Als Karl zum Fenster hinaus schaute

Alter Turm und Turmschule
Alter Turm und Turmschule Dudweiler
Alter Turm und Turmschule

Als Karl zum Fenster hinaus schaute

© Ronald Henss

Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.

Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.

Nun wohnte er schon seit fast zwanzig Jahren hier. Von Anfang an in dieser Wohnung. Seit fast zwanzig Jahren diese wunderschöne Aussicht. Unmittelbar gegenüber der Alte Turm, mitten im Schulhof der Turmschule. Ein klein wenig rechts davon, auf der Anhöhe, die evangelische Christuskirche. Einträchtig daneben, noch etwas höher, die katholische St. Marien Kirche. Rechts, ganz nah das Rathaus. Dahinter, in dichtem Grün, Häuser die sich an den Guckelsberg anschmiegen, hinter dessen Höhe sich die Universität versteckt. Auf der linken Seite der steile Anstieg zum Bubbesberg. Der Friedhof verschmilzt mit der dicht bewaldeten Bergkuppe. Noch weiter links – dazu muss er sich ein wenig aus dem Fenster hinauslehnen – der Brennende Berg, der mit seinem einstmals spektakulären Naturschauspiel dem Ort einen bleibenden Platz in der Weltliteratur beschert hat.

Sie nahm keine Notiz von der Landschaft, die an ihr vorbei flog. Die Arbeiten im Studio waren zügig voran gekommen. Bei ihrer Rückkehr würde sie die fertigen Materialien vorfinden, und dann würde es bis zur endgültigen Fertigstellung nur noch ein paar Wochen dauern. Ja, es erfüllte sie mit Stolz. Eine schottische Literaturwissenschaftlerin, die eine Dokumentarserie über Goethe initiiert hatte, internationale Kooperationspartner gewonnen und die wissenschaftliche Leitung übernommen. Die Ankunft in Frankfurt und die kurze Fahrt zum Hotel waren ihr kaum ins Bewusstsein gedrungen. Die Goethe-Stadt Frankfurt war ihr fast so vertraut wie ihre geliebten schottischen Highlands. Anders als bei ihren früheren Aufenthalten lagen nun ein paar Tage der Ruhe vor ihr. Sie würde viele Stunden in der Bibliothek verbringen, auch ein paar Freunde besuchen, aber vor allem eines: Entspannen. Und dann der kleine Ausflug, auf den sie sich schon so sehr freute.

Seit er hier wohnt, hat sich die Aussicht kaum verändert. Aber erst seit kurzem hat er sie richtig schätzen gelernt. Zuerst hatte er sein Interesse am Fotografieren wieder entdeckt, das so viele Jahre brach gelegen hatte. Mit dem intensiveren Hinsehen wuchs auch sein Interesse an Landschaft, Architektur, Geschichte und Kultur des Ortes. Sein Blick wanderte vom Alten Turm zur angrenzenden alten Kirchhofsmauer. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts, als das alte Kirchlein auf den Fundamenten einer noch viel älteren Kapelle erbaut wurde, lebten in dieser Ansiedlung nur ein paar Handvoll Menschen. Ein Verzeichnis aus dem Jahre 1542 führt die Untertanen auf, und die Abgaben, die sie zur Finanzierung der Türkenkriege entrichten mussten; Kriegssteuer würde man heute sagen. Aus dieser „Türkenschatzung“ lässt sich erschließen, dass das Dorf damals etwa 150 Bewohner zählte. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges wurde der Ort fast völlig ausgelöscht. Nur zwei bis vier Untertanen sollen diese Zeit des Grauens überlebt haben. Danach die allmähliche Erholung, und im 19. Jahrhundert die stürmische industrielle Entwicklung, die die Einwohnerzahl binnen weniger Dekaden auf zwanzigtausend, dreißigtausend anschwellen ließ. Eine Zeit lang schmückte man sich mit der Bezeichnung „Das größte Dorf Europas“. 1962 wurden die Stadtrechte verliehen. Aber nur elf Jahre später wurden diese gegen den Willen der Einwohner – 96.19% der Wähler hatten gegen die Eingemeindung gestimmt – durch eine Zwangseingliederung in den Stadtverband aufgehoben.

Sie freute sich auf den Ausflug. Er sollte ihr einen bislang unbeachteten Aspekt aus Goethes Leben näher bringen. Ihre Doktorarbeit über Goethes „Dichtung und Wahrheit“ hatte ihr internationale Anerkennung verschafft. Sie war der Grundstein für die Berufung auf den Lehrstuhl für Deutsche Literatur, die sie damals – mit 29 Jahren – zur jüngsten Professorin Schottlands gemacht hatte. Um Goethes Werk rankte sich ihr geistiges Leben. Und „Dichtung und Wahrheit“ war das Zentrum. Sie kannte dieses Werk wie kaum jemand sonst auf dieser Welt. Selbstverständlich wusste sie von Goethes Ausflug in die Saargegend. Zu jeder Zeit hätte sie, ohne überlegen zu müssen, sagen können: Das war im Sommer 1770. Sie wusste auch, dass jener Aufenthalt Goethes Interesse an Technik wesentlich befördert hatte. Aber diese kleine Begebenheit hatte nie ihre Aufmerksamkeit erregt. Erst eine eher unsystematische Recherche im Internet hatte sie darauf gestoßen. Über die Suchbegriffe „Goethe“ + „Dichtung und Wahrheit“ war sie auf eine Webseite gelangt, die sie sofort in ihren Bann zog. Natürlich hatte sie auch diese Passage schon mehrmals gelesen. Aber weil hier der Fokus so eng auf Goethes Reise zum Brennenden Berg gelegt war, trat diese kleine Begebenheit in alles überdeckender Vergrößerung vor ihr Auge. Sie wusste unmittelbar, dass das seltsame Naturschauspiel auf den jungen Goethe eine besondere Faszination ausgeübt haben musste. Und nun sollte sie diese wundersame Stätte bald mit eigenen Augen sehen.

Die Geschichte des Heimatortes hatte in Karls Leben einen wichtigen Platz eingenommen. Vor ein paar Monaten hatte er damit begonnen, Geschichte und Kultur seines Heimatortes im Internet zu präsentieren. Die erste Webseite war dem Brennenden Berg gewidmet. Im Jahre 1668 hatte sich zwischen Dudweiler und Sulzbach ein unterirdisches Kohleflöz entzündet. Der Schwelbrand fraß sich unaufhaltsam in das Berginnere. Ohne Unterlass stiegen über viele Generationen dichte Rauschwaden aus den Felsspalten. Die Einwohner verstanden es rasch, aus diesem Naturereignis ökonomischen Nutzen zu ziehen. Aus dem durch die Bergglut gerösteten Schiefer wurde Alaun gewonnen, das für vielfältige Zwecke genutzt wurde. Vor allem für die Färberei. Nach unsystematischem Kohleschürfen und fruchtlosen Versuchen der Salzgewinnung bot die Alaungewinnung einen wichtigen Broterwerb. Erst später setzte mit dem systematischen Kohleabbau eine explosionsartige industrielle Entwicklung ein, die den Charakter des Ortes radikal veränderte. Auf seiner zweiten Webseite präsentierte Karl jenen Ausschnitt aus Goethes „Dichtung und Wahrheit“, in dem der junge Dichter seinen Aufenthalt in der Saargegend beschrieben hatte. In dieser Schilderung nimmt der Besuch am Brennenden Berg eine herausragende Stellung ein. Damit hat der Dichterfürst dem einstmals so imposanten Naturschauspiel einen bleibenden Platz in der Weltliteratur verschafft. Dann folgte eine Seite über den Alten Turm. Mittlerweile bot die Website eine Fülle von Informationen über die Heimatgeschichte, illustriert durch viele Fotos aus Karls umfangreicher Sammlung.

Brennender Berg DudweilerWie sehr liebte sie diese Sprache: Wir hörten von den reichen Dudweiler Steinkohlengruben, von Eisen- und Alaunwerken, ja sogar von einem brennenden Berge, und rüsteten uns, diese Wunder in der Nähe zu beschauen. … Nun gelangten wir zu offnen Gruben, in welchen die gerösteten Alaunschiefer ausgelaugt werden, und bald darauf überraschte uns, obgleich vorbereitet, ein seltsames Begegnis. Wir traten in eine Klamme und fanden uns in der Region des brennenden Berges. Ein starker Schwefelgeruch umzog uns; die eine Seite der Hohle war nahezu glühend, mit rötlichem, weißgebrannten Stein bedeckt; ein dicker Dampf stieg aus den Klunsen hervor, und man fühlte die Hitze des Bodens auch durch die starken Sohlen. … Mehrere Bäume standen schon verdorrt, andere welkten in der Nähe von andern, die, noch ganz frisch, jene Glut nicht ahndeten, welche sich auch ihren Wurzeln bedrohend näherte. Auf dem Platze dampften verschiedene Öffnungen, andere hatten schon ausgeraucht, und so glomm dieses Feuer bereits zehen Jahre durch alte verbrochene Stollen und Schächte, mit welchen der Berg unterminiert ist. Sie wusste, dass sie den Brennenden Berg ganz anders vorfinden würde als der junge Goethe. Brennender Berg Dudweiler Kein dichter Qualm, der aus Felsspalten empor steigt. Keine Hitze, die selbst durch starke Sohlen dringt. Nur noch wenige Spalten, an denen ein schwacher Rauch mit Mühe zu erkennen ist. Die Beschreibung und die Fotos auf der Website hatten ihr eine präzise Vorstellung vermittelt. Sie würde also nicht enttäuscht sein. Sie fieberte dem Moment entgegen, in dem sie an der Stelle stehen würde, die den Dichterfürsten so sehr beeindruckt hatte – genau 233 Jahre später. Und sie freute sich darauf, den Ort und die Sehenswürdigkeiten kennenzulernen, die ihr durch die Website so vertraut geworden waren.

Vor genau 233 Jahren hatte Goethe den Brennenden Berg besucht. Für Karl ein schöner Anlass, mal wieder hin zu wandern. Den steilen Anstieg zum Bubbesberg, vorbei am Friedhof, hatte er hinter sich. Von hier an verläuft der Weg flach durch den schattigen Wald.

Sheryll stand am Fuße des Gegenortschachts, der zu früheren Zeiten Landgrube hieß. Im Geiste Goethes Worte: Unser Weg ging nunmehr an den Rinnen hinauf, in welchen das Alaunwasser heruntergeleitet wird, und an dem vornehmsten Stollen vorbei, den sie die Landgrube nennen, woraus die berühmten Dudweiler Steinkohlen gezogen werden. Ihr Herz pochte. Ob sie bei ihrem steilen Anstieg dem Weg des geliebten und verehrten Dichters folgen würde? Die finsteren Stollenschlünde zogen uns jedoch um so weniger an, als der Gehalt derselben reichlich um uns her ausgeschüttet lag. Die Zeiten des Schiefer- und des Kohleabbaus sind schon lange vorbei, die Spuren beseitigt. Nun gelangten wir zu offnen Gruben, in welchen die gerösteten Alaunschiefer ausgelaugt werden. Ob diese Mulde durch Schieferabbau entstanden ist? Als sie endlich, auf der Berghöhe angekommen, in die kleine Schlucht einbog war sie von Goethes Worten berauscht: und bald darauf überraschte uns, obgleich vorbereitet, ein seltsames Begegnis. Wir traten in eine Klamme und fanden uns in der Region des brennenden Berges.

Karl hatte sich ein schattiges Plätzchen gesucht. Die Hitze war selbst im Wald kaum zu ertragen. Der heißeste Juni seit über hundert Jahren. Gedankenverloren blickte er auf, und plötzlich war er hellwach. Da vorne, zwischen der schwach rauchenden Felsspalte und der Goethe-Gedenktafel, eine Frau wie man sie in dieser Gegend nie sieht. Merkwürdige Kleidung. So stellt man sich einen typischen Engländer auf Safari vor. Aber das eigentlich Faszinierende war ihr Haar. Aus dem Tropenhelm quoll es in dichten großen Locken heraus und fiel tief über ihren Rücken herab. In glänzendem dunklen Rot. Als Sheryll sich umdrehte, spürte sie sofort, dass der Herr dort drüben sie schon längere Zeit intensiv angeschaut hatte. Es war ihr nicht unangenehm. Berauscht von ihren Gedanken an die Worte des geliebten Dichters hatte sie das Gefühl, dass auch der Herr dort um die Bedeutung dieses Ortes wusste. Sie lächelte ihm freundlich zu. Karl erwiderte mit einem freundlichen Nicken.

Als Karl am nächsten Tag aus dem Fenster hinaus schaute, flog sofort ein Lächeln über sein Gesicht. Ja, kein Zweifel, dort unten stand sie und blickte auf den Alten Turm. Unverkennbar die Kleidung. Unverkennbar das prachtvolle Haar, das unter dem seltsamen Hut hervorquoll. Für einen Augenblick drehte sie sich herum und blickte in seine Richtung. Karl wusste, dass sie ihn auf diese Entfernung nicht erkennen konnte. Ohnehin würde sie sich wohl kaum an ihn erinnern. Sheryll nahm einen Kopf hinter dem Dachfenster wahr. Sofort musste sie an den Herrn denken, der sie gestern am Brennenden Berg so intensiv angeschaut hatte und dem sie sich durch ihr Lächeln in einer eigenartigen Weise verbunden fühlte. Aber ihr war klar, dass dies nur die Erinnerung an ein kurzes intensives Gefühl der Nähe war, dass es solche Zufälle nicht gibt.

Am späten Nachmittag, als Karl im Garten saß, stieg Sheryll in den Bummelzug. Er führte sie parallel zur Wegstrecke auf der Goethe damals seine Reise fortgesetzt hatte. Vom Brennenden Berg kommend hatte er die Friedrichsthaler Glashütte besucht, um dann rasch nach Neunkirchen weiter zu reisen. Dort hatte sich der junge Dichter an den funkensprühenden Essen der Schmelzhütten ergötzt, und in der langen Sommernacht wurde er von Erinnerungen an eine ferne Liebe übermannt. Sheryll wusste natürlich, dass hier Dichtung und Wahrheit miteinander vermengt waren, und dass die Erinnerung einer Liebe galt, die Goethe erst ein paar Monate später kennenlernen sollte.

Nur wenige Minuten Aufenthalt in Neunkirchen, dann stieg Sheryll in den Regionalexpress nach Frankfurt. Karl ging nach oben.

Nach Abschluss seiner Arbeiten warf er einen Blick auf die Besucherstatistiken seiner Webseite. Fünf Monate Webpräsenz und bereits 2300 Besucher auf der Portalseite. Nicht schlecht. Knapp über 90 Prozent aus Deutschland, anderthalb Prozent aus den USA, gefolgt von Frankreich, Österreich, Schweiz, Niederlande, Großbritannien, Italien und Kanada. Schade, dass man nie erfährt, wer die Besucher sind und was sie von diesen Seiten halten. Er schaltete den Rechner aus, ging zum Fenster und schaute auf den Alten Turm.

Sheryll blickte ein wenig wehmütig auf die Rollbahn. Sofort nach ihrer Rückkehr würde sie dem Betreiber der Website eine E-Mail schicken. Sie würde ihre Erlebnisse schildern und ihren Dank ausdrücken, dass seine Internetseiten den Anstoß für diesen wundervollen Ausflug geliefert hatten. Schade, dass ich ihm nie begegnet bin, obwohl ich doch in seiner Nähe war.

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Lesetipp – Auch hier kommt der Brennende Berg vor

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Das Geheimnis der falschen Braut

Die falsche Braut

Das Geheimnis der falschen Braut

Ein Dudweiler Märchen in Bildern
© Ronald Henss

Der edle Prinz aus dem Geschlechte der Dudos Es war einmal ein edler Prinz, jung, tapfer und schön wie kein anderer je ward gesehn. Das Volk verehrte seinen Prinzen und sehnte den Tag herbei, an dem er eine wunderschöne Braut erwählen und zur Königin des Reiches küren würde. Tief in seinem Innern trug der Prinz das Bild einer Edlen, deren Schönheit alles überstrahlte. Ihr, nur ihr alleine wollte er sein Herz schenken und sie, nur sie wollte er zur Königin und Mutter seiner Kinder machen.

Und so zogen Gesandte und Späher durch die Lande und suchten nach der edlen Auserwählten. Fürsten und Könige aller Länder boten die Hand ihrer Töchter. Doch jedes Mal sprach der edle Prinz: „Das ist nicht die rechte, der mein Herz gehört.“

Und so zogen die Jahre ins Land. Viele lange Jahre; und der edle Prinz – jung, tapfer und schön wie ehedem – war noch immer auf der Suche nach der rechten Braut.

Dudweiler Marktplatz - Würstchenbude unter der überdachten Ecke im Haus linksAls der edle Prinz eines Tages über den Marktplatz in Dudweiler ritt, geschah das Wunder. Schon aus der Ferne sah er sie. Dort saß in einem offenen Cabriolet, das lockige Haar umhüllt mit einem großen weißen Schleier, eine Braut so edel und schön wie es die Welt noch nie gesehn. Da schwang sich der edle Prinz vom Pferde und schritt auf die Schöne zu.

Indes rief einer der an der Würstchenbude Stehenden: „He, was glotzt du da so dumm!“ Und dann lachte der Bursche: „Das ist eine Schaufensterpuppe, die ich gleich ins Saarbrücker Staatstheater fahren werde. Ich muss nur noch meine Wurst essen. Lass bloß deine fettigen Finger von der Braut!“

Die edle Braut

Da wurde der edle Prinz zornig und er schlug dem rohen Burschen die Currywurst aus der Hand. Und während der Menge vor Staunen die Münder offen standen, schritt der edle Prinz zum Cabriolet, verbeugte sich vor der Schönen und sprach: „Edle Schöne, ich bin gekommen, dich zu meiner Braut zu nehmen, dich zu meiner Königin und zur Mutter meiner Kinder zu machen. Und so gewähre mir einen Kuss.“

Die obligatorische böse HexeAls er sie küsste, blendete ihn ein greller Blitz und es ertönte ein Donnerhall und vor ihm stand eine uralte hässliche Hexe. Mit einer scheußlichen Rabenstimme krächzte sie: „Was starrst du mich so an, du Trottel! Ich bin eine verwunschene Hexe und ich warte nun schon Hunderte Jahr‘, auf dass ein dämlicher Prinz mich durch seinen schmierigen Kuss erlöst.“

Rauchschwaden steigen aus den Felsspalten des Brennenden Berges in DudweilerUnd mit lautem Zischen flog die Hexe auf einem Besen durch die Lüfte zum Brennenden Berg, wo sie durch eine Felsspalte ins Bergesinnere verschwand. Dort sitzet sie in der höllischen Glut und schickt heiße schweflig stinkende Rauchschwaden durch die Spalten und Risse im Berggestein.

Bergwerksdirektorenvilla am Fuße des Brennenden Berges in Dudweiler - der Frosch sitzt zwischen dem linken Bildrand und dem linken TorpfostenDer edle Prinz aber wurde in einen riesengroßen grünen steinernen Frosch verwandelt und in den Garten der Villa eines Bergwerkdirektors am Fuße des Brennenden Berges verbannt. Dort sitzet der große grüne steinerne Frosch sommers wie winters, tagaus, tagein, bei Wetter und Wind, bei Regen und Schnee, bei Hitze und Trockenheit und wartet, dass ihn ein hässliches Mägdelein küsst. Und wenn ihn keine geküsset hat, so wartet er dort noch heute.

Frosch - ähm, der elde Prinz im Garten der Villa

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