Die grasgrünen Haare

Die grasgrünen Haare

Die grasgrünen Haare

© Ronald Henss

Ronald Henss: Die grasgrünen Haare

Der Wecker klingelte wie immer Punkt 6:30. Elfriede Wohlfahrt war ein wenig verwundert, wurde sie doch gewöhnlich ein paar Minuten vor dem Wecker wach. Etwas langsamer als sonst richtete sie sich auf, setzte sich auf die Bettkante, steckte ihre Füße in die Pantoffeln und rieb ihre Augen, die heute ein wenig müder waren als sonst. Dann stellte sie sich wie jeden Morgen kurz auf, raffte das lange Baumwollnachthemd über den Po und ließ sich auf die Bettkante zurückplumpsen. Dann zog sie das Nachthemd über den Kopf, faltete es sorgfältig zusammen und legte es neben sich auf die Bettdecke. Wie jeden Morgen schaute sie an sich herunter. Ihr mächtiger Busen versperrte den Blick, sodass von ihrem üppigen Körper nur noch die Knie sichtbar waren. Sie fühlte sich wohl mit ihren ausgeprägten weiblichen Rundungen.

Wie jeden Morgen packte sie mit beiden Händen lustvoll ihre schweren Brüste. Ihr voller Busen war immer noch fest und straff. Nach einer kurzen Weile des sinnlichen Genusses ergriff sie den bereitliegenden frischen BH. Elegant glitten ihre Arme in die Träger, sie presste die Körbchen eng an ihre Brüste, griff nach hinten und knipste den Verschluss zu. Dann schloss sie wie jeden Morgen kurz die Augen, bog ihren Rücken durch, richtete genussvoll ihren Oberkörper auf, legte den Kopf in den Nacken und seufzte leise.

Bedächtig stand sie auf, reckte sich und streifte ihre weiße Baumwollunterhose ab. Bevor sie die bereitliegende, ebenfalls weiße frische Baumwollunterhose ergriff, packte sie mit beiden Händen ihre Pobacken. Auch die waren immer noch fest. Fest und üppig wie ihre Brüste. Sie schlüpfte in die frische Baumwollunterhose, zog sie nach oben, fuhr mit beiden Daumen unter den Gummi, zog ihn ein wenig nach vorn, drehte in einer raschen Bewegung die Daumen nach außen und ließ den Gummi genussvoll auf ihre Speckröllchen schnellen. Ja, sie war mit sich und ihrem Körper zufrieden. Einhundertsechsundsiebzig Pfund dralle Weiblichkeit bei einhundertachtundsechzig Zentimetern Körpergröße.

Wie jeden Tag setzte sie sich, bekleidet mit frischer wohlduftender Unterwäsche, auf den Bettrand und ging im Geiste das Tagesprogramm durch. Frühstück, Aufräumen, Bettenmachen, kleines Päuschen mit Zeitunglesen, Einkaufen, Mittagessen zubereiten, Essen, Abwaschen, ein kleines Päuschen. Nein, heute Mittag würde Jessica nicht nach der Schule zu ihr kommen. Heute stand nämlich etwas Besonderes auf dem Programm: Für 15:30 war sie im Salon Schiller angemeldet. Es war höchste Zeit, ihre Dauerwellen wieder in Ordnung bringen zu lassen. Elfriede Wohlfahrt freute sich auf diese Abwechslung. Der Besuch im Frisiersalon war für sie nicht nur ein notwendiger Akt der Körperpflege, er war vor allem auch ein soziales Ereignis, das einen Glanzpunkt in ihren Alltag setzte. Der heutige Tag hatte also etwas zu bieten.

In bester Laune stand sie auf, um wie jeden Morgen ihre üppigen weiblichen Rundungen im Spiegel zu bewundern. Als sie vor den großen Spiegel trat, packte sie das Entsetzen. „Neeeeeeiiiiinnnn!!!“ – „Hiiiiiiiiiiilllllfe!!!“ – „Nein, das kann nicht sein!!!“ – „Um Gottes willen, was ist das?“ Sie konnte einfach nicht glauben, was sie sah. Sie presste die Augen zu, drückte beide Hände fest auf das Gesicht und ließ die Hände langsam zum Hals hinabgleiten. Dann presste sie die Handflächen wie zum Gebet zusammen. Die beiden Daumen fest auf den Kehlkopf gedrückt, das Kinn auf die Spitzen der beiden Zeigefinger gestützt, die Kuppe der Mittelfinger an die Kinnspitze gedrückt, flehte sie mit geschlossenen Augen „Oh Gott, lass das nicht wahr sein! Bitte, bitte! Mach, dass ich das alles nur geträumt habe!“ Vor Angst und Erregung zitternd öffnete sie langsam die Augen.

Aber alles Beten, Hoffen und Flehen hatte nichts geholfen. Sie achtete nicht auf ihre sinnlichen rundlichen Formen. Auch nicht auf die weit aufgerissenen Augen und das verzerrte Gesicht. Nein – voller Entsetzen, Panik und Angst sah sie nur eines: Ihr Haar war grün! Grasgrün! Ein sattes, saftiges, kräftiges Grasgrün!

Elfriede Wohlfahrt konnte es nicht fassen. Wie auch? So etwas konnte man gar nicht fassen. Das war einfach unbegreiflich. ‚Nein, das darf nicht sein! Bitte, bitte lieber Gott, lass mich nicht wahnsinnig werden!‘ In tiefster Verzweiflung schloss sie die Augen, eilte zum Bett, warf sich auf den Bauch, presste das Gesicht fest in die Matratze und zog ein Kopfkissen über ihren Hinterkopf. ‚Bleib ruhig, Elfriede. Ganz ruhig. Das war eine Sinnestäuschung, eine Halluzination. Komm erst mal zur Ruhe, dann wirst du sehen, dass alles in Ordnung ist. Vielleicht ist es auch nur eine Sehschwäche.‘ Es dauerte eine ganze Weile bis sich ihr Herzschlag wieder beruhigt hatte. Allmählich wich ihre Angst, ihre Atemzüge wurden regelmäßiger und das Zittern ebbte ein wenig ab.

Mühsam richtete sie sich auf, setzte sich auf die Bettkante, vergrub ihr Gesicht in den Händen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. ‚Egal, was du im Spiegel sehen wirst, Elfriede, du bist nicht verrückt. Du bist eine starke Frau, Elfriede, und du wirst damit fertig werden.‘ Wankend zwang sie sich vor den Spiegel. Nein, das waren keine Sinnestäuschungen, keine Halluzinationen, keine Sehschwäche. Ihr Haar war grün, grasgrün. Wie sattes saftiges grünes Gras. Als sie mit beiden Händen durch ihre Dauerwellen fuhr, war sie überrascht. Ihr Haar fühlte sich genauso an wie immer. Sie kräuselte die Locken zwischen ihren Fingern, aber es war nicht der geringste Unterschied zu spüren. Nur diese Farbe. Diese entsetzlich grüne Farbe. Was, um Gottes willen, war nur geschehen?

Elfriede Wohlfahrt wusste, sie brauchte Hilfe. Und zwar sofort. Ganz, ganz dringend. Hastig rannte sie zum Telefon. Ihre Hände zitterten und vor Aufregung brachte sie es nicht fertig, die Nummer ihrer Tochter zu wählen. Sie war nahe dran, hysterisch aufzuschreien, als ihr endlich einfiel, dass sie die Nummer eingespeichert hatte und dass sie doch nur den Speicherplatz 1 zu drücken brauchte. ‚Los Christina, geh dran! Bitte, bitte, geh dran!‘

Als das Telefon klingelte, war Christina zunächst verwirrt, weil sie im ersten Moment dachte es sei der Wecker. ‚Ach nein, das Telefon. Wer um Himmels willen ruft denn in aller Herrgottsfrühe an? Sicher wieder verwählt.‘ „Ja, Hallo! Hier Christina Hartmann.“

„Christiina, Christiiinaa!“

Sofort wusste Christina, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

„Christina, du musst sofort herkommen! Es ist was Schreckliches passiert!“

So hatte Christina ihre Mutter noch nie erlebt. „Aber Mama, was ist denn los? Beruhige dich doch!“

„Komm her, komm! Mach dass du kommst!“

„Aber sag doch, was ist passiert?“

„… kann nicht … selbst sehen …“

„Mama! Um Gottes willen, Mama! Ich komme sofort. Mama, Mama!! Mama, halt durch!“

Voller Panik rannte Christina in den Flur, riss den Autoschlüssel vom Schlüsselbrett und schrie so laut sie konnte „Kaaarrrlll!! Ich muss sofort zu Mama. Es ist irgendwas Schreckliches passiert. Du musst dich um Jessi kümmern.“

Ehe Karl antworten konnte, hörte er wie die Haustür zuknallte. Wie sollte er sich jetzt um Jessica kümmern, wo er doch um acht im Büro sein musste?

Elfriede Wohlfahrt ließ den Hörer zu Boden fallen. In panischer Angst rannte sie ins Bad und schnappte die Schere. Aber als sie eine der grasgrünen Locken abschneiden wollte, traf sie der Schlag. Das Haar ließ sich nicht abschneiden. So sehr sie sich auch bemühte – es gelang ihr einfach nicht, auch nur ein einziges Haar abzuschneiden. Als Elfriede Wohlfahrt in Ohnmacht fiel, hatte sie unfassbares Glück, dass sie sich weder mit der Schere verletzte noch mit dem Kopf an der Badewanne aufschlug.

Christina hatte gar nicht wahrgenommen, wie sie zum nahe gelegenen Haus ihrer Mutter gelangt war. Als auf ihr Sturmklingeln niemand aufmachte, schlug sie kurzerhand eine Scheibe ein und kletterte durchs Fenster. „Mama, Mama! Wo bist du? – Mama, Mama, so sag doch was. Bitte! Wo bist du?“ Küche nein, Wohnzimmer nein, Schlafzimmer nein. Als Christina ihre Mutter regungslos auf der Fußmatte im Bad liegen sah, war sie erleichtert und entsetzt zugleich. „Mama, Mama, was machst du denn für Sachen? Mama, wach auf!“ Geistesgegenwärtig füllte sie den Zahnputzbecher mit kaltem Wasser und schüttete es ihrer Mutter ins Gesicht. „Mama, wach doch auf! Mama, Mama, was machst du denn für Sachen? Warum hast du dir bloß die Haare so schrecklich gefärbt?“ Dann nur noch ein einziger hysterischer Schrei: „Mammmaaa!!!“

Unter Aufbietung aller Kräfte schleppte Christina ihre füllige Mutter ins Schlafzimmer und hievte den mächtigen aber straffen und angenehm weiblichen Körper aufs Bett. Als Elfriede Wohlfahrt endlich aus der Ohnmacht erwachte, dauerte es noch eine halbe Ewigkeit bis sie schluchzend, weinend, schreiend, bebend, zitternd ihrer Tochter berichtet hatte, was passiert war. Christina konnte es nicht glauben. Das war einfach unfassbar. Erst als sie selbst versuchte, mit der Schere ein grasgrünes Haar abzuschneiden, wusste sie, dass ihre Mutter nicht wahnsinnig geworden war und dass sie keinen üblen Schabernack mit ihr trieb. Christina war nun selbst nahe dran, den Verstand zu verlieren. Dass die Haare grasgrün waren, war vielleicht noch irgendwie zu begreifen – aber dass es absolut unmöglich war, auch nur ein einziges Haar abzuschneiden, überstieg jegliches Vorstellungsvermögen. Hier waren Kräfte am Werk, die nicht mit dem menschlichen Verstande zu erfassen waren.

Als Christina wie eine Wahnsinnige an der Bushaltestelle vorbeigerast war, konnten die verdatterten Rentner nur stumm den Kopf schütteln. Was war heute nur los? Der Bus stand schon lange bereit, der Busfahrer hatte schon längst die Geduld verloren, aber kein Mensch ließ sich blicken. Ratlos und verloren standen sie da, Ernst, Hans-Walter, Heinrich und Adolf. So etwas hatte es noch nie gegeben. Die Seniorenfahrt war seit Wochen ausgebucht, die Abfahrtszeit war schon lange überschritten, doch weit und breit war niemand zu sehen.

Plötzlich hatte Heinrich einen Gedankenblitz: „Ist euch schon aufgefallen, dass wir vier die einzigen Witwer in der Gruppe sind?“

„Oh ja, das stimmt ja.“

„Du hast Recht, Heiner, der Hans, der Herbert und der Karl sind verheiratet und von unserer großen Schar der lustigen Witwen fehlt jede Spur.“

„Das kann doch nur an den Frauen liegen. Das ist bestimmt kein Zufall. Die haben irgendwas ausgeheckt.“

„Na ja, dann schauen wir halt so lange den Schulmädchen nach, die sind ohnehin viel leckerer als unsere betagten Damen.“

„Du alter Lustgreis!“

„Hähä!“

Zu dieser Zeit herrschte im Sankt Marien Hospital bereits seit Stunden die hellste Aufregung. In aller Frühe hatte Schwester Elisabeth eine schockierende Entdeckung gemacht. Als sie das Zimmer 407 betrat, traute sie ihren Augen nicht. Frau Lauer und Frau Recktenwald lagen friedlich schlafend im Bett – aber mit grünen Haaren. Jawohl, mit grasgrünen Haaren! Rasch bekreuzigte sich Schwester Elisabeth „Oh, Großer Gott! Steh mir bei!“ Dann schaute sie noch einmal genau hin: Fräulein Werner und Frau Holzer lagen da wie immer; Fräulein Werner mit ihrem langen seidigen blonden Haar und Frau Holzer mit ihrer wallenden kastanienroten Lockenpracht. Aber ausgerechnet Frau Lauer und Frau Recktenwald, diese beiden liebenswürdigen alten Damen, hatten grasgrüne Haare. Kein Zweifel, es war ein sattes saftiges Grün. „Oh, Jesu hilf mir! Vater unser, der Du bist im Himmel …“ Rasch, aber so leise wie sie nur konnte, inspizierte Schwester Elisabeth die anderen Zimmer. Mit Ausnahme von Zimmer 418 bot sich ihr stets der gleiche Anblick: Alle älteren Damen hatten grasgrüne Haare. Nur Oma Jenneweins Haar hing in würdevollem Grau über die Bettkante herab. „Oh Herr, steh mir bei! Oh Jesu, hilf!“

Schwester Elisabeth war eine erfahrene und besonnene Schwester. Als sie den ersten Schock überwunden hatte, wusste sie, was zu tun war. Als Erstes rief sie bei Pfarrer Gotthold an, dann ließ sie den Klinikdirektor Professor Eckstein verständigen. Beide würden so schnell wie möglich herbeieilen. Einzelheiten durften nicht über das Telefon besprochen werden. ‚Ruhe bewahren. Nur keine Aufregung. Nur keine Panik. Vater unser, der Du bist im Himmel …‘ Nach kurzer Rücksprache mit der technischen Leitung rief sie reihum alle Stationsschwestern an. Das Wecken müsste heute unbedingt um eine Stunde nach hinten verschoben werden. In wenigen Minuten würden die Stromkreise III und IV unterbrochen werden, also kein Licht auf den Stationen. Die Stromkreise I und II, die die medizinisch notwendigen Gerätschaften speisten, würden aber weiterhin funktionieren. Was immer auch geschehen würde – Ruhe bewahren, keine Aufregung, keine Panik, weitere Anweisungen abwarten.

Nur wenige Minuten später eilten Pfarrer Gotthold und Professor Eckstein herein. Sie waren schon im Fahrstuhl aufeinander geprallt, beide ganz aufgeregt, aber keiner wusste was geschehen war. Schwester Elisabeth schilderte die Lage ruhig und sachlich und sie schien bei klarem Verstand zu sein. Gleichwohl war diese Geschichte zu phantastisch. Erst als sie sich mit eigenen Augen überzeugt hatten, wurde Pfarrer Gotthold und Professor Eckstein das Problem allmählich bewusst. Pfarrer Gotthold wurde mit dem seelischen Beistand für die Schwesternschaft und die Patienten betraut, Schwester Elisabeth sollte die Notfallmaßnahen auf den verschiedenen Stationen koordinieren, Professor Eckstein übernahm die zentrale Leitung.

Als Erstes musste sich der Professor ein Gesamtbild verschaffen. Reihum ließ er sich über die Lage auf den Stationen informieren. Es war wie verhext. Grasgrüne Haare, fast überall. Aber auf der Männerstation war alles ruhig wie immer. Keine besonderen Vorkommnisse. Als Schwester Angelika meldete „Auf der Entbindungsstation ist alles im grünen Bereich“, zuckte Professor Eckstein zunächst zusammen. Zum Glück fragte er noch einmal nach und konnte dann erleichtert zur Kenntnis nehmen, dass auch auf der Entbindungsstation alles in Ordnung war; eben, wie man so schön sagt: alles im grünen Bereich. Aber für solche Sprachspielchen hatte Professor Eckstein jetzt keinen Sinn. Die Lage war ernst. Bitterernst. Hier war klarer logischer Sachverstand gefragt. Merkwürdig, sehr merkwürdig! Warum betraf es nur Frauen und keine Männer? Und warum war ausgerechnet auf der Entbindungsstation keine einzige Frau betroffen?

Mitten in seine Überlegungen platzte Schwester Elisabeth mit der nächsten Hiobsbotschaft. Bei der Zusammenkunft der Schwestern im Schwesternzimmer war sie plötzlich wie elektrisiert: Unter der Haube von Schwester Maria lugte ein grasgrünes Haarsträhnchen hervor. Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Handlungen, und so musste Schwester Elisabeth alle Mitschwestern auffordern, ihre Haube abzunehmen. Die Aufregung und die Empörung waren groß, aber schließlich mussten sich doch alle der Autorität von Schwester Elisabeth unterwerfen. „Oh, mein Gott! Vater unser, der Du bist im Himmel …“ Es war unfassbar! Ein vielstimmiger Chor von Gebeten wurde gen Himmel gesandt, aber das änderte nichts an den Tatsachen. Fast alle älteren Schwestern hatten grüne Haare. Grasgrüne Haare. Ein saftiges sattes Grün beherrschte die Runde. Nur die jüngeren Schwestern waren verschont geblieben und – merkwürdigerweise – auch Schwester Walburga, Schwester Edelgard und Schwester Luitgard. Schwester Elisabeth traute ihren Augen nicht: Schwester Walburga, Schwester Edelgard und Schwester Luitgard hatten sich unter dem Schutz der Haube heimlich das Haar lang wachsen lassen. Das würde ein Nachspiel haben! Aber im Moment mussten wichtigere Probleme gelöst werden. Für Professor Eckstein wurde die Sache immer rätselhafter. Er musste unbedingt in Ruhe seine Gedanken ordnen.

Elfriede Wohlfahrt und Christina waren mittlerweile zur Tat geschritten. Aber alle Versuche, die grasgrüne Farbe auszuwaschen, waren ohne Erfolg. „Mama, leg dich ins Bett und bleib bitte ganz ruhig. Ich werde rasch zum Supermarkt fahren und Haarfärbemittel und Bleichmittel einkaufen. Bleib ganz ruhig, und reg dich bitte nicht auf. Ich bin sofort wieder da.“

Als Christina das Sammelsurium von Shampoos, Haartönern, Bleichmitteln und Färbemitteln auf das Band legte, konnte Agnes, die stets freundliche Kassiererin, die Welt nicht mehr verstehen. ‚Merkwürdig – Frau Hartmann auch! Warum kaufen heute Morgen alle Leute nur Haarpflegemittel? Wozu brauchen die so viel Zeug? Und ausgerechnet heute hat sich Frau Kipper aus der Hair-Care-Abteilung krank gemeldet. Irgendwas stimmt nicht, irgendwas ist heute anders als sonst.‘ Agnes ahnte nicht, wie Recht sie hatte. Noch vor elf Uhr waren sämtlichen Regale mit Haarpflegeprodukten leergeräumt. Verstörte Kunden mussten vertröstet werden und niemand wusste, was an diesem Tag geschehen war. Oder niemand wollte sagen, was er wusste.

Es war zum Verzweifeln. Egal, welches Mittel Christina auf den Kopf ihrer Mutter schmierte – die grasgrüne Farbe ließ sich nicht entfernen. Jegliche Mühe war umsonst. Elfriede Wohlfahrt war am Ende ihrer Kräfte. Sie wollte nur noch eins. Schlafen, Schlafen, Schlafen. Ruhe, Ruhe, nur noch Ruhe. Cristina führte ihre völlig erschöpfte Mutter zum Bett. Bevor Elfriede Wohlfahrt die letzte Tablette schluckte, murmelte sie noch mit schwacher Stimme „… Termin … Salon Schiller … absagen …“

„Ja, Mama, bleib ganz ruhig, ich werde sofort anrufen. Schlaf gut, Mama.“

„Ja, hallo! Hier ist der Frisiersalon Schiller. Mein Name ist Beatrice Schwarzkopf. Was kann ich für Sie tun?“

Nur mit Mühe konnte Christina ihre Gedanken und ihre Sätze ordnen. Aber die bildhübsche Empfangsdame wusste gleich Bescheid. „Ja, schade, da kann man nichts machen. Richten Sie bitte Ihrer Frau Mutter unsere besten Genesungswünsche aus.“

„Ja, danke, auf Wiederhören.“

Beatrice wickelte eine blonde Locke um ihren linken Zeigefinger und strich mit der rechten Hand sanft über ihren gewölbten Bauch. Nachdenklich flüsterte sie zu dem strampelnden Wüstling: „Mein kleiner Quälgeist, das war jetzt schon die vierte Absage innerhalb einer halben Stunde, und unsere gute alte Frau Wunn hat sich heute auch krank gemeldet.“ Als das Telefon schon wieder klingelte, wusste auch Beatrice Schwarzkopf, dass an diesem Tag alles anders war als sonst.

Christina hatte ihre Mutter liebevoll zugedeckt und die Hände über der Bettdecke gefaltet. Drei extrastarke Schlaftabletten würden ihre Mutter in einen langen Tiefschlaf versetzen. Jetzt musste sie sich unbedingt um Jessica kümmern. Mit Tränen in den Augen küsste sie das friedliche Gesicht „Schlaf gut, Mama. Mach dir keine Sorgen. Ich werde so bald wie möglich zurückkommen. Keine Sorge, Mama. Alles wird gut.“

Professor Eckstein genoss den heißen Kaffee. Zum ersten Mal am heutigen Tag verspürte er Ruhe und Zufriedenheit. Er stellte die Tasse ab, lehnte sich in den schweren Ledersessel zurück und ließ seinen Blick schweifen: St. Josefs Kirche, Christuskirche, Rathaus, Alter Turm – wie friedlich sah doch alles aus! Professor Eckstein war zu einem Entschluss gekommen. Sein erster Impuls war es gewesen, das Stankt Marien Krankenhaus strikt abzuriegeln und alles geheim zu halten. Schließlich stand nicht weniger auf dem Spiel als der gute Ruf der Klinik. Aber nach reiflicher Überlegung und Abwägung aller Argumente hatte er sich auf die entgegengesetzte Strategie festgelegt. Die Erinnerung an die Katastrophe mit dem SARS-Virus war noch zu frisch. Professor Eckstein hatte die Lektion gelernt. Bloß keine Vertuschung! Nur schonungslose Offenheit konnte vor unübersehbaren Folgeschäden bewahren. Nichts aufbauschen, keine Panik, nichts übertreiben – stattdessen Offenheit, Sachlichkeit, Kompetenz, Entscheidungsfreude, entschlossenes Handeln.

Als Erstes setzte sich Professor Eckstein mit dem Gesundheitsministerium in Verbindung, dann mit dem Landeskriminalamt, dem Staatsekretär für Innere Sicherheit, dem Obersten Rat der Landesmedienanstalten und schließlich mit dem Ministerpräsidenten.

In einer noch nie da gewesenen Perfektion wurden im Verborgenen die Fäden gezogen. Binnen weniger Stunden waren die zuständigen Landes- und Bundesministerien, die Landes- und die Bundeskriminalämter, die Geheimdienste, der Katastrophenschutz, die Bundeswehr, die NATO, die Europäische Union, die Weltgesundheitsorganisation und Forschungsinstitute in aller Welt informiert. Rund um den Globus waren die Notfallpläne in Kraft gesetzt. Die Region wurde im Umkreis von 50 Kilometern hermetisch abgeriegelt. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Lothringen, Elsass und Luxemburg verlief reibungslos. Die kompetentesten Wissenschaftler aus den verschiedensten Fachgebieten und aus allen Teilen der Welt waren unterwegs, die ersten Experten waren bereits eingetroffen und arbeiteten fieberhaft an der Aufklärung des rätselhaften Phänomens. Wie durch ein Wunder hatten auch sämtliche Medien die Berichterstattung so lange zurückgehalten, bis an der Wall Street die Börsen geschlossen waren.

Als Elfriede Wohlfahrt am frühen Nachmittag des nächsten Tages ihre Augen aufschlug, konnte sie sich zunächst gar nicht erklären, wieso ihre Tochter Christina hier auf ihrer Bettkante saß. Sie war noch sehr benommen und so dauerte es eine Weile, bis sie das Puzzle in ihrem Kopf einigermaßen geordnet hatte. Elfriede Wohlfahrt schloss die Augen, legte die Hände flach aufs Gesicht und presste die Fingerspitzen fest auf die Augenlider. Dann atmete sie mehrmals tief durch und dachte: ‚Elfriede Wohlfahrt, du bist eine starke Frau. Egal, was kommt – du stehst das durch.‘ Dann richtete sie sich auf und sagte: „Chris, mein Liebes, geh und koch uns einen starken Kaffee.“

Den BH hatte sie noch seit gestern an und es lag auch keine frische weiße Baumwollunterhose bereit. Sie setzte sich auf die Bettkante, steckte die Füße in die Pantoffeln und reckte ihren Oberkörper. Dann stand sie auf, fuhr mit beiden Daumen unter den Gummi ihrer Unterhose, zog ihn ein wenig nach vorn, drehte die Daumen in einer raschen Bewegung nach außen und ließ den Gummi genussvoll auf ihre Speckröllchen schnellen. Danach trat sie entschlossen vor den großen Spiegel und bewunderte ihre üppigen weiblichen Rundungen. Das entsetzliche grasgrüne Haar würdigte sie keines Blickes.

Dann zog sie die dunkelblaue Kittelschürze über und ging zur Toilette. Bevor sie aufstand und die Spülung abdrückte, murmelte sie „Elfriede, du stehst das durch!“

Als Elfriede Wohlfahrt die Küche betrat, blieb sie kurz stehen, schloss die Augen und sog in einem langen Zug den Duft des frisch gekochten Kaffees in ihre Nase. Dann setzte sie sich an den massiven Tisch. „Meine gute Christina, lass uns erst mal in aller Ruhe essen und trinken. Das ist jetzt das Allerwichtigste. Danach kannst du mir erzählen, was passiert ist.“

Als Elfriede Wohlfahrt rundum satt war, rülpste sie leise, streckte ihren Oberkörper, bog den Rücken tief durch, packte mit beiden Händen ihre festen Brüste, schloss die Augen und atmete tief durch. Mit einem lauten „Puuuhhh!“ ließ sie alle Glieder entspannt fallen, setzte sich bequem hin, atmete noch einmal tief aus und sagte: „So, mein Kind, und jetzt erzähl mal, was in den letzten vierundzwanzig Stunden alles passiert ist.“

Was Christina zu berichten hatte, war nicht ganz so schlimm wie befürchtet.

Vor wenigen Stunden war über sämtliche Medien Entwarnung gegeben worden. Es lagen keinerlei Anzeichen für einen terroristischen Anschlag vor. Ein terroristischer Hintergrund konnte mit nahezu absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden.

Allem Anschein nach handelte es sich auch nicht um eine ansteckende Krankheit. Alle Fälle waren ausschließlich im Stadtbezirk von D. aufgetreten. Und zwar alle in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Es gab keinen einzigen Fall von Neuerkrankungen.

Außerdem bestanden starke Zweifel, ob es sich überhaupt um eine Krankheit handelte. Bislang konnten keinerlei Krankheitssymptome ermittelt werden. Die einzigen Anomalien waren die grasgrüne Farbe der Haare und die physikalisch absolut unerklärbare Tatsache, dass sich das Haar auf keine Weise schneiden, ausreißen oder sonstwie entfernen ließ.

Obwohl die Lage nicht ganz so schlimm war, wie sie hätte sein können, war doch eine Tatsache nicht wegzuleugnen: Niemand auf dieser Welt hatte eine schlüssige Erklärung für dieses mysteriöse Phänomen. Hier waren Kräfte am Werk, die sich den irdischen Naturgesetzen widersetzten.

Trotz aller beispiellosen Forschungsanstrengungen war das Rätsel nicht zu lösen. Die globale Ordnung drohte aus den Fugen zu geraten. Die ganze Welt war voller Spekulationen und verrückter Hypothesen. Nicht nur seriöse Wissenschaftler, Politiker, Ordnungskräfte und Geheimdienstler hatten Hochkonjunktur; dies war auch die große Stunde für religiöse Fanatiker, Weltuntergangs-Sekten, UFO-Gläubige, Feministinnen und Scharlatane jeglicher Couleur. Eine weltweite Panik war vermutlich nur deshalb ausgeblieben, weil das Mysterium auf den Stadtbezirk von D. beschränkt blieb und keine neuen Fälle von grasgrünen Haaren registriert wurden.

Aber Elfriede Wohlfahrt war eine starke Frau. Sie ließ sich nicht unterkriegen. Sie gestaltete ihren Alltag wie gewohnt, nur dass sie keinen einzigen Schritt mehr vor die Tür ging. Sie hielt sich per Zeitung, Radio und Fernseher auf dem Laufenden.

Auch am Abend des siebten Tages nach der Katastrophe boten die Sondersendungen keine ernst zu nehmenden Neuigkeiten. Nur noch ein Beitrag, dann würde endlich der Spielfilm anfangen. ‚Na, dann hören wir uns in Gottes Namen halt auch noch an, was dieses mickrige Kerlchen zu sagen hat.‘

„Herr Doktor Hänselmann, Sie sind Experte auf dem Gebiet der Attraktivitätsforschung, der Evolutionspsychologie und der Psychologie des Haares. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?“

„Nun, als Wissenschaftler bin ich gewohnt, nüchtern und rational zu denken. Und ich muss zugeben, dass dieses Phänomen einige Aspekte hat, die sich jeder logischen Erklärung entziehen. Aber andererseits gibt es auch ein paar systematische Zusammenhänge, die uns …“

„Welche sind das, Herr Doktor?“

„Einerseits hat diese rätselhafte Erscheinung etwas mit dem Geschlecht zu tun, denn betroffen sind ausschließlich Frauen. Außerdem hat es etwas mit dem Alter zu tun, denn alle betroffenen Frauen sind jenseits der Wechseljahre.“

„Ja, aber …“

„Ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen, Frau Gollenstein. Genau das ist der springende Punkt. Nicht alle älteren Frauen haben grasgrüne Haare. Es ist also nicht allein das Alter. Ich habe alle bekannt gewordenen Fälle analysiert, und dabei ist mir etwas ganz Wichtiges aufgefallen: Alle Frauen, die grasgrüne Haare haben, tragen kurze Haare, die meisten haben diese öden Einheits-Dauerwellen im Urgroßmutter-Look. Aber alle Frauen, die verschont geblieben sind, tragen ihr Haar lang und offen. Dabei scheint die Haarfarbe keine Rolle zu spielen, egal ob blond, braun, grau …“

„Ja, und was schließen Sie daraus, Herr Doktor Hänselmann?“

„Ja, ich weiß, die These ist gewagt, und ich kann selbst kaum so recht dran glauben. Es sieht so aus, als wäre die Evolution beleidigt …“

„Hä? Wie meinen Sie das denn, Herr Doktor?“


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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Friseur, Frisör, Frisur, Haare, Haarfarben, Humor, lustige Geschichte

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Beim Piffri

Saarbrücker Ausshängeschild
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Beim Piffri

© Ronald Henss

Ehrlich gesagt, ich bin nie gerne zum Friseur gegangen. Auch schon lange vor der Zeit, als ich endlich selbst bestimmen konnte und beschloss, überhaupt nicht mehr zum Friseur zu gehen.

Jetzt, wo ich darüber nachdenke, wird mir klar, dass Erinnerungen an den Friseur zu meinen ältesten Erinnerungen gehören. Wie weit sie genau zurück reichen, weiß ich nicht. Aber einige Vorstellungsbilder stammen sicherlich noch aus der Zeit bevor ich zur Schule ging. Das war in den frühen fünfziger Jahren.

Unser Frisör hieß Pfeifer, Philipp Pfeifer. Aber bei uns hieß er nur „de Peifer Filp“ oder „de Piffri“. Der Frisörladen war nicht weit von zu Hause entfernt, höchstens zweihundert Meter.

Zuerst musste man ein paar Treppenstufen hochgehen, vielleicht sechs oder sieben. Links ging es in das Tante-Emma-Lädchen, in dem wir häufig einkauften. Als ich noch klein war, war die Theke riesig hoch; und die großen bauchigen Gläser mit den bunten Bonbons waren unerreichbar. In den Frisörladen ging es rechts.

Der Frisörladen war eigentlich nur ein kleines Zimmer. Aber auf ein Kind musste allein schon die eigentümliche Einrichtung einen tiefen Eindruck machen.

An der breiten Wandseite riesengroße Spiegel. Nach unten wurden sie abgeschlossen durch einen Wandtisch, in den zwei Becken eingearbeitet waren. Der mächtige Wandtisch war aus Holz; ob die Becken aus Marmor, aus Porzellan oder aus Metall waren, kann ich heute nicht mehr sagen.

Vor der imposanten Armatur zwei Stühle für Erwachsene. In der kindhaften Erinnerung erscheinen sie riesengroß und schwer. Ob sie tatsächlich gepolstert waren? Vielleicht waren es aber auch nur einfache Holzstühle? Ich weiß es nicht mehr.

Der Kinderstuhl war aus braunem Holz. Vier hohe schlanke Stelzen gingen vom Boden bis zum oberen Rand, wo sie an der hufeisenförmigen Lehne abschlossen. Knapp über dem Boden wurden die Stelzen durch Querhölzer zusammengehalten.

Auf dem Wandtisch und in verschiedenen Vitrinen tausenderlei Utensilien. Natürlich allerlei Scheren, Kämme und Bürsten. Verschiedene Tuben und Tübchen. Fläschlein mit Duftwässerchen, Parfüms. Eine Flasche aus dickem, goldbraunem Glas mit dünnen Querrillen. Unvergessen der Werbespruch „Es ist nie zu früh und selten zu spät für Diplona.“ Haarwässerchen und Haarwuchsmittel waren damals natürlich kein Thema für mich. Übrigens auch später nicht, als sich meine Haarpracht ziemlich rasch dünne machte. Eine besondere Faszination ging von dem Zerstäuber aus. Ein bauchiges Fläschlein, oben eine Metalldüse und daran ein rotbrauner Gummischlauch, der in einem dicken Gummiballon endete. Kurzes Drücken auf den Ballon – „pffff, pffff, pffff….“ – und feinste Tröpfchen verteilten sich über das Haar und verströmten einen charakteristischen Duft.

Überhaupt war der ganze Raum durch einen charakteristischen Duft markiert. Ich würde ihn vermutlich heute sofort wiedererkennen; aber merkwürdigerweise kann ich ihn nicht beschreiben. Ich habe daran keine konkrete sinnliche Erinnerung. Ganz anders verhält es sich mit einer anderen Geruchserinnerung, die vermutlich meine allerälteste Erinnerung ist. Die hat aber nichts mit dem Friseur zu tun; und so werde ich darüber an anderer Stelle berichten.

Wir bleiben beim Piffri. In einem Herrensalon durften natürlich die folgenden Utensilien nicht fehlen: Rasierschaum, Rasierpinsel, eine Gummischale, in der der Schaum angerührt wurde, Rasiermesser und ein Lederriemen zum Schärfen der Klinge. Gelegentlich ließ sich einer der älteren Männer – alt erschienen damals alle Erwachsenen – rasieren. In der schwarzen Gummischale wurde der Schaum geschlagen. Dann der Bart kräftig eingeseift. Das Rasiermesser mit ein paar schnellen Strichen am Lederriemen geschärft; ritsch ratsch, ritsch ratsch, ritsch ratsch. Und dann vorsichtig, Strich um Strich die glatte nackte Haut freigelegt. Vermutlich floss auch ab und an Blut. Aber mich betraf das nicht.

Mein Platz war auf dem Kindersitz. Vor dem Haareschneiden wurde der Umhang aus Stoff um den Hals gebunden. Schlichter weißer Stoff. Die ersten Grobarbeiten mit Schere und Kamm. Dann der mechanische Haarschneider. Wenn der Piffri die Zangengriffe in der Faust zusammendrückte, machte es leise „quack, quack, quack“ und die hellblonden Haarbüschel fielen lautlos zu Boden. Zum Feinschliff benutzte er eine elektrische Haarschneidemaschine. Leises stetiges Summen, nicht bedrohlich. Gelegentlich kam auch das Rasiermesser zum Einsatz; „ritsch, ritsch, ritsch“. Schließlich der buschige Pinsel, mit dem er die feinen Härchen aus dem Nacken bürstete. Aber ein paar blieben immer im Kragen hängen, manche noch stundenlang.

Die frühen sechziger Jahre, für mich die Phase der Vorpubertät, waren die Goldene Ära des Haarsprays. Mit der Taft-Dose von Wella rückten nicht nur die Frauen den Haaren zu Leibe. Damals war noch keine Rede von Treibgasen, Ozonloch, Umweltschutz. Wir haben uns das Zeug bedenkenlos auf den Kopf gesprüht. Die Haare fühlten sich dann ganz unnatürlich an. Wie kleingehäckseltes Stroh. Aber dafür hätte die Schmalztolle à la Elvis auch einem mittleren Wirbelsturm standgehalten. In meinem Flur hängt heute eine Mini-Galerie alter Fotos. Ein kleines Schwarz-Weiß-Bild, das nun schnurstracks auf die Vierzig zugeht, zeigt mich im Konfirmandenanzug. Den Kopf ziert auf der linken Seite ein akkurat gezogener Scheitel, das Haupthaar ist zu einer atemberaubenden Welle hochgedrückt, selbstverständlich mit Haarspray gefestigt. In diesem Aufzug war ich noch der ganze Stolz meiner Mutter. Aber das sollte sich bald ändern.

Die Pubertät, ohnehin eine Zeit der Auflehnung und Revolte, fiel bei mir in eine Epoche tiefgreifender kultureller und politischer Umwälzungen, die ihren augenfälligen Ausdruck in radikalen Veränderungen der Haartracht fanden. Der Kampf der Generationen – das heißt: der Kampf zwischen meiner Mutter und mir – lief zum größten Teil über die Auseinandersetzung ums Haar. Den Auftakt zur nächsten Runde des Generationenkampfes bildete gewöhnlich der Spruch: „Wie laafschden du schunn widder rum? Du sieschd jo aus wien Biedels [dass der Singular von Beatles Beatle heißt, spielte dabei keine Rolle]. Mach, dass de mol widder zum Friseer kummschd!“ Die unausweichliche Folge waren endlose Debatten, erbitterter Streit, nicht selten Tränen und wochenlanges Schweigen. Wenn ich mich dann schließlich doch beim Piffri blicken ließ, hieß es „Rund odder Fassong?“ Ehrlich gesagt, wusste ich damals weder was Fassong bedeutet, noch wie man es schreibt. „Rund“ klang viel zu gewöhnlich, also lautete die Antwort in der Regel „Fassong“. Zum Abschluss der Prozedur nahm der Piffri den großen Handspiegel und beschrieb damit einen Halbkreis hinter meinem Kopf, so dass ich im Frontspiegel die „Fassong“ bewundern konnte. Es kam aber keine Bewunderung auf. Ganz im Gegenteil: Ich kam mir immer elend vor. Schlimmer als nackt. Auf dem Rückweg habe ich die Schritte beschleunigt, um so rasch wie möglich nach Hause zu kommen. Vor Scham hielt ich den Kopf gesenkt, so manches Mal den Tränen nahe. Bloß nicht gesehen werden.


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Die vollständige Geschichte gibt es in dem Buch „Abenteuer im Frisiersalon„. Erhältlich als Taschenbuch, eBook im epub-Format und als eBook für Amazon Kindle.

Buch und eBook

Ronald Henss: Ein Lobgesang auf meine guten Gene eBook Amazon KindleAbenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5 (Buch)
ISBN 978-3-939937-67-8 (eBook im epub-Format)
eBook für Amazon Kindle

Dieses Buch enthält eine Auswahl der besten Beiträge zum Kurzgeschichtenwettbewerb „Abenteuer im Frisiersalon“. 21 Autoren aus Deutschland und Österreich präsentieren eine bunte Mischung. Mal ernst, mal heiter, nachdenklich, spannend, unterhaltsam, sentimental, skurril, phantastisch, …

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© Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

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Lesetipp

Ronald Henss: Ein Lobgesang auf meine guten Gene eBook Amazon KindleRonald Henss
Ein Lobgesang auf meine guten Gene

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Die schräge Geschichte von Bodo, der eines Tages feststellt, dass sich sein dichter Haarschopf lichtet.
Eine Geschichte für alle, die Haare haben oder auch keine. Für alle, die sich mehr oder andere Haare wünschen. Für alle, die mit ihrem Haar zufrieden sind; und für alle, die mit ihrem Haar hadern.

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Friseur, Frisör, Frisur, Haare, Friseurgeschichte, Frisiersalon

Reportage aus dem Frisiersalon

St. Johanner Markt, Saarbrücken
St. Johanner Markt, Saarbrücken
St. Johanner Markt, Saarbrücken

Reportage aus dem Frisiersalon

© Ronald Henss

Ich sag’s ja immer: Es geht nichts über eine gute Planung. Also hatte ich auch diesmal alles perfekt vorbereitet und jeden Schritt genau durchdacht.

Zuallererst erkundete ich die Situation von der anderen Straßenseite aus. Durch die großen Schaufenster hatte ich mir rasch einen Überblick verschafft. Dann ging ich hinüber, betrat das Geschäft und schritt entschlossen auf die bildhübsche junge Dame an der Empfangstheke zu. „Guten Tag. Ich habe eine etwas ungewöhnliche Bitte. Dürfte ich mich bei Ihnen eine halbe Stunde lang in den Salon setzen und mich einfach nur umschauen? Wissen Sie, ich schreibe eine Geschichte zum Thema ‚Im Frisiersalon‘ und da würde ich mich gerne mal an Ort und Stelle kundig machen. Man muss ja schließlich wissen, worüber man schreibt.“

Kein bisschen überrascht antwortete sie mit einem freundlichen Lächeln „Ja, gerne. Schauen Sie sich ruhig in unserem Laden um. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Einen Kaffee vielleicht?“

Auf ein solch freundliches Angebot war ich nicht vorbereitet, und so murmelte ich nur „Nein Danke, ich komme gerade aus einem Cafe.“ Das stimmte natürlich nicht und schon im nächsten Moment bedauerte ich meine vorschnelle Ablehnung. Ja, ein Kaffee wäre jetzt genau das Richtige gewesen. Aber einen Rückzieher konnte ich nun nicht mehr machen; und so ging ich zielstrebig auf den Platz zu, den ich schon von außen als den strategisch günstigsten Beobachtungsposten ausgespäht hatte.

Als Erstes kramte ich meinen Notizblock und ein paar Stifte heraus. Um nicht zu sehr aufzufallen ging ich zur Zeitschriftenablage, blätterte ein bisschen rum und nahm die Tageszeitung und drei Zeitschriften mit an meinen Platz. Den SPIEGEL – dieses pseudo-intellektuelle Blatt macht sich immer gut; den Playboy – da kann man in einem unbeobachteten Moment mal rasch reinspitzen; und ein Frisurenheft – na ja, da kann man wenigstens ein paar schöne Gesichter anschauen. Aber eigentlich diente das alles nur zur Tarnung.

Dann kam das Handwerkliche, das ich mir schon vorher genau überlegt hatte. Ein kurzer Rundblick und die wichtigsten Notizen. Was ist wo? Wer tut was? Wer mit wem? Eine schnelle Skizze des Lageplans. Dann eine kurze Auflistung der Personen. Die Personen brauchen unbedingt Namen. Mal schaun, vielleicht kriege ich den einen oder anderen Namen aus den Gesprächsfetzen mit. Und dann natürlich noch eine ganze Reihe weiterer Personencharakteristika: Geschlecht, Alter, Haarfarbe, Frisur, Aussehen, Kleidung, vermutlicher Beruf, Temperament, auffällige Verhaltensweisen und, ganz wichtig, die Rolle — Friseur oder Kunde.

Meine eigene Rolle, nämlich die des unauffälligen Beobachters, erforderte viel Taktgefühl. Nur allzu leicht hätte der ständige Wechsel Beobachtung – Notizen, Beobachtung – Notizen, Beobachtung – Notizen Aufsehen erregen können. Also stand nun eine kurze Pause auf dem Plan, in der es galt, möglichst unauffällig in den Zeitschriften zu blättern. Das Frisurenheft hatte ein etwas größeres Format. Ich legte es um den Playboy und hielt das Ganze so, dass der Eindruck entstehen musste, ich würde mit allergrößtem Interesse Frisuren betrachten. Nun ja, ein gewisses Interesse war nicht zu leugnen, es galt allerdings weniger den Frisuren.

Als ich mich dann endlich von den vermeintlichen Frisuren losriss, um meine systematischen Beobachtungen fortzusetzen, stellte ich fest, dass sich die bildhübsche junge Dame gar nicht mehr hinter der Empfangstheke befand. An ihrer Stelle saß eine andere, die alles in den Schatten stellte, was ich gerade beim gutgetarnten Durchblättern des Playboy gesehen hatte. Nein, nackt war sie natürlich nicht. Aber diese Frau war Erotik pur! Ich muss wohl extrem dämlich ausgesehen haben, als ich sie mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund anstarrte.

Als sie mich freundlich anlächelte, purzelten mir die Zeitschriften aus der Hand. Auf dem Boden lag obenauf der Playboy, das Centerfold voll ausgefaltet. Nun wussten alle im Salon, wie das Playmate des Monats September aussieht.

Hastig kramte ich alles zusammen, legte es auf meinen Sitzplatz und verließ den Laden mit hochrotem Kopf.

Aus der Reportage über den Frisiersalon ist leider nichts geworden.

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Lesetipp

Ronald Henss: Doppelgänger eBook Amazon KindleRonald Henss
Doppelgänger

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Der Anruf kam unerwartet. Es war mein Schriftstellerkollege Stefan Aurich. Während ich immer noch auf meinen ersten nennenswerten Erfolg wartete, hatte er es mit seinen subtilen Kriminalromanen längst zum Bestsellerautor geschafft …

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, lustige Geschichten, Humor, Friseur, Playboy, haarige Geschichte