Meine Putzfrau

Putzeimer
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Meine Putzfrau

© Ronald Henss

Meine Putzfrau ist wirklich süß. Ein zierliches Persönchen, leises Stimmchen, immer freundlich. Und vor allem: Sie hat ein richtig hübsches Kindergesicht. Eins von der Sorte, die nie alt werden.

Während ich hier sitze und auf meine Putzfrau warte, schweifen meine Gedanken ab. Weit zurück in meine Kindheit. Kein Wunder, denn meine Putzfrau erinnert mich an Inge. Die war ebenfalls blond, trug das Haar mittellang und hatte genauso ein hübsches Kindergesicht wie meine Putzfrau. Damals gab es noch eine andere Inge. Die hatte dunkle Haut, rehbraune Augen und dunkles Haar, das sie meist zu langen Zöpfen geflochten hatte. So unterschiedlich die beiden auch aussahen, sie waren beide wunderschön. Die schönsten Mädchen im Dorf. Die blonde Inge war eine Schulklasse über, die dunkle eine Klasse unter mir. In unserer Dorfschule wurden jeweils zwei Klassen im selben Raum unterrichtet. Und so kam es, dass ich in meinen ungeraden Schuljahren in die blonde und in den geraden Schuljahren in die dunkle Inge verliebt war. Ich weiß, dass beide auch in mich verliebt waren. Aber dennoch ist aus diesen kindlichen Schwärmereien nie etwas geworden. Heute kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich die blonde und die dunkle Inge zum letzten Mal gesehen habe.

Gleich wird sich die Tür öffnen. Dann wird meine Putzfrau den Kopf rausstrecken, sich umschauen, mir freundlich zulächeln und mit leisem Stimmchen sagen: „Herr Doktor Henss, Sie sind dran.“ Ich werde hineingehen, kurz ihr zartes Händchen schütteln, freundlich „Guten Tag“ sagen und mich in den großen gepolsterten Stuhl setzen, während sie noch rasch einen Blick auf die Unterlagen auf dem Schreibtisch wirft.

Mindestens einmal im Jahr muss ich zu ihr, weil sich in meinem Ohr ein Talgpfropfen festgesetzt hat. Dann spüre ich einen Druck, höre ein Gluckern im Ohr und meine Hörleistung ist gemindert. Aber meine Putzfrau weiß was zu tun ist. Routiniert wird sie das Ohr ausspülen und wenig später werde ich mit frisch gereinigtem Gehörgang schon wieder draußen sein.

Bei meinem letzten Besuch hatte ich zu ihr gesagt: „Irgendwie habe ich immer das Gefühl, Sie sind meine Putzfrau.“ Sie hatte ein wenig verlegen gelächelt, und ich habe rasch hinzugefügt: „Aber eine außergewöhnlich nette!“

Ich bin gespannt, ob sie sich noch daran erinnert.

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