Ronalds Geschichten

Ronald Henss: Doppelgänger Ronald Henss: Ein Lobgesang auf meine guten Gene Ronald Henss: Die grasgrünen Haare

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Spannung, Humor, Krimi,

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Doppelgänger

Ronald Henss: Doppelgänger

Doppelgänger

© Ronald Henss

Ronald Henss: DoppelgängerDer Anruf kam unerwartet. Es war mein Schriftstellerkollege Stefan Aurich. Während ich immer noch auf meinen ersten nennenswerten Erfolg wartete, hatte er es mit seinen subtilen Kriminalromanen längst zum Bestsellerautor geschafft. Stefan und ich hatten uns von Anfang an sehr gut verstanden. Viele Kollegen meinten, das läge vor allem daran, dass wir uns äußerlich sehr ähnlich sahen. Aber wir waren auch in Bezug auf Literatur und Kunst meist der gleichen Meinung. Und das kommt in unseren Kreisen höchst selten vor.

Das erste Mal waren wir uns auf der Frankfurter Buchmesse begegnet. Das war vor neun Jahren. Seitdem trafen wir uns ab und zu auf Lesungen, Schriftstellerkongressen oder auf der Buchmesse. Darüber hinaus hatten wir keine Kontakte. Telefoniert hatten wir in all den Jahren nur zwei oder drei Mal.

Das Gespräch war ziemlich kurz. Stefan musste dringend nach Lissabon reisen. Dort wollte er einen mysteriösen Fall recherchieren, der auffallend viele Parallelen zu seinem aktuellen Krimidrehbuch aufwies. Da er seine Wohnung nicht so lange unbeaufsichtigt lassen wollte, bot er mir an, die nächsten drei Wochen in seinem Apartment zu wohnen.

Das Angebot war sehr merkwürdig und es kam ein bisschen plötzlich. Aber Hamburg war natürlich eine besondere Verlockung. In Stefans Wohnung könnte ich in aller Ruhe an meinem Buch weiterschreiben. Außerdem könnte ich dort einschlägige Milieustudien direkt vor Ort betreiben. Also sagte ich kurzentschlossen zu.

Ich hatte mir fest vorgenommen, in diesen drei Wochen mein Buch ein entscheidendes Stück voran zu bringen. Während der Zugfahrt hatte ich mir einen Tagesplan zurechtgelegt, an den ich mich mit eiserner Disziplin halten wollte. Aufstehen um halb acht. Duschen, gymnastische Übungen, Ankleiden und Frühstück bis neun. Dann Schreiben bis halb zwölf. Mittagsimbiss, Spaziergang und Ruhepause bis vierzehn Uhr. Dann Schreiben bis achtzehn Uhr. Der Rest war frei. Drei bis vier Nächte pro Woche waren für ausgiebige Streifzüge durch St. Pauli reserviert. Ein paar konkrete Erfahrungen am eigenen Leib würden meinem Roman sicher gut tun.

Als ich am Abend in Hamburg ankam, war Stefan längst in Lissabon. Ich holte, wie verabredet, den Wohnungsschlüssel bei einer Nachbarin ab. Ihr Abschiedsgruß – „Na, dann lassen Sie es sich mal gut gehen als Stefan Aurich“ – ging mir noch eine Weile durch den Kopf, aber dann ordnete ich ihn in die Rubrik ‚hanseatischer Humor‘ ein und machte es mir in meinem neuen Domizil bequem.

Auf Stefans Schreibtisch fand ich ein Manuskript. „Doppelgänger“ – offenbar ein Entwurf für einen neuen Kriminalroman. Sofort vertiefte ich mich in die Lektüre, die mich von der ersten Seite an gefangen nahm. Ich war aufgewühlt aber auch enttäuscht, dass das Manuskript noch nicht fertiggestellt war. Zu gern hätte ich die Lösung zu diesem verwickelten Puzzle erfahren. Mir war klar, die Doppelgänger-Story würde ein absoluter Topseller werden.

Kurz vor dem Einschlafen schoss mir ein Gedanke in den Sinn. Stefan und ich waren gleich groß und wir hatten eine ähnliche Statur. Ich könnte doch, solange ich hier wohnte, Stefans extravagante Garderobe nutzen. Die Vorstellung, während meines Aufenthaltes in Stefans textile Hülle zu schlüpfen, versetzte mich in eine kribbelige Unruhe.

Am nächsten Morgen entdeckte ich auf einer Kommode ein Foto von Stefan, das offenbar jüngeren Datums war. Spontan beschloss ich, ausnahmsweise von meinem Arbeitsplan abzuweichen. Ich steckte das Bild mitsamt Rahmen in die Tasche, fuhr in die City und suchte einen trendig-coolen Friseursalon auf. Dort legte ich das Foto vor und ließ mir das Haar einen Tick dunkler färben und die Frisur so stylen wie Stefan. Als ich den smarten Figaro bat, auch noch meinen Schnurrbart abzurasieren, entspann sich eine kleine Debatte. Er fand, dass ich mit Schnurrbart viel markanter aussähe. Ich gab ihm Recht. Ich hatte den Schnurrbart erst vor kurzem wachsen lassen und ich fand auch, dass er mir ausgezeichnet stand. Aber es musste sein. Als der Meister sein Werk mit einem tiefen Seufzer beendet hatte, war die Verwandlung perfekt.

Das sollte ich in den kommenden Tagen und Wochen immer wieder aufs Neue erfahren. An den unterschiedlichsten Orten wurde ich von wildfremden Menschen gegrüßt. Kein Zweifel, die hielten mich für Stefan. Ich grüßte stets freundlich zurück, wahrte aber genügend Abstand, so dass niemand den Rollentausch bemerkte. Vermutlich waren aber nicht wenige über „Stefans“ distanzierte Art irritiert.

Die Tage verliefen so wie ich es bei der Zugfahrt geplant hatte, nur sollten sie viel produktiver werden, als gedacht. Die Abende, die ja keiner Regelung unterworfen waren, verliefen hingegen völlig anders als ich es mir je hätte vorstellen können.

Das heißt, die ersten Abende und Nächte verliefen durchaus programmgemäß. Zwei Mal war ich erst in den frühen Morgenstunden aus St. Pauli zurückgekommen, wo ich die Schatzkiste meiner sexuellen Erfahrungen um ein paar bizarre Erlebnisse bereichert hatte. Die beiden anderen Male hatte ich nach einem ausgiebigen Abendspaziergang vor dem Fernseher verbracht.

Auch der nächste Abend verlief im Grunde programmgemäß. Es ist nur eine banale Kleinigkeit zu erwähnen, die aber erst im Zusammenhang mit den darauffolgenden Ereignissen einen Sinn bekommt. Ich war gerade von meinem Abendspaziergang zurück gekommen und machte mich rasch frisch. Als ich aus dem Badezimmerfenster blickte, bemerkte ich, dass in einer Wohnung gegenüber das Licht angeschaltet war. Es war ein großer Raum. Der Einrichtung nach musste es sich um eine Arztpraxis handeln. Da in dem Raum niemand zu sehen war, achtete ich nicht weiter darauf.

Am folgenden Abend wollte ich wieder eine große Reeperbahn-Tour unternehmen, um weitere Abgründe menschlicher Begierde auszuloten. Als ich aus dem Badezimmerfenster schaute, stellte ich fest, dass in der Praxis gegenüber Licht brannte. Dieses Mal waren zwei Personen zu sehen. Anhand der graublauen Kittel und ihrer Tätigkeit waren sie unschwer als Putzfrauen zu erkennen. Die beiden waren ein bemerkenswertes Duo. Die ältere muss schon über 50 gewesen sein. Sie war sehr klein und kugelrund. Die andere war das genaue Gegenteil. Sie war jung, groß und schlank. Sie trug auffallend lange schwarze Haare, die glatt den Rücken hinab hingen. Fasziniert schaute ich der schwarzhaarigen Schönheit eine Weile zu. Dann ging ich nach nebenan und setzte mich vor den Fernseher.

Kurz bevor ich zu meiner Tour aufbrechen wollte, ging ich noch einmal ins Bad, um mir die Haare zu kämmen. In der Praxis war es dunkel. In derselben Sekunde, in der ich das Badezimmerlicht ausknipste, ging gegenüber das Licht an. In der hellbeleuchteten Praxis sah ich die junge Putzfrau. Die ältere war nirgends zu sehen. Mit einer schwarzglänzenden Tragetasche ging die faszinierende Fremde zu einem großen Wandspiegel. Dort streifte sie den Putzfrauenkittel ab und zog sich nackt aus. Sie war wunderschön. Nachdem sie sich eine Weile im Spiegel betrachtet hatte, kramte sie in der Tragetasche und zog sich langsam an. Stück um Stück. Es waren keine gewöhnlichen Kleidungsstücke. Nur kostbarste Utensilien weiblicher Verführungskunst. Als das Werk vollendet war, bewunderte sie sich als perfekte Domina im Spiegel. Kurz darauf streifte sie den Putzfrauenkittel über, packte ihre Sachen zusammen, ging zur Tür und dann war es dunkel. Für ein paar Sekunden war ich wie gelähmt. Dann stürzte ich aus dem Apartment, hinunter auf die Straße und rannte um den Block bis zu dem Haus, in dem sich die Arztpraxis befinden musste. Ich kam zu spät. Ich konnte die unbekannte Schöne nirgendwo entdecken.

Diese Begebenheit hatte mich so aufgewühlt, dass ich meine Reeperbahn-Tour sausen lies. Ich konnte nur noch an eines denken: die Schöne und ihre Metamorphose von einer Putzfrau zu einer Domina. Ich musste dieses Bild unbedingt festhalten. Stundenlang versuchte ich, die Unbekannte in ihrem Domina-Dress zu zeichnen. Irgendwann wachte ich auf und stellte fest, dass ich am Schreibtisch eingeschlafen war. Dutzende Skizzen lagen verstreut auf dem Boden. In der Nacht wurde ich mehrmals aus surrealistischen Träumen gerissen. Es war ein Rausch, wie ein fiebriger Traum aus Kindheitstagen. Die schwarzhaarige Schönheit hatte Besitz von mir ergriffen.

Der nächste Tag brachte die Wende für meinen Roman. Urplötzlich war ein Damm gebrochen. Mit einem Schlag sah ich neue Figuren und Handlungsstränge in einer nie gekannten plastischen Klarheit. Am Abend musste ich mich zwingen, mit dem Schreiben aufzuhören. Als ich endlich wieder klare Gedanken fassen konnte, ging ich ins Badezimmer und wartete, den Blick starr auf den Block gegenüber gerichtet. Nichts tat sich. Alles blieb dunkel. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis mir einfiel, dass Samstag war. Da konnte ich lange warten! Enttäuscht ging ich zu Bett.

Am Sonntag fiel ich dann in einen regelrechten Schreibrausch. Da mit der geheimnisvollen Schönheit nicht zu rechnen war, schrieb ich bis tief in die Nacht hinein.

Am Montagmorgen fuhr ich in die City und kaufte ein Fernglas. Es war das leistungsstärkste Gerät, das ich aufspüren konnte, und dementsprechend teuer. Ich sollte die Investition nicht bereuen. Von nun an fand ich mich jeden Abend im Badezimmer ein und verfolgte das außergewöhnliche Schauspiel in maximaler Vergrößerung.

Am Freitag, also genau eine Woche nach der faszinierenden Entdeckung, geschah etwas Unerwartetes. Die Verwandlung zur Domina war auf halbem Wege, da hielt die unbekannte Schöne inne. Regungslos verharrte sie vor dem Spiegel. Irgendetwas musste sie aus dem Konzept gebracht haben. Plötzlich wurde mir bewusst, dass die Badezimmertür ein Stück weit aufgegangen war. Von nebenan fiel Licht ins Bad. Sie hatte im Spiegel meine Silhouette entdeckt. Ich stürzte zur Tür und drückte sie fest zu. Als ich zu meinem Beobachtungsposten zurückkehrte, stand sie immer noch regungslos da. Ich stutzte einen Moment, dann wurde mir klar: Sie weiß genau, dass ich nicht weggegangen bin; sie weiß, dass ich sie im Schutze der Dunkelheit weiter beobachte. Sie zeigte keine Regung. Ich spürte das Blut in den Halsschlagadern pochen. Die Anspannung war kaum zu ertragen. Da hatte ich eine Idee: Ich schaltete das Licht an und ging zurück ans Fenster. Nun konnte sie deutlich erkennen, dass ich sie beobachtete. Langsam drehte sie sich um, so dass ich sie von vorne sehen konnte. Wie in Zeitlupe zog sie sich aus. Als sie völlig nackt war, fasste sich hinter den Kopf, streifte ihr langes schwarzes Haar über die rechte Schulter und ließ es nach vorn fallen, so dass ihre rechte Brust bedeckt war. Sie war unbeschreiblich schön. Ich wagte nicht, zu atmen. Schließlich drehte sie sich um, wandte sich zum Spiegel und setzte ihre unterbrochene Verwandlung zur Domina fort. Anschließend streifte sie den Putzfrauenkittel über, packte die Tragetasche und ging, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen, zur Tür – dann war es dunkel.

Übers Wochenende schrieb ich Tag und Nacht. Längst hatte die verführerische Fremde jede Faser meines Denkens durchdrungen. Immer mehr wurde sie zur Hauptfigur des Romans.

Am Montagabend beobachtete ich die beiden Putzfrauen wie immer im Schutze der Dunkelheit. Pünktlich verließen die beiden die Praxis. Die Anspannung steigerte sich ins Unerträgliche. Als das Licht erneut anging und die geheimnisvolle Schöne alleine den Raum betrat, schaltete ich das Licht an. Sie ging bis zur Mitte des Zimmers, schaute herüber, streifte den Putzfrauenkittel ab und zog sich langsam aus. Ein paar Sekunden später drehte sie sich um, ging zum Spiegel, verwandelte sich in eine Domina und ging, ohne sich umzusehen, hinaus.

Am Dienstag wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich nur noch ein paar Tage in Hamburg war. Ich musste sie unbedingt kennen lernen. Ich wartete, bis die Verwandlung zur Domina abgeschlossen war und rannte so schnell ich konnte um den Block. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Über eine Stunde suchte ich die Gegend ab. Ohne Erfolg.

Am Mittwoch genau dasselbe.

Am Donnerstag war meine letzte Nacht in Hamburg. Ich musste sie abfangen, koste es was es wolle. Schon am späten Nachmittag, lange bevor die beiden Putzfrauen mit ihrer Arbeit begannen, postierte ich mich in einer verdeckten Einfahrt gegenüber dem Gebäude, in dem sich die Praxis befand. Von dort aus hatte ich alles im Blick. Ich wartete und wartete. Nichts rührte sich. Stundenlang harrte ich bei klirrender Kälte aus, aber keine Spur von der unbekannten Schönen. Die Zeit war schon weit überschritten. Ziellos irrte ich durch die Straßen. Ein eisiger Wind schnitt mir ins Gesicht.

Völlig erschöpft und halb erfroren kam ich zu mir. Ich lag im Treppenhaus vor Stefans Apartment. Meine Armbanduhr zeigte 06:17. Mit letzter Kraft schleppte ich mich ins Bett.

Um 13:39 wachte ich auf. Es war der 12. Dezember. Hastig packte ich meine Sachen zusammen. Mein Zug ging um 16:46 auf Gleis 14a/b.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie ich nach Hause gekommen bin. Es dauerte zwei Tage, bis ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Aber dann erholte ich mich erstaunlich schnell. Erleichtert stellte ich fest, dass meine produktive Phase unvermindert anhielt. Die Gedanken an die geheimnisvolle Schöne ließen mich nicht los. Es war, als würden mir die Worte von außen diktiert.

Es waren etwa drei Monate vergangen, als Stefan anrief. Es war spät am Abend und ich war gerade dabei, mich bettfertig zu machen. Ich spürte sofort, dass sich etwas Außergewöhnliches ereignet hatte.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, was passiert ist. Halt dich fest: Ich werde im Sommer heiraten.“

Das war nun wirklich eine Sensation. Nie im Leben hätte ich mir träumen lassen, dass Stefan heiraten würde. Ausgerechnet Stefan, der in Schriftstellerkreisen den Spitznamen „Der einsame Wolf“ trägt.

Und dann schwärmte er von seiner Angebeteten. Sie hieß Maria und kam aus Polen. Sie war groß, schlank, hatte lange pechschwarze Haare und sah betörend aus. Bei seinen überschwänglichen Schilderungen musste ich sofort an die unbekannte Schöne aus der Arztpraxis denken.

Als ich ihn fragte, wie er sie kennen gelernt hatte, druckste er herum. Ich merkte, dass er nicht darüber sprechen wollte. Aber ich ließ nicht locker.

Schließlich rückte er doch mit der Sprache heraus. „Du erinnerst dich doch noch an damals, vor drei Monaten, als ich in Lissabon war und du meine Wohnung gehütet hast.“

Na klar, nur zu gut war mir dieser Aufenthalt im Gedächtnis!

„Also“, fuhr er fort, „es war an dem Abend, als ich aus Lissabon zurück gekommen bin. Ich war ziemlich erschöpft, hatte nur rasch das Gepäck ausgeräumt und wollte früh zu Bett gehen. Kurz vor 22 Uhr klingelte es an der Tür. Erst wollte ich gar nicht aufmachen. Aber schließlich bin ich doch hin.“

Geschickt legte er eine kleine Pause ein.

Ich war schon ungeduldig und ich wollte gerade sagen: „Ja, und? – Mach’s nicht so spannend!“, da fuhr er fort: „Und jetzt pass auf! Vor der Tür stand eine völlig fremde Frau und lächelte mich strahlend an.“

„Wie? Eine fremde Frau?“

„Ja, eine völlig fremde Frau. Ich hatte sie vorher noch nie gesehen. Aber sie hat mich angelächelt, als ob ich sie erwartet hätte.“

„Hhhmmm… Und weiter?“

„Ja, also, sie sah einfach super aus. Das hab ich ja schon gesagt. Groß, schlank, lange pechschwarze Haare, dunkle Augen – einfach unglaublich schön. Aber das Merkwürdigste war die Kleidung: Sie trug einen langen graublauen Kittel, so eine Art Putzfrauenkittel und dazu schwarze Lackstiefel mit hohen Absätzen.“

Nein – es konnte nicht der geringste Zweifel bestehen …

„Ja, und dann“, fuhr Stefan fort, „sagte sie mit einem entzückenden osteuropäischen Akzent: ‚Hallo, da bin ich. Du hast mich doch erwartet, oder?‘ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich starrte sie nur an. Einen Moment lang war wohl auch sie etwas irritiert. Aber dann meinte sie: ‚Ah, verstehe, du willst noch nicht reden, du willst erst sehen. Na, wenn das so ist – okay.‘ Und im gleichen Atemzug öffnete sie ihren Putzfrauenkittel.“

Mit Mühe konnte ich einen entsetzten „Nein!“-Schrei unterdrücken.

„Wenn ich dir jetzt sage, was drunter war, dann wirst du mir das nicht glauben. Aber es war wirklich so.“

Wieder legte er eine kurze Pause ein.

„Drunter hatte sie nur schwarze Lackstiefel bis über die Knie – sonst nichts. Nichts! Kein BH, kein Slip, nichts!“

Ich spürte, wie ich am ganzen Leibe zitterte. Eiskalter Schweiß rann mir von der Stirn. Kein Zweifel, das war sie, die geheimnisvolle Schöne von gegenüber. Natürlich konnte ich mir das vorstellen. Nur zu gut.

Stefan schien meine Sprachlosigkeit zu genießen. Nach einer endlos langen Pause meinte er: „Mir ist es genauso ergangen, wie dir jetzt: Ich war völlig sprachlos. Das hat sie natürlich auch gemerkt. Schließlich meinte sie nur: ‚Sag jetzt nichts, komm!‘, schob mich in die Wohnung, schloss die Tür hinter sich und streifte den Putzfrauenkittel ab. Was dann passierte, brauche ich dir wohl nicht zu erzählen.“

Ich brachte immer noch keinen Laut heraus.

Eine Weile war es totenstill.

„Hey, was ist los? Du sagst ja gar nichts mehr. Na ja, kann ich gut verstehen. Das ist wirklich eine unglaubliche Geschichte. Aber wenn ich’s dir sage: Es war genau so… Weißt du, was ich merkwürdig finde: Sie hat mir bis heute noch nicht verraten, wie sie ausgerechnet auf mich gekommen ist. Jedes Mal wenn ich sie gefragt habe, hat sie nur gelacht: ‚Jetzt tu doch nicht so!‘ Mittlerweile hab ich’s aufgegeben. Ich frag sie einfach nicht mehr danach. – Na ja, ist auch egal.“

Und dann fügte er noch hinzu: „Jetzt stell dir mal vor, die Maria hätte einen Tag früher an der Tür geklingelt. Dann wär ich ja noch in Lissabon gewesen. Stell dir das mal vor: Dann hättest du die Tür aufgemacht. Haha!… Na ja, Pech gehabt, alter Junge … Haha… So kann’s gehen… Haha… Tschüss!“

Ich kam noch nicht einmal dazu, auch „tschüss“ zu sagen.

Eine Zeitlang war ich paralysiert. Dann kochte unbändige Wut auf. Dass Stefan als Schriftsteller viel erfolgreicher war als ich, hatte ich neidlos anerkannt. Aber das war zu viel. Ein anderer an meiner Stelle hätte vermutlich das gesamte Mobiliar zertrümmert. Aber diese Art von Katharsis entspricht einfach nicht meinem Temperament. Ich biss die Zähne zusammen, zog meine Laufschuhe an und schlüpfte in den Jogging-Anzug. Wie von Sinnen rannte ich den steilen Weg zum Friedhof hoch und nach einer kurzen Verschnaufpause weiter durch den gespenstischen nächtlichen Wald. In der kleinen Schlucht am Brennenden Berg war ich am Ende meiner Kräfte. Der Vollmond warf ein schauriges Licht auf die Goethe-Gedenktafel.

Am nächsten Tag wurde ich durch die Glocken der Christuskirche und von St. Marien geweckt. Sie schlugen zwölf Uhr Mittag. Nach und nach fiel mir wieder ein, was geschehen war. Meine Wut war verflogen. Erneut wurde ich von einer Woge literarischer Inspirationen mitgerissen. Meine Romanheldin hatte nun sogar einen authentischen Namen. Ich schrieb wie ein Besessener.

Ein paar Tage später fand ich im Briefkasten eine Einladung zur Hochzeit. Im ersten Moment wollte ich die Karte einfach zerreißen. Aber meine Neugier war stärker. Ich würde auf jeden Fall zu der Hochzeitsfeier kommen. Wie Maria wohl auf mich reagieren würde? Vermutlich nicht besonders. Bestimmt würde auch sie eine Ähnlichkeit zwischen Stefan und mir feststellen. Aber der Gedanke, dass ich damals der stumme Beobachter gewesen war, würde ihr ganz sicher nicht kommen. In gewisser Weise konnte ich über mich selbst und meine unglückliche Rolle als unerkannter Doppelgänger lachen.

Kurz vor der Hochzeitsfeier wurde mein Buch fertig. Es hatte durch die aufwühlenden Ereignisse eine nie geahnte Dynamik gewonnen, und ich wusste: Dieses Werk würde mir zum Durchbruch verhelfen.

Vor der Abreise nach Hamburg hatte ich einen wichtigen Termin beim Saarländischen Rundfunk. Mein Agent legte Wert darauf, dass der lokale Sender als erster über mein neues Buch berichtete. Fernsehauftritte waren für mich längst Routine. Aber diese Sendung war anders. Jeder im Studio spürte: Das ist ein voller Erfolg. Der Moderator überschlug sich mit Lobeshymnen. „… sensationeller Roman … Neuentdeckung des Jahres … das kulturelle Highlight der Saison … Henning Mankell des bizarren Erotik-Romans … der Stephen King des Saarlandes …“ Euphorisch schwärmte ich der Taxifahrerin vor, die mich vom Studio auf dem Halberg nach Hause chauffierte. Als ich zahlen wollte, lehnte sie entrüstet ab. Stattdessen musste ich versprechen, ihr ein handsigniertes Exemplar meines Buches zu schenken.

Am nächsten Tag konnte ich mich vor Telefonanrufen kaum retten. Ich hatte es geschafft! Am späten Nachmittag klingelte es an der Tür. „Scheiß Pressefritzen, jetzt rennen die mir auch noch unangemeldet die Bude ein“, dachte ich und überlegte, ob ich überhaupt öffnen sollte.

Es waren zwei Herren, die ich nicht kannte, Mitte vierzig. Merkwürdigerweise hatte keiner eine Kamera dabei.

„Sind Sie Ralf Kornblum?“

„Ja, der bin ich“, sagte ich voller Stolz, „Worum geht’s?“

„Kriminalpolizei“ – die Ausweise, die sie mir entgegenhielten, waren offenbar echt – „Sie stehen im dringenden Verdacht, eine Serie von Einbrüchen verübt zu haben. Wir müssen Sie bitten, mit aufs Revier zu kommen.“

„Hä? … Was?? … Das ist doch ein Witz!“

„Uns ist ganz uns gar nicht nach Witzen zumute. Machen Sie, dass sie mitkommen.“

Ich begriff sofort, dass es sich nicht um einen Scherz handelte.

„… Da muss ne Verwechslung vorliegen.“

„Sie sind doch Ralf Kornblum, der Schriftsteller, der gestern im Saarländischen Rundfunk zu sehen war; ‚Saar-Kult-Tour‘ auf SR3?“

„Ja, der bin ich.“

„Na also, dann ist das ganz bestimmt keine Verwechslung. Packen Sie ein paar Sachen zusammen und kommen Sie mit.“

Als ich auf dem Revier zum x-ten Male fragte, was ich verbrochen haben sollte, rastete der korpulentere der beiden aus: „Jetzt halten Sie mal die Klappe! Sie haben doch das ganze Saarland ausgeraubt!“ Dann las er aus der Akte vor: „28. November Einbruch in Dillingen, 29. Saarlouis, 30. Neunkirchen, 1. Dezember St. Wendel, 2. Friedrichsthal und am selben Tag noch Landsweiler-Reden, 3. St. Ingbert … und …. und … und … schließlich am 9. Dezember Bous und Siersburg und zum Abschluss am 10. gleich noch mal in Dillingen. So eine Dreistigkeit. Und jedes Mal dieselbe Masche. Wir haben ein halbes Dutzend Zeugen, die Sie wiedererkannt haben.“

Der andere schlug mit der Faust auf den Tisch und lachte: „Mein lieber Mann, da haben Sie eine Riesendummheit begangen, als Sie im Saarländischen Rundfunk aufgetreten sind. Haha, so blöd kann nur ein Schriftsteller sein!“

Ich hatte keine Ahnung, was das alles mit mir zu tun hatte. Wie betäubt murmelte ich: „Wann soll ich das denn alles gemacht haben?“

„Na, das hab ich doch grad eben gesagt, und eigentlich müssten Sie das doch am besten wissen. Letztes Jahr zwischen dem 28. November und dem 10. Dezember.“

„Mein Gott!“, schoss es mir durch den Kopf, „Ende November, Anfang Dezember – Das ist die Rettung!“ Warum hatte ich nicht gleich danach gefragt? Das war doch genau die Zeit, in der ich in Hamburg war. Ein besseres Alibi konnte es gar nicht geben.

Just in diesem Moment traf mein Anwalt ein. „Na, besser zu spät als überhaupt nicht“, scherzte ich und wollte auf der Stelle nach Hause gehen. Aber das war etwas voreilig. Wegen akuter Flucht- und Verdunkelungsgefahr wurde ich auf dem Revier festgehalten. Zuerst musste mein Alibi überprüft werden. Ich musste also auf die Ermittlungsergebnisse der Hamburger Polizei warten.

Als am übernächsten Morgen mein Anwalt in den Besprechungsraum kam, merkte ich sofort, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Mit hochrotem Kopf tobte er: „… Vertrauensbruch … Missbrauch des Vertrauensverhältnisses … für dumm verkaufen … Eigentor geschossen … lächerlich machen … Mandat niederlegen …“

Als er sich endlich beruhigt hatte, erfuhr ich nach und nach, was die Ermittlungen der Hamburger Polizei ergeben hatten. Stefan Aurich hatte angegeben, nie in Lissabon gewesen zu sein. Ende November, Anfang Dezember sei er – ebenso wie davor und danach – in Hamburg gewesen. Seine Aussage wurde von mehreren Zeugen bestätigt, die sich genau daran erinnerten, ihn in dieser Zeit gesehen zu haben. Einigen war aufgefallen, dass er etwas distanzierter war als sonst, was Stefan damit erklärte, dass er damals besonders intensiv an seinem Krimidrehbuch gearbeitet hatte. Fakt sei, dass er Hamburg im letzten Jahr nie länger als zwei oder drei Tage verlassen hatte.

Ich hörte fassungslos zu. Was, um Gottes willen, hatte Stefan zu einer solchen Aussage bewogen? Für all das konnte es nur eine einzige Erklärung geben: Hinter der Einbruchserie steckte ein Doppelgänger von mir – und dieser Doppelgänger war kein anderer als Stefan Aurich. Genau der Stefan Aurich, als dessen Doppelgänger ich in Hamburg aufgetreten war. Plötzlich schoss mir das „Doppelgänger“-Manuskript in den Sinn – das also war die Lösung des vertrackten Puzzles!

Mein Anwalt meinte nur trocken: „Mein lieber Kornblum, überlegen Sie sich gut, wie Sie diese haarsträubende Geschichte dem Richter klar machen wollen. Ich jedenfalls lasse Ihnen erst mal Bedenkzeit bis morgen“, und – zack – war er verschwunden.

Ich überlegte fieberhaft. Maria! – Ja, Maria! Aber dann wurde mir rasch klar, dass Maria als Entlastungszeugin nicht in Frage kam. Entweder sie war Stefans Komplizin, dann war ohnehin alles gelaufen. Aber diese Möglichkeit schloss ich aus. Stefans Begeisterung hatte viel zu echt geklungen. Aus welchem Grund hätte er mir diese Story berichten sollen, wenn Maria seine Komplizin war? Maria war offenbar völlig unbeteiligt. Aber das machte meine Lage um keinen Deut besser. Sollte sie etwa aussagen: „Der Mann in Stefans Wohnung sah aus wie Stefan. Und die ganze Zeit habe ich auch geglaubt, es war Stefan. Aber nun denke ich, es war ein gewisser Ralf Kornblum, von dem ich noch nie etwas gehört habe.“ Das wäre einfach absurd. Die Zeugen in Hamburg hatten keinen Grund, an ihrer Aussage zu zweifeln – schließlich hatte ich meine Rolle als Stefans Doppelgänger perfekt gespielt. Und vermutlich war Stefan ein genauso guter Doppelgänger von mir gewesen. Meine Lage war ausweglos.

Aber dann hatte ich doch noch eine Idee …

Und ich sollte recht behalten. Die Aussage des exzentrischen Figaros brachte die Wende. Alle Zeugen in Hamburg hatten ausgesagt, dass sie Stefan nie mit einem Schnurrbart gesehen hatten. Aber der Figaro versicherte, dass der Schnurrbart, den er mir abrasiert hatte, echt war. Er konnte sich genau an alles erinnern: dass er mich nach dem Vorbild des Fotos stylen sollte und an unseren kleinen Disput, weil er der Meinung war, mit Schnurrbart sähe ich viel interessanter aus.

Ich wurde freigelassen und der Verdacht richtete sich natürlich sofort gegen Stefan Aurich.


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Lesetipp

Ronald Henss: DoppelgängerRonald Henss
Doppelgänger

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Doppelgänger – Eine spannende Kriminalgeschichte um zwei Schriftsteller, Doppelgänger und eine geheimnisvolle Domina …

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Doppelgänger, Spannung, Humor, Krimi, Kurzkrimi, Putzfrau, Erotik, Domina

Ein Lobgesang auf meine guten Gene

Ein Lobgesang auf meine guten Gene

Ein Lobgesang auf meine guten Gene

© Ronald Henss

Ronald Henss: Ein Lobgesang auf meine guten Gene

Als ich nach unten blickte, packte mich die Panik. Nein, das konnte nicht sein! Nein, das durfte nicht sein! Aber ich sah es doch mit eigenen Augen: Das waren nicht nur acht, neun oder zehn. Nein, das waren mehr. Das waren viel mehr. Das waren … neunzehn, zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig. Ja, vierundzwanzig. Vierundzwanzig Stück. Nein, das konnte nicht sein.

Ich zählte noch einmal nach … zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig. Wieder vierundzwanzig. Noch einmal … zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig. Nein, es gab nichts dran zu rütteln. Es waren vierundzwanzig. Und es blieben vierundzwanzig. Punkt. Aus. Vierundzwanzig Stück!

Ich konnte es nicht fassen. Vierundzwanzig! Jawohl, vierundzwanzig! Im Waschbecken lagen vierundzwanzig Haare. Vierundzwanzig Haare von mir. Unverkennbar. Genau meine Länge. Genau meine Farbe. Von wem auch sonst? Hier war ja niemand außer mir.

Vierundzwanzig. Kein Zweifel war möglich. Also zählte ich noch einmal. Wieder vierundzwanzig. Ich konnte zählen so oft ich wollte; jedes Mal dasselbe niederschmetternde Ergebnis: Vierundzwanzig! Ein einziges Mal Kämmen und vierundzwanzig Haare unwiederbringlich verloren.

Ich war zerstört. Ich war am Ende. Ich war erledigt.

Erst der Blick in den Spiegel gab mir meinen Lebensmut zurück. Nein, da war nichts zu sehen. Nichts. Gar nichts. Keine Spur. Da fehlte kein einziges Haar. Immer noch derselbe dichte Haarschopf wie vor dem Kämmen. Mein Haar, mein ganzer Stolz – es war dicht und voll wie eh und je. Da fehlte nichts. Absolut nichts.

Und wenn schon. Was sind schon vierundzwanzig Haare? Der Durchschnittsmensch hat mehr als hunderttausend Haare auf dem Kopf. – Wenn! Ja, wenn er nicht zu den Glatzköpfen gehört. Zu diesen bedauernswerten Kreaturen, denen das Schicksal die übelste Strafe auferlegt hat, die einem Menschen zuteil werden kann.

Aber davon war ich Gott sei Dank verschont. Ich konnte gar keine Glatze kriegen. Glatzen sind erblich – das ist wissenschaftlich erwiesen. Und in unserer Familie hat es nie einen Glatzkopf gegeben. Keinen einzigen. Mir konnte also gar nichts passieren. Ich war genetisch immun.

Nun zahlte es sich aus, dass in unserer Familie seit Generationen die strenge Vernunft waltet. In unserem weit verzweigten Clan wird nicht einfach aus purem Überschwang und blinder Verliebtheit heraus geheiratet. Nein, in unserer Familie wird seit Generationen streng darauf geachtet, dass eine Ehe Bestand haben muss, dass sie eine solide Grundlage hat.

Es gehört zu den unumstößlichen Prinzipien, dass eine Person, die in ihrem familiären Umfeld einen Glatzkopf aufweist, als Partner nicht in Frage kommt. Das war und das ist völlig undenkbar. Und das ist gut so. Nur so konnte über Generationen hinweg sichergestellt werden, dass unsere Familie von dieser Geisel der Menschheit verschont blieb.

Seit jeher hatten alle in unserer Familie dichtes volles Haar. Die Frauen und die Männer. Bis ins hohe Alter. Da gibt es bis heute keine Ausnahme. Keine einzige. Und jeder in unserer Familie trägt dieses Gütesiegel der genetischen Reinheit voller Stolz.

Ich war also immun. Daran gab es keinen Zweifel. Mir konnte gar nichts passieren. Dafür sorgten schon die Gene. Oh Mama, oh Papa, ich danke Euch für meine guten Gene.

Ich fasste mich wieder. Vierundzwanzig Haare. Mein Gott, was war das schon. Jeder hat mal einen schlechten Tag. Aber dass er so schlecht war, das war noch nie vorgekommen. Ich zwang mich, nur noch an eines zu denken: an meine guten Gene. Nur die feste Gewissheit, die mir meine guten Gene gaben, gab mir die Kraft, die Haare im Waschbecken zusammenzukratzen und in den Abfalleimer zu werfen.

Der schreckliche Spuk war beendet. Ich blickte in den Spiegel, bewunderte meine volle Haarpracht und dankte meinen Genen.

Die folgenden Tage vermied ich es, den Kopf beim Kämmen über das Waschbecken zu halten. Wozu auch. Es konnten ja so und so keine Haare ausfallen. Und wenn, dann höchstens mal sieben oder acht. Und die wurden schließlich sofort durch andere ersetzt. Die saßen doch förmlich in den Startlöchern und warteten nur darauf, dass auch sie endlich die Chance erhielten, in meinem vollen Haarschopf Spalier zu stehen.

Lange hielt ich das nicht durch. Es machte doch gar keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken. Ich ging in die Offensive. Die Sache musste gründlich untersucht werden. Mit wissenschaftlichen Methoden. Mit Hilfe der Statistik. Wozu hat man das so lange studiert? Da hatte ich nun endlich mal einen Fall, wo Statistik zu was taugt. Die Dummköpfe an der Uni haben uns immer nur mit abstakten Aufgaben gequält. Hier hatte ich einen Fall aus der Praxis. Mitten aus dem Leben. Akribisch sammelte ich jedes Haar, das die Gemeinschaft der Hunderttausend für immer verlassen hatte. Gewissenhaft führte ich eine Liste der täglichen Verluste. Zur graphischen Veranschaulichung fertigte ich fein säuberlich einen Scatter-Plot an. Auf der X-Achse die Zeit, also einen Tag neben den anderen; von links nach rechts. Auf der Y-Achse die Zahl der verloren gegangenen Haare. Je größer der Verlust, desto weiter oben der Datenpunkt. Ich sagte mir „Bodo, da musst Du aufpassen. Das ist wie bei der Arbeitslosenstatistik: Wenn die Kurve ansteigt, dann ist das schlecht.“ Die graphische Darstellung bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen. Ja, es gab durchaus gewisse Schwankungen, aber alles in allem war ein Trend nicht zu leugnen. Er zeigte von links unten nach rechts oben. Um die Tagesschwankungen auszugleichen, berechnete ich wochenweise die Mittelwerte. Die statistische Glättung machte das Bild noch deprimierender. Der Trend zeigte eindeutig nach oben. Zur Berechnung der Regressionsgleichung war die Datenbasis noch zu dünn. Aber das war nur eine Frage der Zeit.

Ich wollte nicht abwarten. Ich konnte nicht abwarten. Da musste endlich was geschehen.

Die Lösung lag auf der Hand. Die Gene waren es nicht. Da konnte ich ganz sicher sein. Folglich konnte es nur an der Ernährung liegen. Ohne zu zögern krempelte ich meinen Ernährungsplan vollständig um. Vitamine, Mineralien, Zusatzstoffe, Ergänzungsstoffe und ansonsten nur noch Öko. Kurz, alles was man zur gesunden Ernährung braucht. Lebensmittel besorgte ich nur noch beim Öko-Bauern. Die 35 Kilometer Fahrt hinaus aufs flache Land nahm ich gerne in Kauf. Und mein prachtvolles Haar war mir die horrenden Preise allemal Wert. Dafür gab es die gesunde Landluft völlig gratis.

Aber schon bald machte sich Ernüchterung breit. Öko hin Öko her. Die gewissenhaft weitergeführte Statistik behielt den eingeschlagenen Trend unbeirrt bei. Zudem waren nun auch im Spiegel allererste Anzeichen eines zurückweichenden Haaransatzes erkennbar. Mein Leben war zerstört. Ich brauchte dringend Hilfe.

Ohne meine Familie zu verständigen, fuhr ich heimlich in meine Heimatstadt. Dort wandte ich mich an unseren alten Hausarzt. An wen auch sonst? Schließlich kannte er unsere Familie so gut wie kein anderer. Der wusste Bescheid. Der musste noch nicht einmal eine detaillierte Untersuchung durchführen. „Mach Dir keine Sorgen, Bodo. Da fehlen zwar ein paar Haare. Aber Du weißt, ich kenne Eure Familie seit Jahrzehnten. In Eurer mustergültigen Familie hat es noch nie einen Fall von Alopezie gegeben. Du weißt ja selbst, Bodo, wie wachsam Deine Familie in dieser Angelegenheit ist. Vorbildlich wie keine andere. Da brauchst Du gar keine Angst zu haben. Das ist nichts Organisches. Das hat ganz bestimmt psychische Ursachen. Hattest Du in der letzten Zeit viel Stress?“

Ja klar, das war’s! Zu dumm, dass ich nicht selbst drauf gekommen war. Natürlich hatte ich in der letzten Zeit viel Stress gehabt. Viel mehr als jemals zuvor. Beruhigt verließ ich die vornehme Privatpraxis und beschloss, sofort Urlaub zu machen.

Ich ließ alles stehen und liegen, raffte das Allernötigste zusammen, und am nächsten Tag war ich an der Ostsee. Um diese Jahreszeit war hier alles leergefegt. Da konnte man gar nichts anderes machen als Entspannen. Vor Beginn der stundenlangen Strandwanderungen traf ich jedes Mal gewissenhaft alle erforderlichen Maßnahmen zum Schutze meines wertvollsten Gutes. Zuerst wurde ein dünnes Tuch aus edelster Seide fest um den Kopf gewickelt. Darüber eine Mütze. Keine Wolle – um Gottes willen. Feinstes glattes Tuch, in dem sich kein Härchen verhaken konnte. Darüber dann die wetterfeste Kapuze. Alles festgezurrt. Die Sturmböen sollten keine Chance bekommen, auch nur ein einziges Haar wegzufegen.

Aber bei meinen einsamen Wanderungen am Strand hatte ich nur eines vor Augen: Die monoton steigende Kurve im Scatter-Plot. Zu allem Übel waren nun auch im Spiegel deutliche Zeichen des Rückzugs nicht mehr wegzuleugnen. Meine Depressionen wuchsen ins Unermessliche. Ach, wäre ich doch an die Nordsee gefahren. Dort könnte mich die Flut packen und ins offene Meer hinausreißen. Ich packte die Koffer.

Sofort nach meiner Rückkehr suchte ich einen Arzt auf. Hier, in dieser Stadt, weit weg von der Familie. Diesmal machte ich Nägel mit Köpfen und ging zu einem Fachmann, einem Dermatologen. Nach einer gründlichen Untersuchung mit Trichogramm und allem Pipapo bat er mich, zur Lagebesprechung auf dem ziemlich unbequemen Sessel Platz zu nehmen. „Junger Mann, Sie können ganz beruhigt sein. Sie sind nicht krank.“ Das war Balsam auf meine geschundene Seele. Als er dann fortfuhr traf mich der Blitz. „Sie leiden unter einer androgenetischen Alopezie, das ist der wissenschaftliche Fachausdruck für einen erblich bedingten Haarausfall … blablabla …“ Ich war am Boden zerstört. Aber es dauerte nicht lange, dann hatte ich mich wieder gefangen. Dieser Idiot hatte doch keine Ahnung! So ein hohles Geschwätz. Als ob ich nicht ganz genau wüsste, was androgenetische Alopezie bedeutet. Na gut, in einem Punkt hatte er Recht. Eine Glatze ist erblich. Aber gerade deshalb war es ja ausgeschlossen, dass ich eine kriege. Als einzige Entschuldigung konnte ich ihm zugute halten, dass er unsere Familie überhaupt nicht kannte.

Auf jeden Fall hatte ich die Nase gestrichen voll von diesen Ärzten. Aufgeblasenes Volk. Schwachköpfe. Von Tuten und Blasen keine Ahnung, aber gelehrt rumlabern. Wütend ging ich nach Hause.

Dort kapselte ich mich vollständig ab und durchforstete die gesamte wissenschaftliche Literatur zur Alopezie. Zu meiner großen Freude fand ich nur das, was ich ohnehin schon wusste: Glatzen sind erblich. Spätestens seit den Forschungsarbeiten von Hamilton ist das eindeutig bewiesen. Da lässt die Wissenschaft nicht den geringsten Zweifel zu. Daran gibt es keinen Deut zu rütteln. Das gehört heutzutage doch zur Allgemeinbildung. Da muss man gar nicht unbedingt wissen, was Dihydrotestosteron und 5-alpha-Reduktase Typ II bedeutet.

Ich dankte Gott und dem unerbittlichen Regime meines Familienclans für meine guten Gene.

Bestärkt durch die unanfechtbaren Erkenntnisse der Wissenschaft führte ich meine statistischen Studien noch gewissenhafter fort.

Als sich der Trend dann auch noch beschleunigte, war ich dem Selbstmord nahe. Eine alte Bekannte riet mir, zu einer Heilpraktikerin zu gehen. „Die versteht was von ihrem Fach. Und außerdem ist sie eine weltweit anerkannte Kapazität in Sachen Astrologie.“ Ja, diese Kombination war genau das Richtige. Nur durch die Vermittlung meiner Bekannten gelang es, bei dieser vielgefragten Koryphäe einen baldigen Termin zu bekommen. Nun ja, sechs Wochen musste ich mich trotzdem in Geduld fassen. Als der Termin nahte, war ich nervlich am Ende.

Ihre Erscheinung und das Ambiente waren etwas seltsam, und ich verspürte große Lust auf dem Absatz umzukehren. Aber dann merkte ich gleich, dass ich dieser Frau vertrauen konnte. „Sie brauchen da gar keine Angst zu haben, Herr Wohlstetter. Das ist ganz sicher keine Alopezie. Das ist eine erhöhte Sensibilität gegen die phasische Verschiebung der Deklination Ihres Aszendenten.“ Ich war zutiefst beeindruckt von ihrer Kompetenz. Schließlich war sie ja nur eine Frau. „Zum Glück gibt es da einfache Gegenmittel.“ Sie hielt mir ein kleines Fläschlein vor die Augen. „Nehmen Sie von dieser Tinktur 7 Tropfen, verreiben Sie die zwischen den Händen und verteilen Sie die Lösung auf den gesamten Kopf. Ganz wichtig ist, dass Sie damit am Abend vor Vollmond beginnen und dass Sie dies genau 7 Tage durchführen. Immer genau eine Stunde nach Mondaufgang.“ Dann angelte sie ein noch kleineres Fläschlein aus dem überladenen Regal. Offenbar hatte sie Angst, ich würde es gar nicht sehen. Sie hielt mir das winzige Ding so nah ans Gesicht, dass sie es mir fast auf die Nase drückte. Und das, wo ich doch leicht weitsichtig bin. „Danach nehmen Sie täglich 3 Tropfen aus dieser Flasche. Die verdünnen Sie in einem Achtelliter Sesamöl. Wärmen Sie die Lösung auf offener Flamme an. Auf keinem Fall auf einem Elektro- oder einem Gasherd. Achten Sie darauf, dass es exakt 37 Grad sind. Reiben Sie sich das Ganze genau vierundzwanzig Minuten vor dem Schlafengehen ins Haar. Sie werden sehen, in drei Monaten ist Ihr Problem behoben.“

Peinlich genau befolgte ich ihre Anweisungen. Der erste Monat verging. Der zweite Monat verging. Die sündhaft teuren Miniatur-Fläschlein gingen im Eiltempo zur Neige. Aber der Trend hielt erbarmungslos die eingeschlagene Richtung bei. Ich wage es gar nicht zu beichten, welche Verluste Woche für Woche zu beklagen waren. Tendenz: Steigend. Jeder Blick in den Spiegel machte schmerzlich deutlich, dass sich meine Haarlinie immer weiter nach hinten verschob. Gnadenlos. Millimeter um Millimeter.

Ich hatte mich in meiner Wohnung verkrochen. Fest abgeschottet von der Familie. Da erhielt ich die Nachricht, dass mein Bruder Siegbert, knapp vier Jahre älter als ich, nun endlich heiratet. In drei Wochen. Gott sei Dank, das wurde auch höchste Zeit. Dann würde auch bald die Brautschau für mich gestartet werden. Die Freude währte nur kurz. Zurück auf dem Boden der Tatsachen, wurde mir die Ausweglosigkeit meiner Lage voll bewusst. Auf der Familienfeier konnte ich mich nicht blicken lassen. Auf gar keinen Fall. Das ging einfach nicht. Das war unmöglich. Aber eine Familienfeier war ein unausweichliches Muss. Da gab es keine Ausrede. Kein Wenn und kein Aber. Schon gar nicht, wenn es um eine Hochzeit ging. Erst recht nicht bei der Hochzeit meines Bruders. Ein Fehlen wäre nur mit schriftlicher Bescheinigung der Intensivstation möglich gewesen. Und auch das nur mit notarieller Beglaubigung.

Die Rettung kam ganz unverhofft. Als meine Kommilitonin Spinderella vor der Tür stand – unangemeldet wie immer -, wollte ich sie zuerst gar nicht reinlassen. Aber eine Frau wie Spinderella lässt sich nicht abschütteln. Sie hielt ihren Daumen so lange auf dem Klingelknopf, bis ich völlig entnervt kapitulierte. „Mein Gott, Bodo, wie siehst Du denn aus? Was ist denn mit Deinem Haar passiert?“ Der Schock saß tief. Aber Spinderella ist eine robuste Natur. Und praktisch veranlagt ist sie auch, die Nase stets im Wind des allerneuesten Trends. Als sich der erste Schreck gelegt hatte, hatte sie, wie immer, sofort eine Lösung parat. Das Zauberwort lautete: Feng Shui. „Es ist doch sonnenklar, Bodo, dass Deine Haare in dieser Umgebung Reißaus nehmen müssen! Bringe Ordnung in Deine Umgebung, und Du bringst Ordnung auf Deinen Kopf.“ Genau das war’s. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ja, mit Feng Shui würde ich alle Probleme in den Griff bekommen. Ein für allemal. Ich konnte also ganz beruhigt zur Hochzeitsfeier fahren. Gleich nach dem Fest würde Feng Shui das zerrüttete Gefüge meiner Welt wieder ins Lot bringen.

Mit dieser frohen Gewissheit schwand auch die Angst vor der Familienfeier. Aber wie nicht anders zu erwarten, war mein Anblick für die Eltern ein schwerer Schock. Schon von weitem konnte ich erkennen, wie mein Vater erstarrte und meine Mutter bleich wurde. Sie drohte auf der Stelle umzukippen. Hastig rief ich ihnen entgegen „Mama, Papa, keine Angst! Ihr könnt ganz ruhig bleiben. Mama, Papa, Ihr braucht Euch wirklich keine Sorgen zu machen.“ Die Erklärung, die ich mir zurechtgelegt hatte, ging flott über die Lippen. „Ich hatte leider eine Viruserkrankung. Der Arzt hat gesagt, das ist nichts Schlimmes, und mittlerweile ist sie schon voll auskuriert. Dieser verdammte Virus wirkt so ähnlich wie eine Chemotherapie. Aber Gott sei Dank geht das rasch wieder vorbei. Und jetzt passt auf, jetzt kommt die gute Nachricht: Nach ein paar Wochen wachsen die Haare noch dichter als zuvor. Ist das nicht toll?“ Uff, das war gerade noch einmal gut gegangen. Glied für Glied kam wieder Bewegung in meinen Vater. Mutter atmete tief durch. Das Blut nahm seine Zirkulation wieder auf und die Lebensgeister kehrten in sie zurück. „Mein Gott, hast Du mir einen Schrecken eingejagt! Aber wenn das so ist, dann hast Du ja mit der Krankheit richtig Glück gehabt, mein armer Junge. Dann wirst Du am Ende den Siegbert noch übertrumpfen.“ Und Vater meinte: „Ja, unser guter Siegbert. Der ist ab morgen unter der Haube. Und dann bist Du dran. Da kommt es ja wie gerufen, wenn Dein Haarschopf noch dichter wird als früher. Dann können wir bei der Brautschau noch mehr in die Wagschale werfen. Gratuliere, mein Sohn.“

Nach und nach traf die ganze Verwandtschaft ein. Natürlich war im ersten Moment jeder geschockt. Und es war sehr anstrengend, jedem die Geschichte zu erzählen. Aber am Ende wurde ich dann jedes Mal beneidet. Berauscht von so viel Aufmerksamkeit und der dauernden Wiederholung vergaß ich völlig, dass ich diese Story nur erfunden hatte.

Am Vorabend der Festlichkeiten dann die übliche Gaudi. Zum Auftakt, wie immer, die schon tausendmal gehörten Histörchen um die Jagd auf die genetischen U-Boote. Ja, es war nicht selten vorgekommen, dass sich Kreaturen in unseren exklusiven Familienclan einschmuggeln wollten, die in ihrer Verwandtschaft einen Glatzkopf hatten. Bei jedem einzelnen Bewerber und bei jeder einzelnen Bewerberin hieß es: Familienclan sei wachsam! „Ja früher war das noch einfach. Da musste man nur das familiäre Umfeld gründlich durchforsten. Die primitiven Tarnungen der schwarzen Schafe sind sofort aufgeflogen.“ – „Oh ja, diese naiven Dummköpfe, die ihre schütteren Haarsträhnchen von der einen Seite quer über den Kopf kämmen. So blöd muss man erst mal sein.“ – „Noch lächerlicher sind doch die Wichte, die sich ihr einziges Strähnchen von hinten nach vorn kämmen.“ Die Lästerei nahm kein Ende. Das Gelächter wurde immer lauter. „Heutzutage ist das alles nicht mehr so leicht. Diese Toupetspezialisten werden immer raffinierter. Und die verdammten Chirurgen arbeiten immer perfekter.“ – „Aber trotzdem, Ernst-Heinrich, ein geschultes Auge erkennt das sofort.“ – „Na, so einfach ist es wirklich nicht mehr. Eine Hochzeit ist heutzutage eine sehr teure Angelegenheit. Da verschlingen allein schon die Privatdetektive ein kleines Vermögen. Ihr habt es ja alle mitgekriegt: Britta, unsere von allen hochverehrte Braut, hat eine riesengroße Verwandtschaft; und zu allem Übel sind die über die ganze Welt verstreut. Allein die Reisespesen! Ich darf gar nicht mehr dran denken.“ – „Na ja, wer hat der hat. So viel muss uns die genetische Reinheit schon wert sein, Wolf-Herrmann.“ – „Recht hast Du. Wer außer uns sollte das Volk vor der glatzköpfigen Dekadenz bewahren?“

Dann wurde die Gaudi wie üblich mit Dölle fortgesetzt. „Ihr erinnert Euch ja alle noch an den Dölle. Ich frage mich heute noch, woher dieser Mensch den Mut nahm, jeden Tag mit Vollglatze vor die Klasse zu treten? Man stelle sich das mal vor: Ein Lehrer mit Glatze! Ein Lehrer ist doch eine Autoritätsperson. Wie soll ein Glatzkopf Autorität haben?“ – „Ja, es ist unverantwortlich, dass die Schulbehörden hier nicht streng eingreifen.“ – „Aber es ist ja nicht allein die Schule, meine liebste Edelgard. Überall sieht man sie. Auf der Straße, in Ämtern und Behörden. Überall, wo man nur hinschaut. Ganz ungeniert laufen die rum.“ Die Beiträge überschlugen sich. Jeder wollte mal zu Wort kommen. „Heutzutage lassen sich diese publicitygeilen Filmschauspieler sogar freiwillig ne Platte scheren.“ – „Genau wie diese hohlköpfigen Fußballspieler.“ – „Hör mir bloß auf mit Fußballspielern. Die haben doch alle einen Kopf wie ein Fußball. Nicht in der Form, aber im Inhalt.“ – „Ganz genau! Bei denen ist der Kopf genauso hohl, wie ihr Arbeitsgerät.“ – „Am schlimmsten find ich’s ja, wenn auch noch Politiker ihre Glatze in der Öffentlichkeit präsentieren. Kein Wunder, dass es mit unserem Staat bergab geht.“ – „Na, im Fernsehen achten die wenigstens bei den Korrespondenten und Nachrichtensprechern ein bisschen drauf.“ – „Das schon, aber dann hängt das Toupet so schief, dass man sofort wegzappen muss.“ Und so ging es fröhlich weiter.

Den Höhepunkt bildete auch dieses Mal die allseits beliebte Diashow. Hier konnten wir unsere Familie angemessen feiern. Dichtes volles Haar auf allen Köpfen. Dia um Dia. Dichtes volles Haar. Der ganze Stolz unseres Clans. Es war eine Wonne. Hier konnten alle in den Lobgesang auf unsere guten Gene einstimmen. Schließlich kam der Augenblick, dem ich stets entgegenfieberte …


Sie wollen wissen, wie die Geschichte zu Ende geht?
Die vollständige Geschichte gibt es in dem eBook „Ein Lobgesang auf meine guten Gene„. Erhältlich als eBook für Amazon Kindle.

Lesetipp

Ronald Henss: Ein Lobgesang auf meine guten GeneRonald Henss
Ein Lobgesang auf meine guten Gene

eBook Amazon Kindle

Die schräge Geschichte von Bodo, der eines Tages feststellt, dass sich sein dichter Haarschopf lichtet.
Eine Geschichte für alle, die Haare haben oder auch keine. Für alle, die sich mehr oder andere Haare wünschen. Für alle, die mit ihrem Haar zufrieden sind; und für alle, die mit ihrem Haar hadern.

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© Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Haare, Glatze, Haarausfall, androgenetische Alopezie, Humor, lustige Geschichte

Die grasgrünen Haare

Die grasgrünen Haare

Die grasgrünen Haare

© Ronald Henss

Ronald Henss: Die grasgrünen Haare

Der Wecker klingelte wie immer Punkt 6:30. Elfriede Wohlfahrt war ein wenig verwundert, wurde sie doch gewöhnlich ein paar Minuten vor dem Wecker wach. Etwas langsamer als sonst richtete sie sich auf, setzte sich auf die Bettkante, steckte ihre Füße in die Pantoffeln und rieb ihre Augen, die heute ein wenig müder waren als sonst. Dann stellte sie sich wie jeden Morgen kurz auf, raffte das lange Baumwollnachthemd über den Po und ließ sich auf die Bettkante zurückplumpsen. Dann zog sie das Nachthemd über den Kopf, faltete es sorgfältig zusammen und legte es neben sich auf die Bettdecke. Wie jeden Morgen schaute sie an sich herunter. Ihr mächtiger Busen versperrte den Blick, sodass von ihrem üppigen Körper nur noch die Knie sichtbar waren. Sie fühlte sich wohl mit ihren ausgeprägten weiblichen Rundungen.

Wie jeden Morgen packte sie mit beiden Händen lustvoll ihre schweren Brüste. Ihr voller Busen war immer noch fest und straff. Nach einer kurzen Weile des sinnlichen Genusses ergriff sie den bereitliegenden frischen BH. Elegant glitten ihre Arme in die Träger, sie presste die Körbchen eng an ihre Brüste, griff nach hinten und knipste den Verschluss zu. Dann schloss sie wie jeden Morgen kurz die Augen, bog ihren Rücken durch, richtete genussvoll ihren Oberkörper auf, legte den Kopf in den Nacken und seufzte leise.

Bedächtig stand sie auf, reckte sich und streifte ihre weiße Baumwollunterhose ab. Bevor sie die bereitliegende, ebenfalls weiße frische Baumwollunterhose ergriff, packte sie mit beiden Händen ihre Pobacken. Auch die waren immer noch fest. Fest und üppig wie ihre Brüste. Sie schlüpfte in die frische Baumwollunterhose, zog sie nach oben, fuhr mit beiden Daumen unter den Gummi, zog ihn ein wenig nach vorn, drehte in einer raschen Bewegung die Daumen nach außen und ließ den Gummi genussvoll auf ihre Speckröllchen schnellen. Ja, sie war mit sich und ihrem Körper zufrieden. Einhundertsechsundsiebzig Pfund dralle Weiblichkeit bei einhundertachtundsechzig Zentimetern Körpergröße.

Wie jeden Tag setzte sie sich, bekleidet mit frischer wohlduftender Unterwäsche, auf den Bettrand und ging im Geiste das Tagesprogramm durch. Frühstück, Aufräumen, Bettenmachen, kleines Päuschen mit Zeitunglesen, Einkaufen, Mittagessen zubereiten, Essen, Abwaschen, ein kleines Päuschen. Nein, heute Mittag würde Jessica nicht nach der Schule zu ihr kommen. Heute stand nämlich etwas Besonderes auf dem Programm: Für 15:30 war sie im Salon Schiller angemeldet. Es war höchste Zeit, ihre Dauerwellen wieder in Ordnung bringen zu lassen. Elfriede Wohlfahrt freute sich auf diese Abwechslung. Der Besuch im Frisiersalon war für sie nicht nur ein notwendiger Akt der Körperpflege, er war vor allem auch ein soziales Ereignis, das einen Glanzpunkt in ihren Alltag setzte. Der heutige Tag hatte also etwas zu bieten.

In bester Laune stand sie auf, um wie jeden Morgen ihre üppigen weiblichen Rundungen im Spiegel zu bewundern. Als sie vor den großen Spiegel trat, packte sie das Entsetzen. „Neeeeeeiiiiinnnn!!!“ – „Hiiiiiiiiiiilllllfe!!!“ – „Nein, das kann nicht sein!!!“ – „Um Gottes willen, was ist das?“ Sie konnte einfach nicht glauben, was sie sah. Sie presste die Augen zu, drückte beide Hände fest auf das Gesicht und ließ die Hände langsam zum Hals hinabgleiten. Dann presste sie die Handflächen wie zum Gebet zusammen. Die beiden Daumen fest auf den Kehlkopf gedrückt, das Kinn auf die Spitzen der beiden Zeigefinger gestützt, die Kuppe der Mittelfinger an die Kinnspitze gedrückt, flehte sie mit geschlossenen Augen „Oh Gott, lass das nicht wahr sein! Bitte, bitte! Mach, dass ich das alles nur geträumt habe!“ Vor Angst und Erregung zitternd öffnete sie langsam die Augen.

Aber alles Beten, Hoffen und Flehen hatte nichts geholfen. Sie achtete nicht auf ihre sinnlichen rundlichen Formen. Auch nicht auf die weit aufgerissenen Augen und das verzerrte Gesicht. Nein – voller Entsetzen, Panik und Angst sah sie nur eines: Ihr Haar war grün! Grasgrün! Ein sattes, saftiges, kräftiges Grasgrün!

Elfriede Wohlfahrt konnte es nicht fassen. Wie auch? So etwas konnte man gar nicht fassen. Das war einfach unbegreiflich. ‚Nein, das darf nicht sein! Bitte, bitte lieber Gott, lass mich nicht wahnsinnig werden!‘ In tiefster Verzweiflung schloss sie die Augen, eilte zum Bett, warf sich auf den Bauch, presste das Gesicht fest in die Matratze und zog ein Kopfkissen über ihren Hinterkopf. ‚Bleib ruhig, Elfriede. Ganz ruhig. Das war eine Sinnestäuschung, eine Halluzination. Komm erst mal zur Ruhe, dann wirst du sehen, dass alles in Ordnung ist. Vielleicht ist es auch nur eine Sehschwäche.‘ Es dauerte eine ganze Weile bis sich ihr Herzschlag wieder beruhigt hatte. Allmählich wich ihre Angst, ihre Atemzüge wurden regelmäßiger und das Zittern ebbte ein wenig ab.

Mühsam richtete sie sich auf, setzte sich auf die Bettkante, vergrub ihr Gesicht in den Händen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. ‚Egal, was du im Spiegel sehen wirst, Elfriede, du bist nicht verrückt. Du bist eine starke Frau, Elfriede, und du wirst damit fertig werden.‘ Wankend zwang sie sich vor den Spiegel. Nein, das waren keine Sinnestäuschungen, keine Halluzinationen, keine Sehschwäche. Ihr Haar war grün, grasgrün. Wie sattes saftiges grünes Gras. Als sie mit beiden Händen durch ihre Dauerwellen fuhr, war sie überrascht. Ihr Haar fühlte sich genauso an wie immer. Sie kräuselte die Locken zwischen ihren Fingern, aber es war nicht der geringste Unterschied zu spüren. Nur diese Farbe. Diese entsetzlich grüne Farbe. Was, um Gottes willen, war nur geschehen?

Elfriede Wohlfahrt wusste, sie brauchte Hilfe. Und zwar sofort. Ganz, ganz dringend. Hastig rannte sie zum Telefon. Ihre Hände zitterten und vor Aufregung brachte sie es nicht fertig, die Nummer ihrer Tochter zu wählen. Sie war nahe dran, hysterisch aufzuschreien, als ihr endlich einfiel, dass sie die Nummer eingespeichert hatte und dass sie doch nur den Speicherplatz 1 zu drücken brauchte. ‚Los Christina, geh dran! Bitte, bitte, geh dran!‘

Als das Telefon klingelte, war Christina zunächst verwirrt, weil sie im ersten Moment dachte es sei der Wecker. ‚Ach nein, das Telefon. Wer um Himmels willen ruft denn in aller Herrgottsfrühe an? Sicher wieder verwählt.‘ „Ja, Hallo! Hier Christina Hartmann.“

„Christiina, Christiiinaa!“

Sofort wusste Christina, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

„Christina, du musst sofort herkommen! Es ist was Schreckliches passiert!“

So hatte Christina ihre Mutter noch nie erlebt. „Aber Mama, was ist denn los? Beruhige dich doch!“

„Komm her, komm! Mach dass du kommst!“

„Aber sag doch, was ist passiert?“

„… kann nicht … selbst sehen …“

„Mama! Um Gottes willen, Mama! Ich komme sofort. Mama, Mama!! Mama, halt durch!“

Voller Panik rannte Christina in den Flur, riss den Autoschlüssel vom Schlüsselbrett und schrie so laut sie konnte „Kaaarrrlll!! Ich muss sofort zu Mama. Es ist irgendwas Schreckliches passiert. Du musst dich um Jessi kümmern.“

Ehe Karl antworten konnte, hörte er wie die Haustür zuknallte. Wie sollte er sich jetzt um Jessica kümmern, wo er doch um acht im Büro sein musste?

Elfriede Wohlfahrt ließ den Hörer zu Boden fallen. In panischer Angst rannte sie ins Bad und schnappte die Schere. Aber als sie eine der grasgrünen Locken abschneiden wollte, traf sie der Schlag. Das Haar ließ sich nicht abschneiden. So sehr sie sich auch bemühte – es gelang ihr einfach nicht, auch nur ein einziges Haar abzuschneiden. Als Elfriede Wohlfahrt in Ohnmacht fiel, hatte sie unfassbares Glück, dass sie sich weder mit der Schere verletzte noch mit dem Kopf an der Badewanne aufschlug.

Christina hatte gar nicht wahrgenommen, wie sie zum nahe gelegenen Haus ihrer Mutter gelangt war. Als auf ihr Sturmklingeln niemand aufmachte, schlug sie kurzerhand eine Scheibe ein und kletterte durchs Fenster. „Mama, Mama! Wo bist du? – Mama, Mama, so sag doch was. Bitte! Wo bist du?“ Küche nein, Wohnzimmer nein, Schlafzimmer nein. Als Christina ihre Mutter regungslos auf der Fußmatte im Bad liegen sah, war sie erleichtert und entsetzt zugleich. „Mama, Mama, was machst du denn für Sachen? Mama, wach auf!“ Geistesgegenwärtig füllte sie den Zahnputzbecher mit kaltem Wasser und schüttete es ihrer Mutter ins Gesicht. „Mama, wach doch auf! Mama, Mama, was machst du denn für Sachen? Warum hast du dir bloß die Haare so schrecklich gefärbt?“ Dann nur noch ein einziger hysterischer Schrei: „Mammmaaa!!!“

Unter Aufbietung aller Kräfte schleppte Christina ihre füllige Mutter ins Schlafzimmer und hievte den mächtigen aber straffen und angenehm weiblichen Körper aufs Bett. Als Elfriede Wohlfahrt endlich aus der Ohnmacht erwachte, dauerte es noch eine halbe Ewigkeit bis sie schluchzend, weinend, schreiend, bebend, zitternd ihrer Tochter berichtet hatte, was passiert war. Christina konnte es nicht glauben. Das war einfach unfassbar. Erst als sie selbst versuchte, mit der Schere ein grasgrünes Haar abzuschneiden, wusste sie, dass ihre Mutter nicht wahnsinnig geworden war und dass sie keinen üblen Schabernack mit ihr trieb. Christina war nun selbst nahe dran, den Verstand zu verlieren. Dass die Haare grasgrün waren, war vielleicht noch irgendwie zu begreifen – aber dass es absolut unmöglich war, auch nur ein einziges Haar abzuschneiden, überstieg jegliches Vorstellungsvermögen. Hier waren Kräfte am Werk, die nicht mit dem menschlichen Verstande zu erfassen waren.

Als Christina wie eine Wahnsinnige an der Bushaltestelle vorbeigerast war, konnten die verdatterten Rentner nur stumm den Kopf schütteln. Was war heute nur los? Der Bus stand schon lange bereit, der Busfahrer hatte schon längst die Geduld verloren, aber kein Mensch ließ sich blicken. Ratlos und verloren standen sie da, Ernst, Hans-Walter, Heinrich und Adolf. So etwas hatte es noch nie gegeben. Die Seniorenfahrt war seit Wochen ausgebucht, die Abfahrtszeit war schon lange überschritten, doch weit und breit war niemand zu sehen.

Plötzlich hatte Heinrich einen Gedankenblitz: „Ist euch schon aufgefallen, dass wir vier die einzigen Witwer in der Gruppe sind?“

„Oh ja, das stimmt ja.“

„Du hast Recht, Heiner, der Hans, der Herbert und der Karl sind verheiratet und von unserer großen Schar der lustigen Witwen fehlt jede Spur.“

„Das kann doch nur an den Frauen liegen. Das ist bestimmt kein Zufall. Die haben irgendwas ausgeheckt.“

„Na ja, dann schauen wir halt so lange den Schulmädchen nach, die sind ohnehin viel leckerer als unsere betagten Damen.“

„Du alter Lustgreis!“

„Hähä!“

Zu dieser Zeit herrschte im Sankt Marien Hospital bereits seit Stunden die hellste Aufregung. In aller Frühe hatte Schwester Elisabeth eine schockierende Entdeckung gemacht. Als sie das Zimmer 407 betrat, traute sie ihren Augen nicht. Frau Lauer und Frau Recktenwald lagen friedlich schlafend im Bett – aber mit grünen Haaren. Jawohl, mit grasgrünen Haaren! Rasch bekreuzigte sich Schwester Elisabeth „Oh, Großer Gott! Steh mir bei!“ Dann schaute sie noch einmal genau hin: Fräulein Werner und Frau Holzer lagen da wie immer; Fräulein Werner mit ihrem langen seidigen blonden Haar und Frau Holzer mit ihrer wallenden kastanienroten Lockenpracht. Aber ausgerechnet Frau Lauer und Frau Recktenwald, diese beiden liebenswürdigen alten Damen, hatten grasgrüne Haare. Kein Zweifel, es war ein sattes saftiges Grün. „Oh, Jesu hilf mir! Vater unser, der Du bist im Himmel …“ Rasch, aber so leise wie sie nur konnte, inspizierte Schwester Elisabeth die anderen Zimmer. Mit Ausnahme von Zimmer 418 bot sich ihr stets der gleiche Anblick: Alle älteren Damen hatten grasgrüne Haare. Nur Oma Jenneweins Haar hing in würdevollem Grau über die Bettkante herab. „Oh Herr, steh mir bei! Oh Jesu, hilf!“

Schwester Elisabeth war eine erfahrene und besonnene Schwester. Als sie den ersten Schock überwunden hatte, wusste sie, was zu tun war. Als Erstes rief sie bei Pfarrer Gotthold an, dann ließ sie den Klinikdirektor Professor Eckstein verständigen. Beide würden so schnell wie möglich herbeieilen. Einzelheiten durften nicht über das Telefon besprochen werden. ‚Ruhe bewahren. Nur keine Aufregung. Nur keine Panik. Vater unser, der Du bist im Himmel …‘ Nach kurzer Rücksprache mit der technischen Leitung rief sie reihum alle Stationsschwestern an. Das Wecken müsste heute unbedingt um eine Stunde nach hinten verschoben werden. In wenigen Minuten würden die Stromkreise III und IV unterbrochen werden, also kein Licht auf den Stationen. Die Stromkreise I und II, die die medizinisch notwendigen Gerätschaften speisten, würden aber weiterhin funktionieren. Was immer auch geschehen würde – Ruhe bewahren, keine Aufregung, keine Panik, weitere Anweisungen abwarten.

Nur wenige Minuten später eilten Pfarrer Gotthold und Professor Eckstein herein. Sie waren schon im Fahrstuhl aufeinander geprallt, beide ganz aufgeregt, aber keiner wusste was geschehen war. Schwester Elisabeth schilderte die Lage ruhig und sachlich und sie schien bei klarem Verstand zu sein. Gleichwohl war diese Geschichte zu phantastisch. Erst als sie sich mit eigenen Augen überzeugt hatten, wurde Pfarrer Gotthold und Professor Eckstein das Problem allmählich bewusst. Pfarrer Gotthold wurde mit dem seelischen Beistand für die Schwesternschaft und die Patienten betraut, Schwester Elisabeth sollte die Notfallmaßnahen auf den verschiedenen Stationen koordinieren, Professor Eckstein übernahm die zentrale Leitung.

Als Erstes musste sich der Professor ein Gesamtbild verschaffen. Reihum ließ er sich über die Lage auf den Stationen informieren. Es war wie verhext. Grasgrüne Haare, fast überall. Aber auf der Männerstation war alles ruhig wie immer. Keine besonderen Vorkommnisse. Als Schwester Angelika meldete „Auf der Entbindungsstation ist alles im grünen Bereich“, zuckte Professor Eckstein zunächst zusammen. Zum Glück fragte er noch einmal nach und konnte dann erleichtert zur Kenntnis nehmen, dass auch auf der Entbindungsstation alles in Ordnung war; eben, wie man so schön sagt: alles im grünen Bereich. Aber für solche Sprachspielchen hatte Professor Eckstein jetzt keinen Sinn. Die Lage war ernst. Bitterernst. Hier war klarer logischer Sachverstand gefragt. Merkwürdig, sehr merkwürdig! Warum betraf es nur Frauen und keine Männer? Und warum war ausgerechnet auf der Entbindungsstation keine einzige Frau betroffen?

Mitten in seine Überlegungen platzte Schwester Elisabeth mit der nächsten Hiobsbotschaft. Bei der Zusammenkunft der Schwestern im Schwesternzimmer war sie plötzlich wie elektrisiert: Unter der Haube von Schwester Maria lugte ein grasgrünes Haarsträhnchen hervor. Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Handlungen, und so musste Schwester Elisabeth alle Mitschwestern auffordern, ihre Haube abzunehmen. Die Aufregung und die Empörung waren groß, aber schließlich mussten sich doch alle der Autorität von Schwester Elisabeth unterwerfen. „Oh, mein Gott! Vater unser, der Du bist im Himmel …“ Es war unfassbar! Ein vielstimmiger Chor von Gebeten wurde gen Himmel gesandt, aber das änderte nichts an den Tatsachen. Fast alle älteren Schwestern hatten grüne Haare. Grasgrüne Haare. Ein saftiges sattes Grün beherrschte die Runde. Nur die jüngeren Schwestern waren verschont geblieben und – merkwürdigerweise – auch Schwester Walburga, Schwester Edelgard und Schwester Luitgard. Schwester Elisabeth traute ihren Augen nicht: Schwester Walburga, Schwester Edelgard und Schwester Luitgard hatten sich unter dem Schutz der Haube heimlich das Haar lang wachsen lassen. Das würde ein Nachspiel haben! Aber im Moment mussten wichtigere Probleme gelöst werden. Für Professor Eckstein wurde die Sache immer rätselhafter. Er musste unbedingt in Ruhe seine Gedanken ordnen.

Elfriede Wohlfahrt und Christina waren mittlerweile zur Tat geschritten. Aber alle Versuche, die grasgrüne Farbe auszuwaschen, waren ohne Erfolg. „Mama, leg dich ins Bett und bleib bitte ganz ruhig. Ich werde rasch zum Supermarkt fahren und Haarfärbemittel und Bleichmittel einkaufen. Bleib ganz ruhig, und reg dich bitte nicht auf. Ich bin sofort wieder da.“

Als Christina das Sammelsurium von Shampoos, Haartönern, Bleichmitteln und Färbemitteln auf das Band legte, konnte Agnes, die stets freundliche Kassiererin, die Welt nicht mehr verstehen. ‚Merkwürdig – Frau Hartmann auch! Warum kaufen heute Morgen alle Leute nur Haarpflegemittel? Wozu brauchen die so viel Zeug? Und ausgerechnet heute hat sich Frau Kipper aus der Hair-Care-Abteilung krank gemeldet. Irgendwas stimmt nicht, irgendwas ist heute anders als sonst.‘ Agnes ahnte nicht, wie Recht sie hatte. Noch vor elf Uhr waren sämtlichen Regale mit Haarpflegeprodukten leergeräumt. Verstörte Kunden mussten vertröstet werden und niemand wusste, was an diesem Tag geschehen war. Oder niemand wollte sagen, was er wusste.

Es war zum Verzweifeln. Egal, welches Mittel Christina auf den Kopf ihrer Mutter schmierte – die grasgrüne Farbe ließ sich nicht entfernen. Jegliche Mühe war umsonst. Elfriede Wohlfahrt war am Ende ihrer Kräfte. Sie wollte nur noch eins. Schlafen, Schlafen, Schlafen. Ruhe, Ruhe, nur noch Ruhe. Cristina führte ihre völlig erschöpfte Mutter zum Bett. Bevor Elfriede Wohlfahrt die letzte Tablette schluckte, murmelte sie noch mit schwacher Stimme „… Termin … Salon Schiller … absagen …“

„Ja, Mama, bleib ganz ruhig, ich werde sofort anrufen. Schlaf gut, Mama.“

„Ja, hallo! Hier ist der Frisiersalon Schiller. Mein Name ist Beatrice Schwarzkopf. Was kann ich für Sie tun?“

Nur mit Mühe konnte Christina ihre Gedanken und ihre Sätze ordnen. Aber die bildhübsche Empfangsdame wusste gleich Bescheid. „Ja, schade, da kann man nichts machen. Richten Sie bitte Ihrer Frau Mutter unsere besten Genesungswünsche aus.“

„Ja, danke, auf Wiederhören.“

Beatrice wickelte eine blonde Locke um ihren linken Zeigefinger und strich mit der rechten Hand sanft über ihren gewölbten Bauch. Nachdenklich flüsterte sie zu dem strampelnden Wüstling: „Mein kleiner Quälgeist, das war jetzt schon die vierte Absage innerhalb einer halben Stunde, und unsere gute alte Frau Wunn hat sich heute auch krank gemeldet.“ Als das Telefon schon wieder klingelte, wusste auch Beatrice Schwarzkopf, dass an diesem Tag alles anders war als sonst.

Christina hatte ihre Mutter liebevoll zugedeckt und die Hände über der Bettdecke gefaltet. Drei extrastarke Schlaftabletten würden ihre Mutter in einen langen Tiefschlaf versetzen. Jetzt musste sie sich unbedingt um Jessica kümmern. Mit Tränen in den Augen küsste sie das friedliche Gesicht „Schlaf gut, Mama. Mach dir keine Sorgen. Ich werde so bald wie möglich zurückkommen. Keine Sorge, Mama. Alles wird gut.“

Professor Eckstein genoss den heißen Kaffee. Zum ersten Mal am heutigen Tag verspürte er Ruhe und Zufriedenheit. Er stellte die Tasse ab, lehnte sich in den schweren Ledersessel zurück und ließ seinen Blick schweifen: St. Josefs Kirche, Christuskirche, Rathaus, Alter Turm – wie friedlich sah doch alles aus! Professor Eckstein war zu einem Entschluss gekommen. Sein erster Impuls war es gewesen, das Stankt Marien Krankenhaus strikt abzuriegeln und alles geheim zu halten. Schließlich stand nicht weniger auf dem Spiel als der gute Ruf der Klinik. Aber nach reiflicher Überlegung und Abwägung aller Argumente hatte er sich auf die entgegengesetzte Strategie festgelegt. Die Erinnerung an die Katastrophe mit dem SARS-Virus war noch zu frisch. Professor Eckstein hatte die Lektion gelernt. Bloß keine Vertuschung! Nur schonungslose Offenheit konnte vor unübersehbaren Folgeschäden bewahren. Nichts aufbauschen, keine Panik, nichts übertreiben – stattdessen Offenheit, Sachlichkeit, Kompetenz, Entscheidungsfreude, entschlossenes Handeln.

Als Erstes setzte sich Professor Eckstein mit dem Gesundheitsministerium in Verbindung, dann mit dem Landeskriminalamt, dem Staatsekretär für Innere Sicherheit, dem Obersten Rat der Landesmedienanstalten und schließlich mit dem Ministerpräsidenten.

In einer noch nie da gewesenen Perfektion wurden im Verborgenen die Fäden gezogen. Binnen weniger Stunden waren die zuständigen Landes- und Bundesministerien, die Landes- und die Bundeskriminalämter, die Geheimdienste, der Katastrophenschutz, die Bundeswehr, die NATO, die Europäische Union, die Weltgesundheitsorganisation und Forschungsinstitute in aller Welt informiert. Rund um den Globus waren die Notfallpläne in Kraft gesetzt. Die Region wurde im Umkreis von 50 Kilometern hermetisch abgeriegelt. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Lothringen, Elsass und Luxemburg verlief reibungslos. Die kompetentesten Wissenschaftler aus den verschiedensten Fachgebieten und aus allen Teilen der Welt waren unterwegs, die ersten Experten waren bereits eingetroffen und arbeiteten fieberhaft an der Aufklärung des rätselhaften Phänomens. Wie durch ein Wunder hatten auch sämtliche Medien die Berichterstattung so lange zurückgehalten, bis an der Wall Street die Börsen geschlossen waren.

Als Elfriede Wohlfahrt am frühen Nachmittag des nächsten Tages ihre Augen aufschlug, konnte sie sich zunächst gar nicht erklären, wieso ihre Tochter Christina hier auf ihrer Bettkante saß. Sie war noch sehr benommen und so dauerte es eine Weile, bis sie das Puzzle in ihrem Kopf einigermaßen geordnet hatte. Elfriede Wohlfahrt schloss die Augen, legte die Hände flach aufs Gesicht und presste die Fingerspitzen fest auf die Augenlider. Dann atmete sie mehrmals tief durch und dachte: ‚Elfriede Wohlfahrt, du bist eine starke Frau. Egal, was kommt – du stehst das durch.‘ Dann richtete sie sich auf und sagte: „Chris, mein Liebes, geh und koch uns einen starken Kaffee.“

Den BH hatte sie noch seit gestern an und es lag auch keine frische weiße Baumwollunterhose bereit. Sie setzte sich auf die Bettkante, steckte die Füße in die Pantoffeln und reckte ihren Oberkörper. Dann stand sie auf, fuhr mit beiden Daumen unter den Gummi ihrer Unterhose, zog ihn ein wenig nach vorn, drehte die Daumen in einer raschen Bewegung nach außen und ließ den Gummi genussvoll auf ihre Speckröllchen schnellen. Danach trat sie entschlossen vor den großen Spiegel und bewunderte ihre üppigen weiblichen Rundungen. Das entsetzliche grasgrüne Haar würdigte sie keines Blickes.

Dann zog sie die dunkelblaue Kittelschürze über und ging zur Toilette. Bevor sie aufstand und die Spülung abdrückte, murmelte sie „Elfriede, du stehst das durch!“

Als Elfriede Wohlfahrt die Küche betrat, blieb sie kurz stehen, schloss die Augen und sog in einem langen Zug den Duft des frisch gekochten Kaffees in ihre Nase. Dann setzte sie sich an den massiven Tisch. „Meine gute Christina, lass uns erst mal in aller Ruhe essen und trinken. Das ist jetzt das Allerwichtigste. Danach kannst du mir erzählen, was passiert ist.“

Als Elfriede Wohlfahrt rundum satt war, rülpste sie leise, streckte ihren Oberkörper, bog den Rücken tief durch, packte mit beiden Händen ihre festen Brüste, schloss die Augen und atmete tief durch. Mit einem lauten „Puuuhhh!“ ließ sie alle Glieder entspannt fallen, setzte sich bequem hin, atmete noch einmal tief aus und sagte: „So, mein Kind, und jetzt erzähl mal, was in den letzten vierundzwanzig Stunden alles passiert ist.“

Was Christina zu berichten hatte, war nicht ganz so schlimm wie befürchtet.

Vor wenigen Stunden war über sämtliche Medien Entwarnung gegeben worden. Es lagen keinerlei Anzeichen für einen terroristischen Anschlag vor. Ein terroristischer Hintergrund konnte mit nahezu absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden.

Allem Anschein nach handelte es sich auch nicht um eine ansteckende Krankheit. Alle Fälle waren ausschließlich im Stadtbezirk von D. aufgetreten. Und zwar alle in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Es gab keinen einzigen Fall von Neuerkrankungen.

Außerdem bestanden starke Zweifel, ob es sich überhaupt um eine Krankheit handelte. Bislang konnten keinerlei Krankheitssymptome ermittelt werden. Die einzigen Anomalien waren die grasgrüne Farbe der Haare und die physikalisch absolut unerklärbare Tatsache, dass sich das Haar auf keine Weise schneiden, ausreißen oder sonstwie entfernen ließ.

Obwohl die Lage nicht ganz so schlimm war, wie sie hätte sein können, war doch eine Tatsache nicht wegzuleugnen: Niemand auf dieser Welt hatte eine schlüssige Erklärung für dieses mysteriöse Phänomen. Hier waren Kräfte am Werk, die sich den irdischen Naturgesetzen widersetzten.

Trotz aller beispiellosen Forschungsanstrengungen war das Rätsel nicht zu lösen. Die globale Ordnung drohte aus den Fugen zu geraten. Die ganze Welt war voller Spekulationen und verrückter Hypothesen. Nicht nur seriöse Wissenschaftler, Politiker, Ordnungskräfte und Geheimdienstler hatten Hochkonjunktur; dies war auch die große Stunde für religiöse Fanatiker, Weltuntergangs-Sekten, UFO-Gläubige, Feministinnen und Scharlatane jeglicher Couleur. Eine weltweite Panik war vermutlich nur deshalb ausgeblieben, weil das Mysterium auf den Stadtbezirk von D. beschränkt blieb und keine neuen Fälle von grasgrünen Haaren registriert wurden.

Aber Elfriede Wohlfahrt war eine starke Frau. Sie ließ sich nicht unterkriegen. Sie gestaltete ihren Alltag wie gewohnt, nur dass sie keinen einzigen Schritt mehr vor die Tür ging. Sie hielt sich per Zeitung, Radio und Fernseher auf dem Laufenden.

Auch am Abend des siebten Tages nach der Katastrophe boten die Sondersendungen keine ernst zu nehmenden Neuigkeiten. Nur noch ein Beitrag, dann würde endlich der Spielfilm anfangen. ‚Na, dann hören wir uns in Gottes Namen halt auch noch an, was dieses mickrige Kerlchen zu sagen hat.‘

„Herr Doktor Hänselmann, Sie sind Experte auf dem Gebiet der Attraktivitätsforschung, der Evolutionspsychologie und der Psychologie des Haares. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?“

„Nun, als Wissenschaftler bin ich gewohnt, nüchtern und rational zu denken. Und ich muss zugeben, dass dieses Phänomen einige Aspekte hat, die sich jeder logischen Erklärung entziehen. Aber andererseits gibt es auch ein paar systematische Zusammenhänge, die uns …“

„Welche sind das, Herr Doktor?“

„Einerseits hat diese rätselhafte Erscheinung etwas mit dem Geschlecht zu tun, denn betroffen sind ausschließlich Frauen. Außerdem hat es etwas mit dem Alter zu tun, denn alle betroffenen Frauen sind jenseits der Wechseljahre.“

„Ja, aber …“

„Ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen, Frau Gollenstein. Genau das ist der springende Punkt. Nicht alle älteren Frauen haben grasgrüne Haare. Es ist also nicht allein das Alter. Ich habe alle bekannt gewordenen Fälle analysiert, und dabei ist mir etwas ganz Wichtiges aufgefallen: Alle Frauen, die grasgrüne Haare haben, tragen kurze Haare, die meisten haben diese öden Einheits-Dauerwellen im Urgroßmutter-Look. Aber alle Frauen, die verschont geblieben sind, tragen ihr Haar lang und offen. Dabei scheint die Haarfarbe keine Rolle zu spielen, egal ob blond, braun, grau …“

„Ja, und was schließen Sie daraus, Herr Doktor Hänselmann?“

„Ja, ich weiß, die These ist gewagt, und ich kann selbst kaum so recht dran glauben. Es sieht so aus, als wäre die Evolution beleidigt …“

„Hä? Wie meinen Sie das denn, Herr Doktor?“


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Lesetipp

Ronald Henss: Die grasgrünen HaareRonald Henss
Die grasgrünen Haare

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Eine schräge Geschichte für alle, die Haare haben oder auch keine – egal ob blond, braun, schwarz, rot … oder grasgrün.

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Die grasgrünen Haare
I capelli verde erba

Deutsch – Italienisch
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Eine haarige Kurzgeschichte
Zweisprachig – Bilingue
Deutsch – Italienisch / Tedesco – Italiano

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Friseur, Frisör, Frisur, Haare, Haarfarben, Humor, lustige Geschichte

Mein Opa, die Chaostheorie und das Tor von Wembley

Hauhechel-Bläuling -- Polyommatus icarus
Schmetterlinge Hauhechel-Bläuling -- Polyommatus icarus
Hauhechel-Bläuling — Polyommatus icarus

Mein Opa, die Chaostheorie und das Tor von Wembley

© Ronald Henss

Wo diese Geschichte anfängt, kann niemand sagen. Genaugenommen ist es wie mit allen Geschichten: jede Geschichte hat unendlich viele Anfänge und zu jedem Anfang gibt es unendlich viele davor. Wenn ich darüber nachdenke, dann lasse ich die Geschichte mit einem Schlüsselerlebnis beginnen.

Ich hatte gerade mein Diplom in Historischer Archäologie gemacht. Mit großem Erfolg, wie ich sagen kann. Mit einem Notenschnitt von 1,1 stand mir die Zukunft offen. Aber zufrieden war ich nicht. Ich hatte einfach keine rechte Vorstellung, was ich tun wollte und wie es weitergehen würde. Zufällig las ich auf einem Aushang auf dem Uni-Campus die Ankündigung eines Vortrages mit dem Titel „Die Chaostheorie – Revolution der modernen Mathematik“. Das Plakat war mir wohl nur deshalb aufgefallen, weil es einen riesengroßen wunderschönen Schmetterling zeigte.

Der Vortrag war schrecklich. Nach einer kurzen Einleitung auf Grundschul-Niveau kritzelte der Dozent die komplexesten mathematischen Formeln an die Tafel, die ich bis dahin gesehen hatte. Während er mit der Formelschreiberei beschäftigt war, redete er ohne Unterbrechung, den Rücken zum Auditorium gewandt. Jedes Mal wenn die Tafel voll war, wischte er sie mit einem staubtrockenen Lappen ab, wandte sich dem Publikum zu und versuchte mit allgemeinverständlichen Worten klarzumachen, was hinter dem mathematischen Zauberwerk steckte. In der vierten Tafelwischpause meinte er: „Nun, meine verehrten Damen und Herren, verstehen Sie auch, warum auf dem Plakat zu diesem Vortrag ein Schmetterling abgebildet ist. Mit Hilfe der mathematischen Chaostheorie lässt sich zum Beispiel beweisen, dass wenn irgendwo in China ein Schmetterling mit seinen Flügeln schlägt, sich die Wirkungen unendlich weit fortpflanzen und dass dieser eine Flügelschlag sogar das Wetter hier bei uns in Deutschland beeinflussen kann. Sie sehen also: die mathematische Chaostheorie beinhaltet eine wahre Revolution des menschlichen Denkens.“

Als er sich wieder umwandte, um die Tafel mit weiteren Formeln vollzuschmieren, verließ ich den Hörsaal. Ich hatte genug gehört. Von dem Formelwust hatte ich nichts verstanden, aber die Sache mit dem Schmetterling fand ich lustig. Was hier als mathematische Sensation und Revolution des menschlichen Denkens angepriesen wurde, war für mich seit meinen Jugendjahren eine banale Selbstverständlichkeit. Ich hatte die Idee lediglich noch nicht in die nette Anekdote vom flügelschlagenden Schmetterling in China gekleidet.

Hier muss nun meine Geschichte einen Anfang nehmen, der noch weiter zurückliegt. Und dabei kommt mein Opa ins Spiel. Mein Opa war ein einfacher und bescheidener Mensch. Ich habe ihn stets sehr geachtet und für mich war er zeitlebens etwas Besonderes. Wie alle Männer in unserer Familie war auch mein Opa ein großer Fußball-Narr. Zu jener Zeit besaßen nur wenige Leute in unserem Dorf ein Auto und so war es jedes Mal ein herausragendes Ereignis, wenn uns jemand zu einem Heimspiel von Wormatia Worms mitnahm.

Eines Tages als nicht genug Platz im Auto war, verzichtete mein Opa, so dass wenigstens ich mitfahren konnte. In einem sensationellen Spiel besiegte Wormatia den Tabellenführer mit 7:0. Als ich ihm ganz aufgeregt von diesem Spiel berichtete, meinte mein Opa: „Schade, dass ich nicht mitfahren konnte.“ Mir erschien diese Aussage unsinnig. Mir war klar, dass dieses Spiel ein einzigartiges, einmaliges Ereignis war, das nur unter exakt den Bedingungen stattfinden konnte, unter denen es tatsächlich stattgefunden hatte. Wäre mein Opa dabei gewesen, dann hätte es genau dieses Spiel niemals gegeben. Um ihn ein wenig zu trösten sagte ich: „Schau mal, Opa, du musst doch froh sein, dass du nicht dabei warst. Stell dir vor, du wärst mitgekommen. Dann wäre schon die Fahrt zum Stadion ganz anders verlaufen. Wir hätten uns im Stadion einen anderen Platz gesucht. Dort hätten wir neben ganz anderen Menschen gestanden. Diese und alle anderen Menschen hätten sich daraufhin ganz anders verhalten. Die Spieler hätten das Spielfeld in einer völlig anderen Atmosphäre betreten. Jeder Spieler hätte sich anders verhalten. Und es hätte ein ganz anderes Spiel stattgefunden. Wer weiß, wie das ausgegangen wäre. Niemand kann wissen, ob die Wormatia gewonnen hätte. Vielleicht hätten sie verloren, vielleicht hätte es ein Unentschieden gegeben, vielleicht hätten sie auch gewonnen. Kein Mensch kann das wissen. Aber wir wissen, dass die Wormatia heute haushoch gewonnen hat. Und das nur, weil die Welt genau so verlaufen ist und nicht anders. Also nur, weil du heute nicht mitgekommen bist.“ Opa nickte und meinte: „Du hast ja recht, aber ich wäre trotzdem gerne dabei gewesen, bei diesem außergewöhnlichen Spiel.“

Dieser Gedanke, diese ganz einfache, aber grundlegende Erkenntnis hatte mich zu jener Zeit oft beschäftigt. Eine Frage beschäftigte mich besonders: Wie lange dauert es, bis eine Veränderung zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort die Ereignisse an einem anderen Ort in einer bestimmten Entfernung verändert? Als 1966 Deutschland bei der Fußballweltmeisterschaft im Endspiel gegen England verlor, diskutierte die ganze Welt über das umstrittene Tor zum 3:2, das als Tor von Wembley in die Fußballgeschichte einging. Damals grübelte ich lange darüber nach, zu welchem Zeitpunkt ich durch eine winzige Veränderung meines eigenen Verhaltens den Verlauf der Ereignisse so verändert hätte, dass das Tor von Wembley nicht gefallen wäre. Immer und immer wieder überlegte ich: Wäre es möglich, dass das Spiel zunächst genau so verlaufen wäre, wie es verlaufen ist, dass aber dann das umstrittene Tor nicht gefallen wäre – nur weil ich mich zur rechten Zeit anders verhalten hätte? Und wann genau hätte meine Verhaltensänderung stattfinden müssen?

Mit der Zeit traten diese Gedanken in den Hintergrund. Anderes wurde wichtiger … das andere Geschlecht, das Studium, die große weite Welt. Durch den Vortrag über die Chaostheorie war nun mit einem Schlag alles wieder gegenwärtig. Und mit einem Schlag hatte es mich gepackt. Ich musste eine Lösung finden!

Ich begann ein Studium der Mathematik und der Physik, das sich aber ohne rechte Begeisterung dahinzog. Viel lieber verbrachte ich meine Zeit mit Science-Fiction-Literatur. Da ich den Großteil dieser Lektüre niveaulos fand, schrieb ich eigene Storys. Die Wende kam, als ich eines Tages bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb in der Sparte Science-Fiction den ersten Preis gewann. Es folgten ein paar Veröffentlichungen von Kurzgeschichten. Bald darauf bot mir mein Verlag eine eigene Romanserie an. Seither erschienen im Zwei-Jahres-Takt meine Science-Fiction-Romane, die mir ein sehr gutes Einkommen sicherten. Daneben veröffentlichte ich wissenschaftlich-philosophische Abhandlungen über Chancen, Probleme und Grenzen der Raumfahrt und über das Phänomen von Zeitreisen und die Möglichkeit, den Verlauf des Weltgeschehens zu beeinflussen.

So wäre mein Leben wohl weiter verlaufen, wenn nicht die Sache mit Futurowska gekommen wäre. Angefangen hat es mit einer Einladung zu einem Klassentreffen anlässlich des Jubiläums 25 Jahre Abitur. Ich hasse Klassentreffen und ich hatte nicht die Absicht teilzunehmen. Aus einer unerklärlichen Sentimentalität durchforstete ich meine Fotobestände und fand tatsächlich ein Klassenfoto, das kurz vor dem Abitur aufgenommen worden war. Als ich rechts hinter mir das Gesicht von Michael Pollinski entdeckte, stockte mir der Atem. Michael Pollinski war ein unauffälliger Typ. Er interessierte sich ausschließlich für Ufos und wann immer er etwas sagte, sprach er von Ufos und Außerirdischen. Alle spotteten darüber und wir nannten ihn nur Ufo. Als ich nun Ufo auf dem Klassenfoto erblickte, hatte ich sofort das Gefühl, er könne mir wichtige Informationen für meine Romane liefern. Durch einen Anruf bei Erwin, der die Klassentreffen stets gewissenhaft organisierte und am besten über unsere ehemaligen Mitschüler Bescheid wusste, erfuhr ich, dass Ufo unmittelbar nach dem Abitur ein Studium in den USA aufgenommen hatte. Doch schon bald waren sämtliche Kontakte abgebrochen. Man munkelte, er arbeite irgendwo in Alabama an einem geheimen Projekt der NASA. Aber niemand wusste Genaueres. Erwin versprach mir, sich mit Ufos Mutter in Verbindung zu setzen, die immer noch in Ufos Heimatdorf lebte. Da ich wochenlang nichts hörte, hatte ich die Angelegenheit bald vergessen.

Bis ich eines Tages diese denkwürdige Nachricht aus meinem Briefkasten fischte. In einem Umschlag ohne Absender steckte eine Postkarte. Auf der Vorderseite war ein großes Ufo abgebildet, rechts unten die Initialen M.P. Auf der Rückseite stand „KONTAKT FUTUROWSKA – EINZELHEITEN DEMNÄCHST“.

Der Name Futurowska traf mich wie ein Blitz. Dahinter steckte die geheimnisumwitterte Ludmilla Swetowska. Lange Zeit war sie im Westen völlig unbekannt. Bis sie Anfang der achtziger Jahre über Nacht im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit stand. Wochenlang redete und rätselte die ganze Welt über Ludmilla Swetowska, und die Medien verbreiteten unablässig neue Nachrichten und Gerüchte. Swetowska, die stets nur Futurowska genannt wurde, soll in einem unterirdischen Forschungslabor in einer militärisch abgeschirmten Gegend im Altai an einem Forschungsprojekt der allerhöchsten Geheimhaltungsstufe gearbeitet haben. Während einer Geheimkonferenz sowjetischer Astrophysiker, Kosmologen und Futurologen, die aus Sicherheitsgründen irgendwo in der kirgisischen Steppe abgehalten wurde, soll ihr die Flucht nach Afghanistan gelungen sein. Bald darauf verloren sich ihre Spuren im Hindukusch. Die Spekulationen überschlugen sich. Zunächst hieß es, sie sei von russischen Spezialeinheiten liquidiert worden. Dann, sie sei mit Hilfe des pakistanischen Geheimdienstes und der CIA in ein geheimes Forschungszentrum in der Wüste von Nevada gelangt. Dann, sie verstecke sich in Westeuropa, ständig auf der Flucht vor dem KGB. Manche meinten, die Flucht sei nur vorgetäuscht um eine Agentin in den Westen zu schleusen. Andere meinten, Ludmilla Swetowska alias Futurowska habe es nie gegeben, sie sei lediglich eine Fiktion im Dienste der psychologischen Kriegsführung im Ost-West-Konflikt, und man rätselte, ob es sich um eine Erfindung des Westens oder des Ostens handele. In der Fachwelt war man sich einig, dass Futurowska aus Fleisch und Blut war und dass sie noch lebte, und viele erhofften sich mit ihrer Hilfe einen grandiosen Durchbruch in zentralen Fragen der Kosmologie und Futurologie. Dann wurde es still um Futurowska. Über die Jahre hinweg tauchten zwar immer wieder neue Gerüchte auf, aber nach einer Weile verstummten sie ebenso klanglos wie die unausrottbaren Neuigkeiten über das Ungeheuer von Loch Ness. Und nun diese Botschaft, die ohne Zweifel von Ufo höchstpersönlich stammte. Fieberhaft wartete ich auf die angekündigten Einzelheiten.

Eine Woche später traf ein großes Paket ein. Der Inhalt: Eine komplette Wanderausrüstung, ein eigenartiges Navigationsgerät, verschiedene Zug- und Busfahrkarten und ein dazugehöriger detaillierter Reiseplan. Und eine Postkarte, auf der Vorderseite das bekannte Ufo mit den Initialen M.P., auf der Rückseite die Worte „FUTUROWSKA ERWARTET DICH“.

Am übernächsten Tag machte ich mich auf den Weg. Einzelheiten der abenteuerlichen Unternehmung muss ich auslassen, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass dieser Bericht in falsche Hände gerät. Auch über den Ort, an dem ich mich seither befinde, muss ich Stillschweigen bewahren. Und über unser großartiges Experiment werde ich nur Dinge berichten, die ohnehin bald in der Öffentlichkeit bekannt sein werden.

Ich wurde Mitglied der Gruppe Futurowska und der kühnsten Unternehmung der Menschheitsgeschichte.

Diese Geschichte wartet nun schon ein paar Jahre auf die Fortsetzung.
Aber wenn man bedenkt, wie alt das Universum ist …

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Lesetipp

Ronald Henss: Doppelgänger eBook Amazon KindleRonald Henss
Doppelgänger

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Doppelgänger – Eine spannende Kriminalgeschichte um zwei Schriftsteller, Doppelgänger und eine geheimnisvolle Domina …

Der Anruf kam unerwartet. Es war mein Schriftstellerkollege Stefan Aurich. Während ich immer noch auf meinen ersten nennenswerten Erfolg wartete, hatte er es mit seinen subtilen Kriminalromanen längst zum Bestsellerautor geschafft …

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Science Fiction, Fußball, Chaos-Theorie, Fußballgeschichte, Opa, Wormatia Worms, SciFi

Als Karl zum Fenster hinaus schaute

Alter Turm und Turmschule
Alter Turm und Turmschule Dudweiler
Alter Turm und Turmschule

Als Karl zum Fenster hinaus schaute

© Ronald Henss

Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.

Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.

Nun wohnte er schon seit fast zwanzig Jahren hier. Von Anfang an in dieser Wohnung. Seit fast zwanzig Jahren diese wunderschöne Aussicht. Unmittelbar gegenüber der Alte Turm, mitten im Schulhof der Turmschule. Ein klein wenig rechts davon, auf der Anhöhe, die evangelische Christuskirche. Einträchtig daneben, noch etwas höher, die katholische St. Marien Kirche. Rechts, ganz nah das Rathaus. Dahinter, in dichtem Grün, Häuser die sich an den Guckelsberg anschmiegen, hinter dessen Höhe sich die Universität versteckt. Auf der linken Seite der steile Anstieg zum Bubbesberg. Der Friedhof verschmilzt mit der dicht bewaldeten Bergkuppe. Noch weiter links – dazu muss er sich ein wenig aus dem Fenster hinauslehnen – der Brennende Berg, der mit seinem einstmals spektakulären Naturschauspiel dem Ort einen bleibenden Platz in der Weltliteratur beschert hat.

Sie nahm keine Notiz von der Landschaft, die an ihr vorbei flog. Die Arbeiten im Studio waren zügig voran gekommen. Bei ihrer Rückkehr würde sie die fertigen Materialien vorfinden, und dann würde es bis zur endgültigen Fertigstellung nur noch ein paar Wochen dauern. Ja, es erfüllte sie mit Stolz. Eine schottische Literaturwissenschaftlerin, die eine Dokumentarserie über Goethe initiiert hatte, internationale Kooperationspartner gewonnen und die wissenschaftliche Leitung übernommen. Die Ankunft in Frankfurt und die kurze Fahrt zum Hotel waren ihr kaum ins Bewusstsein gedrungen. Die Goethe-Stadt Frankfurt war ihr fast so vertraut wie ihre geliebten schottischen Highlands. Anders als bei ihren früheren Aufenthalten lagen nun ein paar Tage der Ruhe vor ihr. Sie würde viele Stunden in der Bibliothek verbringen, auch ein paar Freunde besuchen, aber vor allem eines: Entspannen. Und dann der kleine Ausflug, auf den sie sich schon so sehr freute.

Seit er hier wohnt, hat sich die Aussicht kaum verändert. Aber erst seit kurzem hat er sie richtig schätzen gelernt. Zuerst hatte er sein Interesse am Fotografieren wieder entdeckt, das so viele Jahre brach gelegen hatte. Mit dem intensiveren Hinsehen wuchs auch sein Interesse an Landschaft, Architektur, Geschichte und Kultur des Ortes. Sein Blick wanderte vom Alten Turm zur angrenzenden alten Kirchhofsmauer. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts, als das alte Kirchlein auf den Fundamenten einer noch viel älteren Kapelle erbaut wurde, lebten in dieser Ansiedlung nur ein paar Handvoll Menschen. Ein Verzeichnis aus dem Jahre 1542 führt die Untertanen auf, und die Abgaben, die sie zur Finanzierung der Türkenkriege entrichten mussten; Kriegssteuer würde man heute sagen. Aus dieser „Türkenschatzung“ lässt sich erschließen, dass das Dorf damals etwa 150 Bewohner zählte. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges wurde der Ort fast völlig ausgelöscht. Nur zwei bis vier Untertanen sollen diese Zeit des Grauens überlebt haben. Danach die allmähliche Erholung, und im 19. Jahrhundert die stürmische industrielle Entwicklung, die die Einwohnerzahl binnen weniger Dekaden auf zwanzigtausend, dreißigtausend anschwellen ließ. Eine Zeit lang schmückte man sich mit der Bezeichnung „Das größte Dorf Europas“. 1962 wurden die Stadtrechte verliehen. Aber nur elf Jahre später wurden diese gegen den Willen der Einwohner – 96.19% der Wähler hatten gegen die Eingemeindung gestimmt – durch eine Zwangseingliederung in den Stadtverband aufgehoben.

Sie freute sich auf den Ausflug. Er sollte ihr einen bislang unbeachteten Aspekt aus Goethes Leben näher bringen. Ihre Doktorarbeit über Goethes „Dichtung und Wahrheit“ hatte ihr internationale Anerkennung verschafft. Sie war der Grundstein für die Berufung auf den Lehrstuhl für Deutsche Literatur, die sie damals – mit 29 Jahren – zur jüngsten Professorin Schottlands gemacht hatte. Um Goethes Werk rankte sich ihr geistiges Leben. Und „Dichtung und Wahrheit“ war das Zentrum. Sie kannte dieses Werk wie kaum jemand sonst auf dieser Welt. Selbstverständlich wusste sie von Goethes Ausflug in die Saargegend. Zu jeder Zeit hätte sie, ohne überlegen zu müssen, sagen können: Das war im Sommer 1770. Sie wusste auch, dass jener Aufenthalt Goethes Interesse an Technik wesentlich befördert hatte. Aber diese kleine Begebenheit hatte nie ihre Aufmerksamkeit erregt. Erst eine eher unsystematische Recherche im Internet hatte sie darauf gestoßen. Über die Suchbegriffe „Goethe“ + „Dichtung und Wahrheit“ war sie auf eine Webseite gelangt, die sie sofort in ihren Bann zog. Natürlich hatte sie auch diese Passage schon mehrmals gelesen. Aber weil hier der Fokus so eng auf Goethes Reise zum Brennenden Berg gelegt war, trat diese kleine Begebenheit in alles überdeckender Vergrößerung vor ihr Auge. Sie wusste unmittelbar, dass das seltsame Naturschauspiel auf den jungen Goethe eine besondere Faszination ausgeübt haben musste. Und nun sollte sie diese wundersame Stätte bald mit eigenen Augen sehen.

Die Geschichte des Heimatortes hatte in Karls Leben einen wichtigen Platz eingenommen. Vor ein paar Monaten hatte er damit begonnen, Geschichte und Kultur seines Heimatortes im Internet zu präsentieren. Die erste Webseite war dem Brennenden Berg gewidmet. Im Jahre 1668 hatte sich zwischen Dudweiler und Sulzbach ein unterirdisches Kohleflöz entzündet. Der Schwelbrand fraß sich unaufhaltsam in das Berginnere. Ohne Unterlass stiegen über viele Generationen dichte Rauschwaden aus den Felsspalten. Die Einwohner verstanden es rasch, aus diesem Naturereignis ökonomischen Nutzen zu ziehen. Aus dem durch die Bergglut gerösteten Schiefer wurde Alaun gewonnen, das für vielfältige Zwecke genutzt wurde. Vor allem für die Färberei. Nach unsystematischem Kohleschürfen und fruchtlosen Versuchen der Salzgewinnung bot die Alaungewinnung einen wichtigen Broterwerb. Erst später setzte mit dem systematischen Kohleabbau eine explosionsartige industrielle Entwicklung ein, die den Charakter des Ortes radikal veränderte. Auf seiner zweiten Webseite präsentierte Karl jenen Ausschnitt aus Goethes „Dichtung und Wahrheit“, in dem der junge Dichter seinen Aufenthalt in der Saargegend beschrieben hatte. In dieser Schilderung nimmt der Besuch am Brennenden Berg eine herausragende Stellung ein. Damit hat der Dichterfürst dem einstmals so imposanten Naturschauspiel einen bleibenden Platz in der Weltliteratur verschafft. Dann folgte eine Seite über den Alten Turm. Mittlerweile bot die Website eine Fülle von Informationen über die Heimatgeschichte, illustriert durch viele Fotos aus Karls umfangreicher Sammlung.

Brennender Berg DudweilerWie sehr liebte sie diese Sprache: Wir hörten von den reichen Dudweiler Steinkohlengruben, von Eisen- und Alaunwerken, ja sogar von einem brennenden Berge, und rüsteten uns, diese Wunder in der Nähe zu beschauen. … Nun gelangten wir zu offnen Gruben, in welchen die gerösteten Alaunschiefer ausgelaugt werden, und bald darauf überraschte uns, obgleich vorbereitet, ein seltsames Begegnis. Wir traten in eine Klamme und fanden uns in der Region des brennenden Berges. Ein starker Schwefelgeruch umzog uns; die eine Seite der Hohle war nahezu glühend, mit rötlichem, weißgebrannten Stein bedeckt; ein dicker Dampf stieg aus den Klunsen hervor, und man fühlte die Hitze des Bodens auch durch die starken Sohlen. … Mehrere Bäume standen schon verdorrt, andere welkten in der Nähe von andern, die, noch ganz frisch, jene Glut nicht ahndeten, welche sich auch ihren Wurzeln bedrohend näherte. Auf dem Platze dampften verschiedene Öffnungen, andere hatten schon ausgeraucht, und so glomm dieses Feuer bereits zehen Jahre durch alte verbrochene Stollen und Schächte, mit welchen der Berg unterminiert ist. Sie wusste, dass sie den Brennenden Berg ganz anders vorfinden würde als der junge Goethe. Brennender Berg Dudweiler Kein dichter Qualm, der aus Felsspalten empor steigt. Keine Hitze, die selbst durch starke Sohlen dringt. Nur noch wenige Spalten, an denen ein schwacher Rauch mit Mühe zu erkennen ist. Die Beschreibung und die Fotos auf der Website hatten ihr eine präzise Vorstellung vermittelt. Sie würde also nicht enttäuscht sein. Sie fieberte dem Moment entgegen, in dem sie an der Stelle stehen würde, die den Dichterfürsten so sehr beeindruckt hatte – genau 233 Jahre später. Und sie freute sich darauf, den Ort und die Sehenswürdigkeiten kennenzulernen, die ihr durch die Website so vertraut geworden waren.

Vor genau 233 Jahren hatte Goethe den Brennenden Berg besucht. Für Karl ein schöner Anlass, mal wieder hin zu wandern. Den steilen Anstieg zum Bubbesberg, vorbei am Friedhof, hatte er hinter sich. Von hier an verläuft der Weg flach durch den schattigen Wald.

Sheryll stand am Fuße des Gegenortschachts, der zu früheren Zeiten Landgrube hieß. Im Geiste Goethes Worte: Unser Weg ging nunmehr an den Rinnen hinauf, in welchen das Alaunwasser heruntergeleitet wird, und an dem vornehmsten Stollen vorbei, den sie die Landgrube nennen, woraus die berühmten Dudweiler Steinkohlen gezogen werden. Ihr Herz pochte. Ob sie bei ihrem steilen Anstieg dem Weg des geliebten und verehrten Dichters folgen würde? Die finsteren Stollenschlünde zogen uns jedoch um so weniger an, als der Gehalt derselben reichlich um uns her ausgeschüttet lag. Die Zeiten des Schiefer- und des Kohleabbaus sind schon lange vorbei, die Spuren beseitigt. Nun gelangten wir zu offnen Gruben, in welchen die gerösteten Alaunschiefer ausgelaugt werden. Ob diese Mulde durch Schieferabbau entstanden ist? Als sie endlich, auf der Berghöhe angekommen, in die kleine Schlucht einbog war sie von Goethes Worten berauscht: und bald darauf überraschte uns, obgleich vorbereitet, ein seltsames Begegnis. Wir traten in eine Klamme und fanden uns in der Region des brennenden Berges.

Karl hatte sich ein schattiges Plätzchen gesucht. Die Hitze war selbst im Wald kaum zu ertragen. Der heißeste Juni seit über hundert Jahren. Gedankenverloren blickte er auf, und plötzlich war er hellwach. Da vorne, zwischen der schwach rauchenden Felsspalte und der Goethe-Gedenktafel, eine Frau wie man sie in dieser Gegend nie sieht. Merkwürdige Kleidung. So stellt man sich einen typischen Engländer auf Safari vor. Aber das eigentlich Faszinierende war ihr Haar. Aus dem Tropenhelm quoll es in dichten großen Locken heraus und fiel tief über ihren Rücken herab. In glänzendem dunklen Rot. Als Sheryll sich umdrehte, spürte sie sofort, dass der Herr dort drüben sie schon längere Zeit intensiv angeschaut hatte. Es war ihr nicht unangenehm. Berauscht von ihren Gedanken an die Worte des geliebten Dichters hatte sie das Gefühl, dass auch der Herr dort um die Bedeutung dieses Ortes wusste. Sie lächelte ihm freundlich zu. Karl erwiderte mit einem freundlichen Nicken.

Als Karl am nächsten Tag aus dem Fenster hinaus schaute, flog sofort ein Lächeln über sein Gesicht. Ja, kein Zweifel, dort unten stand sie und blickte auf den Alten Turm. Unverkennbar die Kleidung. Unverkennbar das prachtvolle Haar, das unter dem seltsamen Hut hervorquoll. Für einen Augenblick drehte sie sich herum und blickte in seine Richtung. Karl wusste, dass sie ihn auf diese Entfernung nicht erkennen konnte. Ohnehin würde sie sich wohl kaum an ihn erinnern. Sheryll nahm einen Kopf hinter dem Dachfenster wahr. Sofort musste sie an den Herrn denken, der sie gestern am Brennenden Berg so intensiv angeschaut hatte und dem sie sich durch ihr Lächeln in einer eigenartigen Weise verbunden fühlte. Aber ihr war klar, dass dies nur die Erinnerung an ein kurzes intensives Gefühl der Nähe war, dass es solche Zufälle nicht gibt.

Am späten Nachmittag, als Karl im Garten saß, stieg Sheryll in den Bummelzug. Er führte sie parallel zur Wegstrecke auf der Goethe damals seine Reise fortgesetzt hatte. Vom Brennenden Berg kommend hatte er die Friedrichsthaler Glashütte besucht, um dann rasch nach Neunkirchen weiter zu reisen. Dort hatte sich der junge Dichter an den funkensprühenden Essen der Schmelzhütten ergötzt, und in der langen Sommernacht wurde er von Erinnerungen an eine ferne Liebe übermannt. Sheryll wusste natürlich, dass hier Dichtung und Wahrheit miteinander vermengt waren, und dass die Erinnerung einer Liebe galt, die Goethe erst ein paar Monate später kennenlernen sollte.

Nur wenige Minuten Aufenthalt in Neunkirchen, dann stieg Sheryll in den Regionalexpress nach Frankfurt. Karl ging nach oben.

Nach Abschluss seiner Arbeiten warf er einen Blick auf die Besucherstatistiken seiner Webseite. Fünf Monate Webpräsenz und bereits 2300 Besucher auf der Portalseite. Nicht schlecht. Knapp über 90 Prozent aus Deutschland, anderthalb Prozent aus den USA, gefolgt von Frankreich, Österreich, Schweiz, Niederlande, Großbritannien, Italien und Kanada. Schade, dass man nie erfährt, wer die Besucher sind und was sie von diesen Seiten halten. Er schaltete den Rechner aus, ging zum Fenster und schaute auf den Alten Turm.

Sheryll blickte ein wenig wehmütig auf die Rollbahn. Sofort nach ihrer Rückkehr würde sie dem Betreiber der Website eine E-Mail schicken. Sie würde ihre Erlebnisse schildern und ihren Dank ausdrücken, dass seine Internetseiten den Anstoß für diesen wundervollen Ausflug geliefert hatten. Schade, dass ich ihm nie begegnet bin, obwohl ich doch in seiner Nähe war.

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Lesetipp – Auch hier kommt der Brennende Berg vor

Ronald Henss: Doppelgänger eBook Amazon KindleRonald Henss
Doppelgänger

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Doppelgänger – Eine spannende Kriminalgeschichte um zwei Schriftsteller, Doppelgänger und eine geheimnisvolle Domina …

Der Anruf kam unerwartet. Es war mein Schriftstellerkollege Stefan Aurich. Während ich immer noch auf meinen ersten nennenswerten Erfolg wartete, hatte er es mit seinen subtilen Kriminalromanen längst zum Bestsellerautor geschafft …

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Liebesgeschichte, Dudweiler, Brennender Berg, Goethe, Saarland

Teach me Tiger

Saarbrücker Aushängeschild
Saarbrücker Aushängeschild
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Teach me Tiger – Oder: Die Lektion

Eine Hommage an April Stevens
© Ronald Henss

Zielstrebig steuere ich durch den dunklen Saal auf die schummrig beleuchtete Bar zu, schnappe mir den erstbesten Barhocker, lege das Päckchen auf der Theke ab und sag in meinem schnodderigsten Tonfall: „Hi, Busty!“

„Hi! Ein Dirty King, wie immer?“ Ihre Stimme klingt noch verruchter als sonst.

„Nein, nur’n Glas Wasser. Ich brauch nen klaren Kopf.“

Kurz drauf schiebt sie mir ein Glas Wasser hin. „Na dann: Prost und viel Glück! Das wirst du brauchen.“

„Hmmm … danke. Ähhmm … ach, was … gönn dir nen Champus, geht auf meine Rechnung.“

Als sie das Sektglas hebt, streicht ihre Zunge über die knallrot geschminkten Lippen. „Also dann noch mal: Prost!“

„Ja, Prost.“

Oh, Busty, du hast auch schon bessere Tage erlebt! Aber ich muss zugeben: Das hat was, diese verlebte Nuttenvisage, der grelle Lippenstift, die zottelige Mähne und der Megabusen, der den dunkelroten Bademantel sprengt. Seit ich sie kenne, rennt sie mit nem dunkelroten Bademantel rum. Erst wenn der erste Kunde den Schuppen betritt, trennt sie sich von dem Ding; und kaum ist der letzte Gast raus, schlüpft sie wieder rein.

Sie zieht einen Stuhl heran, beugt sich zu mir und legt die schwere Last auf der Theke ab.

Mein Gott, Busty, du und deine Titten! Deine guten Tage liegen Jahrzehnte zurück, aber die Dinger sind immer noch ein Mordskapital. Oh, Halt! Stopp! Jetzt darf ich an alles denken, bloß nicht an Mord.

Busty plappert ununterbrochen. Ich liebe den dunklen Klang ihrer Stimme, aber ich höre nicht zu, was sie sagt. Nur ab und zu schenke ich ihr ein „Mhhhm“ oder ein „Ah, ja“.

Hinter mir üben die Mädchen auf der Bühne. Normalerweise würde ich rüber glotzen und mit Busty wetten, wer von den Mädels morgen früh so besoffen ist, dass sie sich von mir abschleppen lässt. Aber jetzt muss ich einen klaren Kopf behalten. Und wenn die Sache erst mal durch ist, dann stellt sich diese Frage …

Teach me tiger … Halt! Das ist Janas Lied.

Sofort rutsche ich zwei Barhocker weiter nach rechts. Von dort aus kann ich die Nummer in dem großen Barspiegel verfolgen.

Busty grinst: „Ja, ja, die Jana, die hats dir angetan.“

„Na, wenn du meinst. Du musst es ja wissen.“

Ja klar, es ist Jana. Sie übt mal wieder ihren heißen Strip an der Stange. Und dazu Teach me tiger …, mein Lieblingssong. Echt scharf, diese Nummer. Jana ist nun mal durch und durch professionell – nicht nur auf der Bühne.

Busty ist kein bisschen beleidigt, dass ich nur noch gebannt in den Spiegel hinter ihr starre und ihre prallen Möpse keines Blickes mehr würdige. Ihre Worte rauschen an mir vorüber.

… Touch me tiger when I’m close to you wa wa wa wa wa …

„Ja, die sieht wirklich super aus, deine Jana.“

„Was heißt hier ‚deine‘ Jana? … deine Jana … deine Jana …“, äffe ich sie nach.

Aber recht hat sie. Jana sieht fantastisch aus. Nur die blöde blonde Perücke, die passt gar nicht zu ihr. Wenn das Ding durchgezogen ist, kannst du die gleich wegschmeißen, Jana. Deine rotbraune Löwenmähne steht dir viel besser. Überhaupt, bald brauchst du gar nicht mehr hier unten rumzuturnen. Dann regieren wir zwei den Laden. Du und ich – von oben.

… All of my love I will give to you … But teach me TIGER … or I’ll teach you … ooh … tiger … tiigeeR… tigrrrR…

„Die hat dir aber ganz schön den Kopf verdreht, die Jana.“

„Ach, Busty, halt mal die Klappe“, sag ich genervt, und dann, ganz unbeteiligt: „Wo steckt denn Jack?“

„Der ist noch nicht da. Kommt heut später.“

Ich weiß genau, dass sie lügt. Aber ich kann’s ihr nicht verdenken; in diesem Laden ist es allemal besser, nur das zu sagen, was man sagen soll. Wie zur Bestätigung blinzelt sie mir verschwörerisch zu.

Ich bin ganz sicher: Jack steckt oben und lässt sich von zwei oder drei Mädchen verwöhnen. Die Natascha und die Carol sollen zur Zeit seine Favoritinnen sein. Na ja, mir kann’s egal sein. Soll er doch noch ein bisschen Spaß haben, bevor …

Ein Blick auf meine Rolex sagt, dass es an der Zeit ist: Noch 7 Minuten und 13 Sekunden.

Ich schiebe Busty das schmale Zündholzpäckchen hin. Das dunkelblaue mit den Goldlettern: „Marriott Resorts, Bangkok“.

„Das gibst du Jack. Der weiß, was das bedeutet.“

Ich bin sicher, Busty weiß es auch. Aber die wird dichthalten. Die weiß nur zu gut, wie es Jessy ergangen ist.

In Gedanken spule ich den Plan noch mal Punkt für Punkt ab.

Auf die Sekunde genau verlasse ich die Bar.

Draußen ist es schon stockdunkel. Ein eiskalter Wind schneidet mir ins Gesicht.

Zwei vereinzelte Flöckchen. Oh Gott, jetzt bloß kein Schnee. Spuren kann ich nicht gebrauchen. Nachher kann’s von mir aus schneien so viel es will. Wär‘ sogar ganz hilfreich, so ein dichter Schneemantel, der alles zudeckt.

Die Rolex zeigt: Noch 4 Minuten, 23 Sekunden.

Ich ziehe den Hut tief ins Gesicht, klappe den Mantelkragen nach oben und gehe weiter. Jeder Schritt genau abgezählt.

Jack, was für ein Name! Aber wer will schon Friedhelm Heinrich heißen?

Die Rolex zeigt: Noch 1 Minute, 18 Sekunden.

Ich summe still in mich hinein: Teach me tig…

Ich behalte die Rolex im Auge und fasse mit der Rechten in die geheime Manteltasche. Fühlt sich kalt an. Sogar durch die Handschuhe.

Teach me tiger … Ja, diese Lektion wird er verstehen …

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Doppelgänger

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Der Anruf kam unerwartet. Es war mein Schriftstellerkollege Stefan Aurich. Während ich immer noch auf meinen ersten nennenswerten Erfolg wartete, hatte er es mit seinen subtilen Kriminalromanen längst zum Bestsellerautor geschafft …

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Humor, Erotik, Spannung, erotische Kurzgeschichte

Beim Piffri

Saarbrücker Ausshängeschild
Saarbrücker Aushängeschild Friseur Coiffeur
Saarbrücker Aushängeschild

Beim Piffri

© Ronald Henss

Ehrlich gesagt, ich bin nie gerne zum Friseur gegangen. Auch schon lange vor der Zeit, als ich endlich selbst bestimmen konnte und beschloss, überhaupt nicht mehr zum Friseur zu gehen.

Jetzt, wo ich darüber nachdenke, wird mir klar, dass Erinnerungen an den Friseur zu meinen ältesten Erinnerungen gehören. Wie weit sie genau zurück reichen, weiß ich nicht. Aber einige Vorstellungsbilder stammen sicherlich noch aus der Zeit bevor ich zur Schule ging. Das war in den frühen fünfziger Jahren.

Unser Frisör hieß Pfeifer, Philipp Pfeifer. Aber bei uns hieß er nur „de Peifer Filp“ oder „de Piffri“. Der Frisörladen war nicht weit von zu Hause entfernt, höchstens zweihundert Meter.

Zuerst musste man ein paar Treppenstufen hochgehen, vielleicht sechs oder sieben. Links ging es in das Tante-Emma-Lädchen, in dem wir häufig einkauften. Als ich noch klein war, war die Theke riesig hoch; und die großen bauchigen Gläser mit den bunten Bonbons waren unerreichbar. In den Frisörladen ging es rechts.

Der Frisörladen war eigentlich nur ein kleines Zimmer. Aber auf ein Kind musste allein schon die eigentümliche Einrichtung einen tiefen Eindruck machen.

An der breiten Wandseite riesengroße Spiegel. Nach unten wurden sie abgeschlossen durch einen Wandtisch, in den zwei Becken eingearbeitet waren. Der mächtige Wandtisch war aus Holz; ob die Becken aus Marmor, aus Porzellan oder aus Metall waren, kann ich heute nicht mehr sagen.

Vor der imposanten Armatur zwei Stühle für Erwachsene. In der kindhaften Erinnerung erscheinen sie riesengroß und schwer. Ob sie tatsächlich gepolstert waren? Vielleicht waren es aber auch nur einfache Holzstühle? Ich weiß es nicht mehr.

Der Kinderstuhl war aus braunem Holz. Vier hohe schlanke Stelzen gingen vom Boden bis zum oberen Rand, wo sie an der hufeisenförmigen Lehne abschlossen. Knapp über dem Boden wurden die Stelzen durch Querhölzer zusammengehalten.

Auf dem Wandtisch und in verschiedenen Vitrinen tausenderlei Utensilien. Natürlich allerlei Scheren, Kämme und Bürsten. Verschiedene Tuben und Tübchen. Fläschlein mit Duftwässerchen, Parfüms. Eine Flasche aus dickem, goldbraunem Glas mit dünnen Querrillen. Unvergessen der Werbespruch „Es ist nie zu früh und selten zu spät für Diplona.“ Haarwässerchen und Haarwuchsmittel waren damals natürlich kein Thema für mich. Übrigens auch später nicht, als sich meine Haarpracht ziemlich rasch dünne machte. Eine besondere Faszination ging von dem Zerstäuber aus. Ein bauchiges Fläschlein, oben eine Metalldüse und daran ein rotbrauner Gummischlauch, der in einem dicken Gummiballon endete. Kurzes Drücken auf den Ballon – „pffff, pffff, pffff….“ – und feinste Tröpfchen verteilten sich über das Haar und verströmten einen charakteristischen Duft.

Überhaupt war der ganze Raum durch einen charakteristischen Duft markiert. Ich würde ihn vermutlich heute sofort wiedererkennen; aber merkwürdigerweise kann ich ihn nicht beschreiben. Ich habe daran keine konkrete sinnliche Erinnerung. Ganz anders verhält es sich mit einer anderen Geruchserinnerung, die vermutlich meine allerälteste Erinnerung ist. Die hat aber nichts mit dem Friseur zu tun; und so werde ich darüber an anderer Stelle berichten.

Wir bleiben beim Piffri. In einem Herrensalon durften natürlich die folgenden Utensilien nicht fehlen: Rasierschaum, Rasierpinsel, eine Gummischale, in der der Schaum angerührt wurde, Rasiermesser und ein Lederriemen zum Schärfen der Klinge. Gelegentlich ließ sich einer der älteren Männer – alt erschienen damals alle Erwachsenen – rasieren. In der schwarzen Gummischale wurde der Schaum geschlagen. Dann der Bart kräftig eingeseift. Das Rasiermesser mit ein paar schnellen Strichen am Lederriemen geschärft; ritsch ratsch, ritsch ratsch, ritsch ratsch. Und dann vorsichtig, Strich um Strich die glatte nackte Haut freigelegt. Vermutlich floss auch ab und an Blut. Aber mich betraf das nicht.

Mein Platz war auf dem Kindersitz. Vor dem Haareschneiden wurde der Umhang aus Stoff um den Hals gebunden. Schlichter weißer Stoff. Die ersten Grobarbeiten mit Schere und Kamm. Dann der mechanische Haarschneider. Wenn der Piffri die Zangengriffe in der Faust zusammendrückte, machte es leise „quack, quack, quack“ und die hellblonden Haarbüschel fielen lautlos zu Boden. Zum Feinschliff benutzte er eine elektrische Haarschneidemaschine. Leises stetiges Summen, nicht bedrohlich. Gelegentlich kam auch das Rasiermesser zum Einsatz; „ritsch, ritsch, ritsch“. Schließlich der buschige Pinsel, mit dem er die feinen Härchen aus dem Nacken bürstete. Aber ein paar blieben immer im Kragen hängen, manche noch stundenlang.

Die frühen sechziger Jahre, für mich die Phase der Vorpubertät, waren die Goldene Ära des Haarsprays. Mit der Taft-Dose von Wella rückten nicht nur die Frauen den Haaren zu Leibe. Damals war noch keine Rede von Treibgasen, Ozonloch, Umweltschutz. Wir haben uns das Zeug bedenkenlos auf den Kopf gesprüht. Die Haare fühlten sich dann ganz unnatürlich an. Wie kleingehäckseltes Stroh. Aber dafür hätte die Schmalztolle à la Elvis auch einem mittleren Wirbelsturm standgehalten. In meinem Flur hängt heute eine Mini-Galerie alter Fotos. Ein kleines Schwarz-Weiß-Bild, das nun schnurstracks auf die Vierzig zugeht, zeigt mich im Konfirmandenanzug. Den Kopf ziert auf der linken Seite ein akkurat gezogener Scheitel, das Haupthaar ist zu einer atemberaubenden Welle hochgedrückt, selbstverständlich mit Haarspray gefestigt. In diesem Aufzug war ich noch der ganze Stolz meiner Mutter. Aber das sollte sich bald ändern.

Die Pubertät, ohnehin eine Zeit der Auflehnung und Revolte, fiel bei mir in eine Epoche tiefgreifender kultureller und politischer Umwälzungen, die ihren augenfälligen Ausdruck in radikalen Veränderungen der Haartracht fanden. Der Kampf der Generationen – das heißt: der Kampf zwischen meiner Mutter und mir – lief zum größten Teil über die Auseinandersetzung ums Haar. Den Auftakt zur nächsten Runde des Generationenkampfes bildete gewöhnlich der Spruch: „Wie laafschden du schunn widder rum? Du sieschd jo aus wien Biedels [dass der Singular von Beatles Beatle heißt, spielte dabei keine Rolle]. Mach, dass de mol widder zum Friseer kummschd!“ Die unausweichliche Folge waren endlose Debatten, erbitterter Streit, nicht selten Tränen und wochenlanges Schweigen. Wenn ich mich dann schließlich doch beim Piffri blicken ließ, hieß es „Rund odder Fassong?“ Ehrlich gesagt, wusste ich damals weder was Fassong bedeutet, noch wie man es schreibt. „Rund“ klang viel zu gewöhnlich, also lautete die Antwort in der Regel „Fassong“. Zum Abschluss der Prozedur nahm der Piffri den großen Handspiegel und beschrieb damit einen Halbkreis hinter meinem Kopf, so dass ich im Frontspiegel die „Fassong“ bewundern konnte. Es kam aber keine Bewunderung auf. Ganz im Gegenteil: Ich kam mir immer elend vor. Schlimmer als nackt. Auf dem Rückweg habe ich die Schritte beschleunigt, um so rasch wie möglich nach Hause zu kommen. Vor Scham hielt ich den Kopf gesenkt, so manches Mal den Tränen nahe. Bloß nicht gesehen werden.


Sie wollen wissen, wie die Geschichte zu Ende geht?
Die vollständige Geschichte gibt es in dem Buch „Abenteuer im Frisiersalon„. Erhältlich als Taschenbuch, eBook im epub-Format und als eBook für Amazon Kindle.

Buch und eBook

Ronald Henss: Ein Lobgesang auf meine guten Gene eBook Amazon KindleAbenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5 (Buch)
ISBN 978-3-939937-67-8 (eBook im epub-Format)
eBook für Amazon Kindle

Dieses Buch enthält eine Auswahl der besten Beiträge zum Kurzgeschichtenwettbewerb „Abenteuer im Frisiersalon“. 21 Autoren aus Deutschland und Österreich präsentieren eine bunte Mischung. Mal ernst, mal heiter, nachdenklich, spannend, unterhaltsam, sentimental, skurril, phantastisch, …

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Lesetipp

Ronald Henss: Ein Lobgesang auf meine guten Gene eBook Amazon KindleRonald Henss
Ein Lobgesang auf meine guten Gene

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Die schräge Geschichte von Bodo, der eines Tages feststellt, dass sich sein dichter Haarschopf lichtet.
Eine Geschichte für alle, die Haare haben oder auch keine. Für alle, die sich mehr oder andere Haare wünschen. Für alle, die mit ihrem Haar zufrieden sind; und für alle, die mit ihrem Haar hadern.

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Friseur, Frisör, Frisur, Haare, Friseurgeschichte, Frisiersalon

Ein Tag im Leben der Frau Pohl

Sonnenuntergang
Sonnenuntergang
Sonnenuntergang

Ein Tag im Leben der Frau Pohl

© Ronald Henss

Frau Pohl ist klein und dick. Mächtig dick. So dick, dass ihr das Laufen schwerfällt. In den letzten Jahren ist sie nur selten aus ihrer Wohnung heraus gekommen.

Das Aufstehen ist heute mühsam wie immer. Frau Pohl zieht den bereitliegenden weinroten Bademantel über, geht kurz aufs Klo, dann in die Küche um den Kaffee aufzubrühen. Beim Frühstück hört sie Radio. Den regionalen Sender. So ist sie stets über die Ereignisse in der näheren Umgebung auf dem Laufenden.

Um halb sieben dreht sie das Radio leiser. Nach und nach erwacht das Haus; und Frau Pohl möchte nichts versäumen. Aufmerksam verfolgt sie jeden Laut, der durch Tür und Wände dringt. Sie kennt alle Geräusche, alle Schritte, alle Stimmen. Was sie nicht einordnen kann, hält sie sorgfältig in dem dicken Notizbuch fest.

Vor drei Jahren hatte ihre Aufmerksamkeit das Leben von Herrn Rieger gerettet. Nachdem drei Tage lang kein Rieger-Laut zu ihr gedrungen war, alarmierte sie die Nachbarn. Der Notarzt meinte damals, Herr Rieger hätte keinen Tag länger überlebt. Seither ist Frau Pohl noch gewissenhafter mit ihren Notizen.

Um halb zehn klingelt es. Es ist Elli, die ihr zweimal die Woche die Einkäufe besorgt. Als ihre Freundin alle Sachen verstaut hat und der Kaffee fertig ist, machen es sich die beiden alten Damen im Wohnzimmer bequem.

„So, liebe Elli, jetzt erzähl doch mal, was so alles im Ort passiert ist.“

Gebannt hängt sie an Ellis Lippen. Immer wieder will sie dies oder jenes genauer wissen. Später bereitet Elli ein leckeres Mittagessen zu. Derweil erstattet Frau Pohl Bericht. Als Elli kurz vor eins geht, ist sie über das Privatleben der Mieterschaft auf dem neuesten Stand und Frau Pohl kennt alle Neuigkeiten aus dem Ort.

Zufrieden hält Frau Pohl ihr Mittagsschläfchen.

Um zwei steht sie auf. Sie zieht ihren Bademantel über, geht ins Bad und macht ihre Haare zurecht. Schwer atmend schlurft sie zur Tür des Nachbarn von gegenüber. Als sich auch nach dem fünften Klingeln nichts tut, ist sie besorgt. Dann fällt ihr ein, dass Herr Tanner heute bei einer neuen Arbeitsstelle vorsprechen wollte.

„Der arme Kerl. Seit elf Jahren arbeitslos. Das wird auch dieses Mal nicht klappen. Na ja, er ist ja auch nicht gerade der Hellste.“

Frau Pohl geht zurück. In ihrer Küche schreibt sie einen Zettel und schneidet einen Tesa-Streifen zurecht. Dann nimmt sie den mühevollen Weg noch einmal auf sich und klebt den Zettel an Herrn Tanners Tür.

Zurück in ihrer Wohnung, sinkt sie erschöpft in den Fernsehsessel. Die Talk-Shows rieseln heute an ihr vorbei. Sie lauscht auf Herrn Tanners Schritte.

Als Herr Tanner um halb vier nach Hause kommt, findet er den Zettel an der Tür: „Lieber Herr Tanner. Es gibt wieder etwas Leckeres für Sie. Ihre Frau Pohl.“

Herr Tanner freut sich auf die warme Mahlzeit. Er geht in seine Wohnung, wäscht sich rasch und zieht sich um. Dann klingelt er bei Frau Pohl.

„Ach, da sind Sie ja, Herr Tanner. Hat’s geklappt mit der Stelle?“

„Sie kennen das ja, Frau Pohl. Daraus wird auch dieses Mal nichts.“

„Na ja, Hauptsache gesund. Und Hauptsache, was Warmes im Bauch. Kommen Sie. Elli hat was Köstliches gekocht und es ist noch genug für Sie da.“

Als Herr Tanner zu Ende gegessen hat, ist er mal wieder richtig satt.

Frau Pohl räumt den Tisch frei. Dann beugt sie sich nach vorn und lässt ihren fülligen Oberkörper auf die Tischplatte sinken. Mit den Worten „So, Herr Tanner, und jetzt das Dessert“ rafft sie den Bademantel und das Nachthemd nach oben.

Herr Tanner tritt hinter sie. Erst nestelt er umständlich an seiner Hose, dann bahnt er sich routiniert den Weg durch die Fettmassen.

Als alles vorbei ist, richtet sich Frau Pohl mit dumpfen Atemzügen auf. Sorgfältig streift sie das Nachthemd und den Bademantel glatt.

„So, Herr Tanner, jetzt setzen wir uns ins Wohnzimmer und Sie erzählen ausführlich, was es im Hause Neues gibt.“

Heute hat Herr Tanner besonders viel über die Nachbarschaft zu berichten und so ist es schon nach sechs, als er sich verabschiedet.

Frau Pohl mampft noch ihr Abendbrot, nimmt die Medizin ein und schlürft genüsslich ihren heißen Tee. Dann ist es auch schon an der Zeit, sich bettfertig zu machen.

Vom Bett aus verfolgt sie die heute-Nachrichten. Und dann die Tagesschau. Wenn sie schon nicht aus ihrer Wohnung kommt, will sie doch informiert sein. Und Frau Pohl weiß Bescheid. Über das Haus, den Ort, die Region und die ganze Welt.

ReibekuchenAls sie schließlich das Licht löscht, sortiert sie im Geiste die wichtigsten Neuigkeiten. Kurz vor dem Einschlafen denkt sie: „Das nächste Mal soll uns Elli mal wieder Reibekuchen backen. Mit viel Apfelmus. Das mag Herr Tanner besonders gern. Und dazu natürlich noch: Dessert wie immer.“

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Doppelgänger

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Humor

Mauertränen

Fragment der Berliner Mauer; Saarbrücker Schloss
Fragment der Berliner Mauer; im Hintergrund Saarbrücker Schloss
Fragment der Berliner Mauer; im Hintergrund Saarbrücker Schloss

Mauertränen

© Ronald Henss

Als sich die Dampflok mit lautem Pfeifen und Zischen in Bewegung setzte, mischte sich Angst in die aufgeregte Abschiedsstimmung.

Es waren unbeschwerte, leichte Tage. Mama war mit mir und meiner Schwester in Urlaub gefahren. Wir durften Eis essen und Limonade trinken. Wir wanderten durch schattige Wälder und warfen mit Kieselsteinen auf Fische im Bach. Wir machten lange Spaziergänge im Kurpark und machten uns über die Kurgäste lustig. Wir gingen ins Kino und wir lachten, dass uns der Bauch schmerzte.

Nun rauschten die Wälder des Spessarts am Fenster vorbei. Papa wollte uns in Rüdesheim abholen. Dann wollten wir mit der Autofähre über den Rhein setzen und durch das rheinhessische Hügelland nach Hause fahren. Auf das rheinhessische Hügelland, über das wir im Erdkundeunterricht gesprochen hatten und das ich so oft auf der Landkarte betrachtet hatte, dass ich die Namen und die Lage aller Dörfer auswendig kannte, freute ich mich besonders. Ich freute mich auch auf Papa, aber ich hatte auch Angst vor dem Wiedersehen. Angst vor den endlosen Streitereien zwischen den Eltern, dem frostigen Schweigen und den Tränen, denen wir für ein paar leichte Sommertage entflohen waren.

Papa wirkte verstört. Er nahm Mama beiseite und redete leise auf sie ein. Sie hatten keinen Streit, aber nun war auch Mama ängstlich und still. Auf der Autofähre scharten sich Menschen um ein Kofferradio, das knackend düstere Wortfetzen ausspuckte … Berlin … Mauer … Grenze … Stacheldraht … Soldaten … Die Menschen waren erregt, lauschten und redeten nur im Flüsterton … Russen … Amerikaner … Krieg …

Auf der Nachhausefahrt wurde kein Wort gesprochen. Irgendwo weit, weit entfernt im Osten wurde eine Mauer gebaut, und hier lag eiskalte Angst über der flirrenden Augusthitze. Ich umklammerte die Hand meiner Schwester und starrte aus dem Fenster. Die rheinhessische Landschaft, die Felder und die Dörfer nahm ich nicht wahr. Tränen flossen über mein Gesicht.

Im Jahr darauf zerbrach unsere Familie für immer. Die Mauer im Osten wuchs, trennte Freunde und Bekannte, riss Familien auseinander, forderte Menschenleben und verbreitete Angst und Schrecken.

Als ich später, viel später vor dem Fernseher Zeuge wurde, wie die Schreckensmauer nach achtundzwanzig Jahren von einem auf den anderen Moment fiel, verschwammen die Bilder des Unfassbaren. Tränen standen in meinen Augen.

Mauerstücke. ErinnerungsgeschichtenDiese Geschichte findet sich in dem Buch

Mauerstücke
Erinnerungsgeschichten

Hrsg. Bettina Buske und Patricia Koelle
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-08-1

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Berliner Mauer, Mauerbau, Mauerfall, Kalter Krieg

Kafka, eine Katze, eine tote Maus und kein Gewitter

Katze
Katze
Katze

Kafka, eine Katze, eine tote Maus und kein Gewitter

© Ronald Henss

Gestern die letzte Vorlesung gehalten. Jetzt habe ich Zeit. Viel Zeit. Urlaubszeit, Lesezeit. Endlich mal wieder ein Buch zur puren Unterhaltung gekauft: Franz Kafka. Ein Lesebuch mit Bildern.

Heute war es wieder entsetzlich heiß. Wie die letzten Tage. Wie die letzten Wochen. Die Wetterfrösche haben es bestätigt: Der Juni war der heißeste seit mehr als hundert Jahren. Und der Juli ist, von wenigen Tagen abgesehen, eine Qual. Aber bei uns hat in diesem Jahr der Sommer im Februar begonnen. Seit einem halben Jahr: Sonne, Sonne, Sonne. Fast jeden Tag Sonne. Wenn im Wetterbericht davon die Rede war, dass in anderen Teilen der Republik heftige Unwetter Millionenschäden verursacht haben, konnten wir hier nur verwundert den Kopf schütteln. Regen ist absolute Mangelware. Nun wird auch in den Nachrichten seit Tagen über die anhaltende Trockenheit berichtet. Aber für heute haben uns die Wetterpropheten heftige Gewitter versprochen.

Ich sitze im Garten, der mich so langsam an die Wüste Gobi erinnert. Lese Kafkas „Hungerkünstler“. Als ich das Buch heute Mittag kaufte, brannte die Sonne vom Himmel. Jetzt wird es zunehmend schwüler. Der Himmel hat sich zugezogen. In der Ferne ein dunkles Grollen. Gott sei Dank, ein Gewitter. Aber nein, nur ein Motorrad. Also weiter im Hungerkünstler.

Da, am äußersten Rand des Blickfeldes lautlose Bewegung. Schemenhaft. Ah, es ist eine der Nachbarskatzen. Die weiße mit den schwarzen Flecken. Lautlos, langsam, geschmeidig bewegt sie sich zum Baumstamm. Sie reckt sich am Stamm hoch, die Hinterbeine lang ausgestreckt, der Rücken tief durchgebogen, die Vorderbeine weit ausgefahren. Scharfe Krallen bohren sich in die Rinde. Kratzgeräusche dringen bis zu mir. Dann schaut sie mich an. Lange. Eindringlich. Unbeweglich. Drei, vier, fünf Schritte behutsam weiter. Ihr Blick richtet sich auf den Boden, bleibt dort haften. Vor ihr liegt eine tote Maus. Noch ziemlich frisch. Gepflegtes Fell, gesund und kräftig. Aber schon wimmeln auf dem toten Tier die Fliegen. Große, dicke, grün glänzende Schmeißfliegen.

Tote Ratte
Wie viele sind das? Sechs, sieben, acht. Nein, zählen geht nicht. Die sind ständig in Bewegung. Kleine Luftkriege zwischen zweien, dann sind es vier oder fünf, die aufeinander zu schwirren. Sofort wieder auseinander.

Die Katze ist wenig beeindruckt von dem grün glänzenden Gewirr und dem leblosen grauen Fell. Lautlos schleicht sie ins Gebüsch. Warum wollte sie von der Maus nichts wissen? Hat sie sie selbst erlegt? Oder war’s die andere Nachbarskatze, die dunkle, grau-gescheckte? Oder die schneeweiße, die sich nur selten in diesem Revier blicken lässt?

Während ich meinen Überlegungen nachhing, hat sich der Himmel weiter verdunkelt. Es besteht also Hoffnung.

Ich lese weiter im Hungerkünstler. Die tote Maus und die wimmelnden Schmeißfliegen lenken mich ab. Die Szenerie zwingt die Gedanken auf Kafkas „Verwandlung“. Dieses bizarre Meisterwerk hatte mich schon zu Schulzeiten fasziniert. Ich blättere im Inhaltsverzeichnis. Aha, Seite 37. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken …“ Nein, diesen Leckerbissen hebe ich mir noch etwas auf.

Es ist noch dunkler geworden, noch schwüler, noch drückender. Ob ich es schaffe, den Hungerkünstler zu Ende zu lesen, bevor der Regen niederprasselt? Noch während ich dies denke, platscht der erste Tropfen auf den rechten Unterarm. In der Ferne dumpfes Grollen. Diesmal ist es kein Motorrad. Vereinzelt ein paar Tropfen. Ich gehe nach oben.

P.S.: Es hat tatsächlich ein bisschen geregnet. Aber kaum der Rede wert. Als später im heute-Journal vor Unwettern in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Thüringen und in Teilen von Sachsen und Sachsen-Anhalt gewarnt wurde, war bei uns alles schon längst vorbei. Am nächsten Tag war die tote Maus verschwunden.

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Meine Putzfrau

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Meine Putzfrau

© Ronald Henss

Meine Putzfrau ist wirklich süß. Ein zierliches Persönchen, leises Stimmchen, immer freundlich. Und vor allem: Sie hat ein richtig hübsches Kindergesicht. Eins von der Sorte, die nie alt werden.

Während ich hier sitze und auf meine Putzfrau warte, schweifen meine Gedanken ab. Weit zurück in meine Kindheit. Kein Wunder, denn meine Putzfrau erinnert mich an Inge. Die war ebenfalls blond, trug das Haar mittellang und hatte genauso ein hübsches Kindergesicht wie meine Putzfrau. Damals gab es noch eine andere Inge. Die hatte dunkle Haut, rehbraune Augen und dunkles Haar, das sie meist zu langen Zöpfen geflochten hatte. So unterschiedlich die beiden auch aussahen, sie waren beide wunderschön. Die schönsten Mädchen im Dorf. Die blonde Inge war eine Schulklasse über, die dunkle eine Klasse unter mir. In unserer Dorfschule wurden jeweils zwei Klassen im selben Raum unterrichtet. Und so kam es, dass ich in meinen ungeraden Schuljahren in die blonde und in den geraden Schuljahren in die dunkle Inge verliebt war. Ich weiß, dass beide auch in mich verliebt waren. Aber dennoch ist aus diesen kindlichen Schwärmereien nie etwas geworden. Heute kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich die blonde und die dunkle Inge zum letzten Mal gesehen habe.

Gleich wird sich die Tür öffnen. Dann wird meine Putzfrau den Kopf rausstrecken, sich umschauen, mir freundlich zulächeln und mit leisem Stimmchen sagen: „Herr Doktor Henss, Sie sind dran.“ Ich werde hineingehen, kurz ihr zartes Händchen schütteln, freundlich „Guten Tag“ sagen und mich in den großen gepolsterten Stuhl setzen, während sie noch rasch einen Blick auf die Unterlagen auf dem Schreibtisch wirft.

Mindestens einmal im Jahr muss ich zu ihr, weil sich in meinem Ohr ein Talgpfropfen festgesetzt hat. Dann spüre ich einen Druck, höre ein Gluckern im Ohr und meine Hörleistung ist gemindert. Aber meine Putzfrau weiß was zu tun ist. Routiniert wird sie das Ohr ausspülen und wenig später werde ich mit frisch gereinigtem Gehörgang schon wieder draußen sein.

Bei meinem letzten Besuch hatte ich zu ihr gesagt: „Irgendwie habe ich immer das Gefühl, Sie sind meine Putzfrau.“ Sie hatte ein wenig verlegen gelächelt, und ich habe rasch hinzugefügt: „Aber eine außergewöhnlich nette!“

Ich bin gespannt, ob sie sich noch daran erinnert.

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