicke in seinen Bann gezogen hatte? War er derjenige, auf den sie so lange gewartet hatte? War er der Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens zusammen sein wollte? Sie musste es herausfinden. Bei seinem nächsten Besuch würden sie sich kennen lernen. Vermutlich würde er sie ansprechen. Wenn nicht, dann würde sie den ersten Schritt tun. Sie konnte diese Spannung nicht länger ertragen. Sie spürte, dass er der Richtige war.

Sein letzter Besuch lag erst zwei Wochen zurück, und nun sollte er heute schon wieder kommen. Das konnte nur bedeuten, dass auch er mehr wollte als das Band der stillen Blicke.

Die Wellen auf der Kaffeetasse und das leise Klappern des Kaffeelöffels machten ihr bewusst, dass sie vor Aufregung zitterte. Kein Wunder, schließlich würde der heutige Tag ihr Leben verändern. Und an diesem besonderen Tag wollte sie besonders schön sein. Noch schöner als sonst; erotisch, begehrenswert, verführerisch. Sie wollte alles tun, um diesen Mann zu verzaubern.

Sabrina Kraemer hatte schon immer Spaß daran gehabt, sich zu pflegen und zu schminken. Und heute Morgen machte es ihr besonders viel Freude. Obwohl sie ihr ganzes fachmännisches Können zur Geltung brachte, reichten die zwei Stunden, die sie früher aufgestanden war, gerade so aus. Mehr als eine Stunde benötigte sie alleine für die Pflege ihrer Haare. Als sie schließlich die schwarze wallende Mähne im Spiegel betrachtete, war sie betört.

Wie gut, dass sie ihre Garderobe schon gestern Abend bereitgelegt hatte. Fast zwei Stunden lang hatte sie aussortiert, anprobiert, begutachtet, geprüft, verworfen, neu kombiniert … Schließlich musste an diesem besonderen Tag alles perfekt sein. Letztlich hatte sie dann doch genau das ausgewählt, was sie von Anfang an geplant hatte, das verführerischste Outfit, das sich aus ihrer umfangreichen Garderobe zusammenstellen ließ: Die hauchdünne durchsichtige schwarze Bluse, den knappen schwarzen Push-up, den schwarzglänzenden Lack-Mini, der nur fingerbreit über ihre Pobacken reichte, den winzigen schwarzen String-Tanga und die superhohen schwarzen Lack-Pumps. Sorgfältig hatte sie alles in der großen Tragetasche verstaut, denn in dieser aufreizenden Aufmachung würde sie erst nach der Mittagspause aufkreuzen. Für den Vormittag hatte sie sich die übliche Garderobe zurecht gelegt, chic, figurbetont, sexy, aber nicht zu gewagt. Gerade so, dass es im Geschäft noch tragbar war.

Auf dem Weg zur Arbeit, in der U-Bahn, dachte sie an ihn und seine Blicke. Ja, sie war es gewohnt, dass Blicke auf ihren Körper gerichtet waren. Manche drückten einfach nur Wohlgefallen oder Bewunderung aus. In anderen spürte sie das Begehren und die Lust, die auf ihren Körper gerichtet waren. Manche Blicke waren nett, freundlich, voller Sympathie, andere aufdringlich, taxierend, unverschämt, frech, abwertend, entrüstet, neidisch … Sabrina hatte geglaubt, sie würde das ganze Spektrum von Gefühlen kennen, die sich in Blicken ausdrücken können. Aber dieses Mal war es anders. Ein paar kurze Blickkontakte im Spiegel hatten sie gefangen genommen. Sie spürte: Das muss die große Liebe sein auf die sie so lange gewartet hatte.

Wie immer stand Corinna schon am Bahnsteig um dann gemeinsam mit ihr die paarhundert Meter zum Salon zu schlendern.

„Hallo, Sabrina-Schätzchen! Wow, siehst du heute toll aus! Du hast dich doch nicht etwa verliebt. Oder?“

Etwas verlegen murmelte Sabrina: „Na, wart’s ab, du wirst schon sehen.“

Und nach kurzem Schweigen: „Ah, und dann noch was: Können wir heute ausnahmsweise mal so tauschen, dass ich erst von zwei bis drei Mittagspause mache?“

„Na klar, lässt sich machen. Aber sag doch: Was gibt’s denn so Geheimnisvolles?“

Aber aus Sabrina war nichts herauszulocken.

Obwohl sie innerlich aufgewühlt war, gelang es ihr, den Vormittag nach außen hin als ganz normalen Arbeitstag zu gestalten. Ihre Professionalität und die Liebe zu ihrer Arbeit halfen ihr, die fiebrige Erwartung einzudämmen.

Sabrina Kraemer ist Friseurin. Sie liebt ihren Beruf von ganzem Herzen. Schönheit war schon immer das zentrale Thema in ihrem Leben und sie hatte seit jeher viel Freude daran, sich selbst und andere Menschen zu verschönern. Und so war schon in frühen Jahren klar gewesen, dass sie einmal Friseurin werden würde.

Im Salon war sie bei allen beliebt. Kolleginnen und Kundinnen schätzten ihr fachliches Können und ihr freundliches Wesen. Sie war eine aufmerksame und einfühlsame Gesprächspartnerin. Sie hatte einen untrüglichen Geschmack und sie war eine hervorragende Beraterin. Stets versuchte sie, die Persönlichkeit der Kundin herauszufinden und sie dann entsprechend ihrer inpiduellen Note zu beraten.

Und natürlich waren alle von ihrer außergewöhnlichen Schönheit begeistert. Viele Männer kamen wohl nur deshalb in den Salon „Fashion Cut“, um Sabrina zu sehen. Und das, obwohl sie nur Frauen frisierte. Für viele war die Wartezeit, während derer sie Sabrina bei der Arbeit zusehen konnten, das Wichtigste am Friseurbesuch. Aber auch die Kundinnen waren von Sabrinas Aussehen hingerissen. Manche fanden es als eine besondere Ehre, von einer solch einzigartigen Schönheit beraten und frisiert zu werden.

Gerade weil Sabrina so gut aussah, konnte niemand verstehen, dass sie so lange alleine war. Seit der Trennung von Lars hatte sie keine Beziehung mehr gehabt. Dabei war es doch für sie nie ein Problem gewesen, Männer anzulocken. Ganz im Gegenteil. Sie hatte so viele Verehrer, dass sie von allen beneidet wurde. Aber Sabrina ging es nicht um das schale Vergnügen einer unverbindlichen Affäre. Sie wollte mehr. Sie wollte den Einen, den Einzigen, den Richtigen. Trotz aller Enttäuschungen glaubte sie noch immer an die große Liebe. Sie glaubte fest daran, dass es den Einen gab, der nur für sie bestimmt war.

Und nun hoffte sie, ihn endlich gefunden zu haben. Es waren nur noch wenige Stunden bis zu der entscheidenden Begegnung. In der letzten Stunde vor der Mittagspause schien die Zeit still zu stehen.

Als Sabrina dann endlich im Aufenthaltsraum saß, brachte sie keinen Bissen hinunter. Nur den heißen Kaffee, extra-stark, schwarz, ohne Milch, ohne Zucker.

Freudig erregt ging sie ins Bad um sich umzuziehen. Mit ein paar routinierten Handgriffen zog sich nackt aus. Minutenlang bewunderte sie ihren perfekten Körper in dem großen Spiegel. Diesen Körper würde sie IHM zum Geschenk machen. In einer festlichen Zeremonie packte sie die Utensilien weiblicher Verführungskunst aus der Tragetasche. Die schwarzglänzenden Lack-Pumps. Den winzigen schwarzen String-Tanga. Den knappen schwarzen Push-up. Die hauchzarte durchsichtige schwarze Bluse. Den knallengen superkurzen schwarzen Lack-Mini. Jedes Teil ein kostbares Kleinod. Alles passend zu ihrem pechschwarzen Haar, das weit über ihre Schultern wallte. Sie konnte sich gar nicht satt sehen an ihrem Spiegelbild. Alles an ihr war Erotik in höchster Vollendung.

Mit einer kleinen Verspätung kam sie in den Salon zurück. Die Gespräche rissen ab. Für einen kurzen Moment genoss sie die sprachlose Bewunderung. Dann sagte sie mit ruhiger Stimme: „So, Frau Schönbeck, dann wollen wir mal. Wie hätten Sie’s denn heute gern?“ Äußerlich war Sabrina voll und ganz bei der Sache, aber ihre Aufregung steigerte sich von Minute zu Minute.

Früher als erwartet hörte sie von der Empfangstheke her die stets freundliche Stimme von Beatrice: „Guten Tag, Herr Kornmann.“ Ihr Herz klopfte bis zum Hals. „Bitte nehmen Sie doch noch einen Moment hier Platz.“

Nun musste sie ihre ganze Kraft zusammenreißen. Nur noch ein paar Sekunden warten, bis er bequem Platz genommen hat. Sie hörte ihr Blut in den Adern pochen.

Und jetzt – endlich – der Blick in den Spiegel.

Im ersten Augenblick war sie nur verwirrt. Aber schon in der nächsten Sekunde packte sie das Grauen. Sie stand da, erstarrt, unfähig sich zu bewegen, unfähig einen Laut von sich zu geben.

„Iiii!!! Hiiiilfe!!!“

Der gellende Schrei von Frau Schönbeck durchzuckte den Frisiersalon wie ein Blitz. Fassungslos und entsetzt stürzten von allen Seiten die Kolleginnen herbei.

„Sabrina! Was ist los? Was ist denn passiert?“

„Sabrina! Sabrina, so sag doch was!“

„Sabriiinaaa!!!“

„Hiiilfe! Sabriiinnaaa!“

„Hiiilfe! Ein Arzt! Schnell!“

„Sabrina! Sag doch was!“

Mit starrem Blick sah Sabrina Blut über das hellblonde Haar ihrer Kundin rinnen. Dicke dunkelrote Perlen tropften auf die nackte Schulter. Sabrina war unfähig sich zu bewegen. Sie war erstarrt. Wie in einem Traum sah sie sich selbst von außen. Das war ihr Blut. Sie hatte sich mit der Schere tief in die Hand gestochen, aber sie spürte nichts. Sie sah sich selbst dastehen, unbeweglich, starr, totenbleich.

Leblos wie eine Puppe wurde Sabrina von Corinna und der Chefin, Frau Köhnen, in den Aufenthaltsraum geführt. Regungslos und stumm saß sie da. Die Augen weit aufgerissen. Der Mund offen. Der Kiefer hing schlaff herab. Sie war erstarrt. Dennoch zitterte sie am ganzen Körper. Sie war leichenblass. Ihre Hände eiskalt. Im Aufenthaltsraum herrschte eine gespenstische Atmosphäre.

Erst die Ankunft des Notarztes brach die lähmende Stille. „Keine Sorge, meine Damen, das ist nur ein Schock. Was ist denn passiert?“

Hilfloses Schulterzucken. Ratlosigkeit. Niemand wusste, wodurch der Schock ausgelöst worden war.

„Ich werde ihr eine Beruhigungsspritze geben. Wir bringen sie mit dem Rettungswagen nach Hause. Könnte jemand von Ihnen mitkommen?“

„Ja, ich“, sagte Frau Köhnen, „Und Sie, Corinna, können dann ja nach Feierabend noch einmal bei Sabrina vorbeischauen.“

„Ja, das werde ich tun. Bis später dann, und alles Gute.“ Corinnas Stimme erstickte in lautem Schluchzen.

Als sie Sabrina in ihr Bett legten, zeigte die Spritze schnell Wirkung.

„So, Frau Köhnen, das ist alles, was wir im Moment tun können. Sie wird jetzt tief und fest schlafen. Es wäre aber trotzdem schön, wenn heute Abend noch einmal jemand nach ihr sehen könnte. Wegen der Fleischwunde an der Hand brauchen Sie sich übrigens keine Sorgen zu machen. Das sieht schlimmer aus als es ist. Das wird rasch verheilen. Da wird höchstens eine ganz kleine Narbe zurück bleiben.“

Als Corinna, selbst noch völlig aufgelöst, nach Feierabend in Sabrinas Schlafzimmer kam, war sie erleichtert. Ihre beste Freundin schlief tief und fest. Auf dem bleichen Gesicht lag ein friedlicher Ausdruck. Sanft küsste sie Sabrinas Stirn und flüsterte liebevoll: „Schlaf gut, Kleines. Hab keine Angst. Alles wird gut!“ Dann wischte sie sich eine Träne aus den Augen.

Mitten in der Nacht waren sie plötzlich wieder da: Diese Augen! Dieser Blick! Ein überdimensionales Messer funkelte im Sternenlicht … Blut strömte aus der blitzenden Klinge … durchschnittene Kehlen … Blutlachen … abgetrennte Fingerglieder … dämonisches Lachen … Sie versuchte zu rufen, zu schreien, zu brüllen – aber kein Laut drang aus ihrer Kehle. Sie war gelähmt … das Messer … das blitzende Funkeln … Blut … abgerissene Körperteile … diese Augen … dieser Blick …

Als sie endlich aus dem Alptraum herausgefunden hatte, war sie eiskalt. Schweißüberströmt. Sie vibrierte am ganzen Körper.

Erst allmählich begriff Sabrina wo sie war. Das war nur ein Alptraum gewesen. Aber warum? Was war geschehen? Was war heute geschehen?

In Bruchstücken kehrte die Erinnerung zurück. Es war der Tag, auf den sie sich so sehr gefreut hatte. Der Tag, der ihr Leben verändern sollte. Sie hatte sich schön gemacht. Für IHN, nur für IHN. Sie war im Salon. Sie frisierte Frau Schönbeck. Sie war überrascht als sie früher als erwartet die Stimme von Beatrice gehört hatte: „Guten Tag, Herr Kornmann … Bitte nehmen Sie doch noch einen Moment hier Platz.“ Es waren nur noch Sekunden bis zu dem Moment, dem sie so lange entgegen gefiebert hatte. Gleich würde sie in den Spiegel schauen. Ihre Blicke würden sich treffen, und beide würden sie wissen, dass sie füreinander bestimmt waren.

Aber das waren nicht seine Blicke. Das waren nicht die Blicke, die mit magischer Kraft ein erotisches Band geknüpft hatten. Das war nicht der W. Kornmann, auf den sie so sehnlich gewartet hatte. Dort saß ein Fremder. Ein Unbekannter. Aber seine Blicke waren nicht die Blicke irgendeines Fremden. Diese Blicke waren anders. Sie waren bedrohlich. Sie waren dämonisch. Sabrina war gelähmt. Kaltes Entsetzen hatte sie gepackt. Sie wusste nicht, woran es lag, aber diese Blicke hatten etwas Krankes. In ihnen lag etwas abgrundtief Böses. Sie wusste sofort: Diese Augen und diese Blicke würde sie nie vergessen können.

Es dauerte Tage bis sie wieder arbeiten konnte. Durch die Arbeit wurde sie ein wenig abgelenkt. Aber Nacht für Nacht waren sie da: Die diabolischen Augen … Blut … das Messer … die funkelnde Klinge … zerstückelte Glieder … dämonische Blicke … das Antlitz des Bösen … Jede Nacht wurde sie durch diesen Alptraum gefesselt. Eine eiskaltes Hand hielt sie umklammert. Jede Nacht war sie zu starr, um weinen zu können. Schon tagsüber hatte sie panische Angst. Sie versuchte, sich wach zu halten. Aber sie war so erschöpft, dass sie jeden Abend rasch einschlief, nur um mitten in der Nacht aufs Neue in das Inferno der Hölle gerissen zu werden.

Am Donnerstag, zwei Wochen nach der entsetzlichen Begegnung, nahm sie bei der Fahrt zur Arbeit zum ersten Mal wieder ihre Umgebung wahr. In dieser Nacht hatte sie zum ersten Mal wieder durchgeschlafen. Keine Alpträume, kein Blut, kein Messer, keine Augen, kein Schrecken, kein lähmendes Entsetzen. Es kam ihr vor wie eine Erlösung. Urplötzlich schien die Welt wieder in Ordnung. Sie fühlte sich frei. Die Pendler in der U-Bahn waren wieder dieselben wie eh und je. Die meisten in eine Zeitung vertieft, andere dösten oder starrten leer vor sich hin. Zwei schwerhörige ältere Damen unterhielten das ganze Abteil. Mit ihren Arztbesuchen – womit auch sonst?

Als Sabrinas Gegenüber aufstand, fiel ihr Blick auf das Titelblatt der Zeitung, die er achtlos auf dem Sitz liegen gelassen hatte. In riesengroßen Lettern stand dort „Frauenmörder gefasst!“ Als sie das Foto sah, gefror ihr das Blut in den Adern. Vor ihren Augen verschwammen die Worte „… Forensische Haftanstalt … entflohen … äußerst brutal … gefährlich … Massenmörder … sieben Frauen … bestialisch zerstückelt … Ritualmorde … alle Frauen … langes dunkles Haar … Minirock … ganz in Schwarz … Lack oder Leder …“

Dann sah sie nur noch eines: Diese Augen!

In diesem Moment fiel Sabrina Kraemer in Ohnmacht.

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