Beim Piffri

Saarbrücker Ausshängeschild
Saarbrücker Aushängeschild Friseur Coiffeur
Saarbrücker Aushängeschild

Beim Piffri

© Ronald Henss

Ehrlich gesagt, ich bin nie gerne zum Friseur gegangen. Auch schon lange vor der Zeit, als ich endlich selbst bestimmen konnte und beschloss, überhaupt nicht mehr zum Friseur zu gehen.

Jetzt, wo ich darüber nachdenke, wird mir klar, dass Erinnerungen an den Friseur zu meinen ältesten Erinnerungen gehören. Wie weit sie genau zurück reichen, weiß ich nicht. Aber einige Vorstellungsbilder stammen sicherlich noch aus der Zeit bevor ich zur Schule ging. Das war in den frühen fünfziger Jahren.

Unser Frisör hieß Pfeifer, Philipp Pfeifer. Aber bei uns hieß er nur „de Peifer Filp“ oder „de Piffri“. Der Frisörladen war nicht weit von zu Hause entfernt, höchstens zweihundert Meter.

Zuerst musste man ein paar Treppenstufen hochgehen, vielleicht sechs oder sieben. Links ging es in das Tante-Emma-Lädchen, in dem wir häufig einkauften. Als ich noch klein war, war die Theke riesig hoch; und die großen bauchigen Gläser mit den bunten Bonbons waren unerreichbar. In den Frisörladen ging es rechts.

Der Frisörladen war eigentlich nur ein kleines Zimmer. Aber auf ein Kind musste allein schon die eigentümliche Einrichtung einen tiefen Eindruck machen.

An der breiten Wandseite riesengroße Spiegel. Nach unten wurden sie abgeschlossen durch einen Wandtisch, in den zwei Becken eingearbeitet waren. Der mächtige Wandtisch war aus Holz; ob die Becken aus Marmor, aus Porzellan oder aus Metall waren, kann ich heute nicht mehr sagen.

Vor der imposanten Armatur zwei Stühle für Erwachsene. In der kindhaften Erinnerung erscheinen sie riesengroß und schwer. Ob sie tatsächlich gepolstert waren? Vielleicht waren es aber auch nur einfache Holzstühle? Ich weiß es nicht mehr.

Der Kinderstuhl war aus braunem Holz. Vier hohe schlanke Stelzen gingen vom Boden bis zum oberen Rand, wo sie an der hufeisenförmigen Lehne abschlossen. Knapp über dem Boden wurden die Stelzen durch Querhölzer zusammengehalten.

Auf dem Wandtisch und in verschiedenen Vitrinen tausenderlei Utensilien. Natürlich allerlei Scheren, Kämme und Bürsten. Verschiedene Tuben und Tübchen. Fläschlein mit Duftwässerchen, Parfüms. Eine Flasche aus dickem, goldbraunem Glas mit dünnen Querrillen. Unvergessen der Werbespruch „Es ist nie zu früh und selten zu spät für Diplona.“ Haarwässerchen und Haarwuchsmittel waren damals natürlich kein Thema für mich. Übrigens auch später nicht, als sich meine Haarpracht ziemlich rasch dünne machte. Eine besondere Faszination ging von dem Zerstäuber aus. Ein bauchiges Fläschlein, oben eine Metalldüse und daran ein rotbrauner Gummischlauch, der in einem dicken Gummiballon endete. Kurzes Drücken auf den Ballon – „pffff, pffff, pffff….“ – und feinste Tröpfchen verteilten sich über das Haar und verströmten einen charakteristischen Duft.

Überhaupt war der ganze Raum durch einen charakteristischen Duft markiert. Ich würde ihn vermutlich heute sofort wiedererkennen; aber merkwürdigerweise kann ich ihn nicht beschreiben. Ich habe daran keine konkrete sinnliche Erinnerung. Ganz anders verhält es sich mit einer anderen Geruchserinnerung, die vermutlich meine allerälteste Erinnerung ist. Die hat aber nichts mit dem Friseur zu tun; und so werde ich darüber an anderer Stelle berichten.

Wir bleiben beim Piffri. In einem Herrensalon durften natürlich die folgenden Utensilien nicht fehlen: Rasierschaum, Rasierpinsel, eine Gummischale, in der der Schaum angerührt wurde, Rasiermesser und ein Lederriemen zum Schärfen der Klinge. Gelegentlich ließ sich einer der älteren Männer – alt erschienen damals alle Erwachsenen – rasieren. In der schwarzen Gummischale wurde der Schaum geschlagen. Dann der Bart kräftig eingeseift. Das Rasiermesser mit ein paar schnellen Strichen am Lederriemen geschärft; ritsch ratsch, ritsch ratsch, ritsch ratsch. Und dann vorsichtig, Strich um Strich die glatte nackte Haut freigelegt. Vermutlich floss auch ab und an Blut. Aber mich betraf das nicht.

Mein Platz war auf dem Kindersitz. Vor dem Haareschneiden wurde der Umhang aus Stoff um den Hals gebunden. Schlichter weißer Stoff. Die ersten Grobarbeiten mit Schere und Kamm. Dann der mechanische Haarschneider. Wenn der Piffri die Zangengriffe in der Faust zusammendrückte, machte es leise „quack, quack, quack“ und die hellblonden Haarbüschel fielen lautlos zu Boden. Zum Feinschliff benutzte er eine elektrische Haarschneidemaschine. Leises stetiges Summen, nicht bedrohlich. Gelegentlich kam auch das Rasiermesser zum Einsatz; „ritsch, ritsch, ritsch“. Schließlich der buschige Pinsel, mit dem er die feinen Härchen aus dem Nacken bürstete. Aber ein paar blieben immer im Kragen hängen, manche noch stundenlang.

Die frühen sechziger Jahre, für mich die Phase der Vorpubertät, waren die Goldene Ära des Haarsprays. Mit der Taft-Dose von Wella rückten nicht nur die Frauen den Haaren zu Leibe. Damals war noch keine Rede von Treibgasen, Ozonloch, Umweltschutz. Wir haben uns das Zeug bedenkenlos auf den Kopf gesprüht. Die Haare fühlten sich dann ganz unnatürlich an. Wie kleingehäckseltes Stroh. Aber dafür hätte die Schmalztolle à la Elvis auch einem mittleren Wirbelsturm standgehalten. In meinem Flur hängt heute eine Mini-Galerie alter Fotos. Ein kleines Schwarz-Weiß-Bild, das nun schnurstracks auf die Vierzig zugeht, zeigt mich im Konfirmandenanzug. Den Kopf ziert auf der linken Seite ein akkurat gezogener Scheitel, das Haupthaar ist zu einer atemberaubenden Welle hochgedrückt, selbstverständlich mit Haarspray gefestigt. In diesem Aufzug war ich noch der ganze Stolz meiner Mutter. Aber das sollte sich bald ändern.

Die Pubertät, ohnehin eine Zeit der Auflehnung und Revolte, fiel bei mir in eine Epoche tiefgreifender kultureller und politischer Umwälzungen, die ihren augenfälligen Ausdruck in radikalen Veränderungen der Haartracht fanden. Der Kampf der Generationen – das heißt: der Kampf zwischen meiner Mutter und mir – lief zum größten Teil über die Auseinandersetzung ums Haar. Den Auftakt zur nächsten Runde des Generationenkampfes bildete gewöhnlich der Spruch: „Wie laafschden du schunn widder rum? Du sieschd jo aus wien Biedels [dass der Singular von Beatles Beatle heißt, spielte dabei keine Rolle]. Mach, dass de mol widder zum Friseer kummschd!“ Die unausweichliche Folge waren endlose Debatten, erbitterter Streit, nicht selten Tränen und wochenlanges Schweigen. Wenn ich mich dann schließlich doch beim Piffri blicken ließ, hieß es „Rund odder Fassong?“ Ehrlich gesagt, wusste ich damals weder was Fassong bedeutet, noch wie man es schreibt. „Rund“ klang viel zu gewöhnlich, also lautete die Antwort in der Regel „Fassong“. Zum Abschluss der Prozedur nahm der Piffri den großen Handspiegel und beschrieb damit einen Halbkreis hinter meinem Kopf, so dass ich im Frontspiegel die „Fassong“ bewundern konnte. Es kam aber keine Bewunderung auf. Ganz im Gegenteil: Ich kam mir immer elend vor. Schlimmer als nackt. Auf dem Rückweg habe ich die Schritte beschleunigt, um so rasch wie möglich nach Hause zu kommen. Vor Scham hielt ich den Kopf gesenkt, so manches Mal den Tränen nahe. Bloß nicht gesehen werden.


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Buch und eBook

Ronald Henss: Ein Lobgesang auf meine guten Gene eBook Amazon KindleAbenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5 (Buch)
ISBN 978-3-939937-67-8 (eBook im epub-Format)
eBook für Amazon Kindle

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Lesetipp

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Ein Lobgesang auf meine guten Gene

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Die schräge Geschichte von Bodo, der eines Tages feststellt, dass sich sein dichter Haarschopf lichtet.
Eine Geschichte für alle, die Haare haben oder auch keine. Für alle, die sich mehr oder andere Haare wünschen. Für alle, die mit ihrem Haar zufrieden sind; und für alle, die mit ihrem Haar hadern.

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Friseur, Frisör, Frisur, Haare, Friseurgeschichte, Frisiersalon

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Kein gewöhnlicher Arbeitstag

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Kein gewöhnlicher Arbeitstag

© Ronald Henss

Für Sabrina Kraemer sollte dies kein gewöhnlicher Arbeitstag werden. Zufällig hatte sie gestern Abend kurz vor Feierabend einen Blick auf den Terminkalender geworfen, der offen auf der Empfangstheke lag. Etwas verwundert las sie: Donnerstag, 18. September, 15:30; Kornmann, W. ‚Hhmm, merkwürdig, der war doch erst vor zwei Wochen hier.‘ Aber dann dachte sie: ‚Um so besser, dann können wir die Sache ja viel schneller in Angriff nehmen als geplant.‘

Der Wecker klingelte heute zwei Stunden früher als sonst. Wie schon in den letzten Tagen wurde sie auch heute aus erotischen Träumen gerissen. Am liebsten wäre sie liegen geblieben und hätte sich ihren lustvollen Phantasien hingegeben.

Aber heute war ein wichtiger Tag, der ihr Leben in völlig andere Bahnen lenken sollte. Der musste gut vorbereitet werden. Voller Tatendrang schwang sie sich aus dem Bett.

Zuerst Toilette, und dann ab unter die Dusche. Erst lauwarm, dann kalt. Puuuuhhh! Eigentlich hasste sie kaltes Wasser. Nach dem Duschen betrachtete sie ihre phantastische Figur in dem großen Spiegel. Sie war schlank, aber nicht dünn. Weibliche Rundungen genau dort wo sie sein müssen, und alles genau in der richtigen Proportion. Und dazu noch die langen Beine, die ihr ein aristokratisches Aussehen verliehen. Ihr Körper war einfach perfekt!

Beim Frühstück konnte sie nur an IHN denken. Ja, er war ihr schon damals aufgefallen, als er zum ersten Mal in den Laden gekommen war. Sofort hatte sie sein Interesse gespürt und sie fand ihn durchaus sympathisch. Aber erst als er fünf Wochen später wieder auftauchte, sprang bei ihr ein Funke über. In dem stummen Austausch ihrer Blicke lag mehr als nur Sympathie. Sie spürte sein Begehren und ihre Gefühle gerieten durcheinander. Seither hatte sie viel an ihn gedacht. Und dann, wieder fünf Wochen später, war er erneut in den Laden gekommen. Aufmerksam verfolgte sie im Spiegel, wie er sie betrachtete, und noch stärker als zuvor spürte sie sein Begehren. Als sich ihre Blicke trafen, hielt sie inne. Erst Corinnas spöttische Bemerkung „Hey, Sabrina, träumst du? Aufwachen, Schätzchen!“ zerriss das magische Band.

Seitdem war er ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Heimlich hatte sie im Terminkalender an der Empfangstheke recherchiert: Kornmann, W. Was bedeutete „W“? Wolfgang, Werner, Walter, ….? Wie hieß dieser Mann, der sie so sehr in Verwirrung gestürzt hatte? Was war das für ein Mensch, der sie durch seine Blicke in seinen Bann gezogen hatte? War er derjenige, auf den sie so lange gewartet hatte? War er der Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens zusammen sein wollte? Sie musste es herausfinden. Bei seinem nächsten Besuch würden sie sich kennen lernen. Vermutlich würde er sie ansprechen. Wenn nicht, dann würde sie den ersten Schritt tun. Sie konnte diese Spannung nicht länger ertragen. Sie spürte, dass er der Richtige war.

Sein letzter Besuch lag erst zwei Wochen zurück, und nun sollte er heute schon wieder kommen. Das konnte nur bedeuten, dass auch er mehr wollte als das Band der stillen Blicke.

Die Wellen auf der Kaffeetasse und das leise Klappern des Kaffeelöffels machten ihr bewusst, dass sie vor Aufregung zitterte. Kein Wunder, schließlich würde der heutige Tag ihr Leben verändern. Und an diesem besonderen Tag wollte sie besonders schön sein. Noch schöner als sonst; erotisch, begehrenswert, verführerisch. Sie wollte alles tun, um diesen Mann zu verzaubern.

Sabrina Kraemer hatte schon immer Spaß daran gehabt, sich zu pflegen und zu schminken. Und heute Morgen machte es ihr besonders viel Freude. Obwohl sie ihr ganzes fachmännisches Können zur Geltung brachte, reichten die zwei Stunden, die sie früher aufgestanden war, gerade so aus. Mehr als eine Stunde benötigte sie alleine für die Pflege ihrer Haare. Als sie schließlich die schwarze wallende Mähne im Spiegel betrachtete, war sie betört.

Wie gut, dass sie ihre Garderobe schon gestern Abend bereitgelegt hatte. Fast zwei Stunden lang hatte sie aussortiert, anprobiert, begutachtet, geprüft, verworfen, neu kombiniert … Schließlich musste an diesem besonderen Tag alles perfekt sein. Letztlich hatte sie dann doch genau das ausgewählt, was sie von Anfang an geplant hatte, das verführerischste Outfit, das sich aus ihrer umfangreichen Garderobe zusammenstellen ließ: Die hauchdünne durchsichtige schwarze Bluse, den knappen schwarzen Push-up, den schwarzglänzenden Lack-Mini, der nur fingerbreit über ihre Pobacken reichte, den winzigen schwarzen String-Tanga und die superhohen schwarzen Lack-Pumps. Sorgfältig hatte sie alles in der großen Tragetasche verstaut, denn in dieser aufreizenden Aufmachung würde sie erst nach der Mittagspause aufkreuzen. Für den Vormittag hatte sie sich die übliche Garderobe zurecht gelegt, chic, figurbetont, sexy, aber nicht zu gewagt. Gerade so, dass es im Geschäft noch tragbar war.

Auf dem Weg zur Arbeit, in der U-Bahn, dachte sie an ihn und seine Blicke. Ja, sie war es gewohnt, dass Blicke auf ihren Körper gerichtet waren. Manche drückten einfach nur Wohlgefallen oder Bewunderung aus. In anderen spürte sie das Begehren und die Lust, die auf ihren Körper gerichtet waren. Manche Blicke waren nett, freundlich, voller Sympathie, andere aufdringlich, taxierend, unverschämt, frech, abwertend, entrüstet, neidisch … Sabrina hatte geglaubt, sie würde das ganze Spektrum von Gefühlen kennen, die sich in Blicken ausdrücken können. Aber dieses Mal war es anders. Ein paar kurze Blickkontakte im Spiegel hatten sie gefangen genommen. Sie spürte: Das muss die große Liebe sein auf die sie so lange gewartet hatte.

Wie immer stand Corinna schon am Bahnsteig um dann gemeinsam mit ihr die paarhundert Meter zum Salon zu schlendern.

„Hallo, Sabrina-Schätzchen! Wow, siehst du heute toll aus! Du hast dich doch nicht etwa verliebt. Oder?“

Etwas verlegen murmelte Sabrina: „Na, wart’s ab, du wirst schon sehen.“

Und nach kurzem Schweigen: „Ah, und dann noch was: Können wir heute ausnahmsweise mal so tauschen, dass ich erst von zwei bis drei Mittagspause mache?“

„Na klar, lässt sich machen. Aber sag doch: Was gibt’s denn so Geheimnisvolles?“

Aber aus Sabrina war nichts herauszulocken.

Obwohl sie innerlich aufgewühlt war, gelang es ihr, den Vormittag nach außen hin als ganz normalen Arbeitstag zu gestalten. Ihre Professionalität und die Liebe zu ihrer Arbeit halfen ihr, die fiebrige Erwartung einzudämmen.

Sabrina Kraemer ist Friseurin. Sie liebt ihren Beruf von ganzem Herzen. Schönheit war schon immer das zentrale Thema in ihrem Leben und sie hatte seit jeher viel Freude daran, sich selbst und andere Menschen zu verschönern. Und so war schon in frühen Jahren klar gewesen, dass sie einmal Friseurin werden würde.

Im Salon war sie bei allen beliebt. Kolleginnen und Kundinnen schätzten ihr fachliches Können und ihr freundliches Wesen. Sie war eine aufmerksame und einfühlsame Gesprächspartnerin. Sie hatte einen untrüglichen Geschmack und sie war eine hervorragende Beraterin. Stets versuchte sie, die Persönlichkeit der Kundin herauszufinden und sie dann entsprechend ihrer inpiduellen Note zu beraten.

Und natürlich waren alle von ihrer außergewöhnlichen Schönheit begeistert. Viele Männer kamen wohl nur deshalb in den Salon „Fashion Cut“, um Sabrina zu sehen. Und das, obwohl sie nur Frauen frisierte. Für viele war die Wartezeit, während derer sie Sabrina bei der Arbeit zusehen konnten, das Wichtigste am Friseurbesuch. Aber auch die Kundinnen waren von Sabrinas Aussehen hingerissen. Manche fanden es als eine besondere Ehre, von einer solch einzigartigen Schönheit beraten und frisiert zu werden.

Gerade weil Sabrina so gut aussah, konnte niemand verstehen, dass sie so lange alleine war. Seit der Trennung von Lars hatte sie keine Beziehung mehr gehabt. Dabei war es doch für sie nie ein Problem gewesen, Männer anzulocken. Ganz im Gegenteil. Sie hatte so viele Verehrer, dass sie von allen beneidet wurde. Aber Sabrina ging es nicht um das schale Vergnügen einer unverbindlichen Affäre. Sie wollte mehr. Sie wollte den Einen, den Einzigen, den Richtigen. Trotz aller Enttäuschungen glaubte sie noch immer an die große Liebe. Sie glaubte fest daran, dass es den Einen gab, der nur für sie bestimmt war.

Und nun hoffte sie, ihn endlich gefunden zu haben. Es waren nur noch wenige Stunden bis zu der entscheidenden Begegnung. In der letzten Stunde vor der Mittagspause schien die Zeit still zu stehen.

Als Sabrina dann endlich im Aufenthaltsraum saß, brachte sie keinen Bissen hinunter. Nur den heißen Kaffee, extra-stark, schwarz, ohne Milch, ohne Zucker.

Freudig erregt ging sie ins Bad um sich umzuziehen. Mit ein paar routinierten Handgriffen zog sich nackt aus. Minutenlang bewunderte sie ihren perfekten Körper in dem großen Spiegel. Diesen Körper würde sie IHM zum Geschenk machen. In einer festlichen Zeremonie packte sie die Utensilien weiblicher Verführungskunst aus der Tragetasche. Die schwarzglänzenden Lack-Pumps. Den winzigen schwarzen String-Tanga. Den knappen schwarzen Push-up. Die hauchzarte durchsichtige schwarze Bluse. Den knallengen superkurzen schwarzen Lack-Mini. Jedes Teil ein kostbares Kleinod. Alles passend zu ihrem pechschwarzen Haar, das weit über ihre Schultern wallte. Sie konnte sich gar nicht satt sehen an ihrem Spiegelbild. Alles an ihr war Erotik in höchster Vollendung.

Mit einer kleinen Verspätung kam sie in den Salon zurück. Die Gespräche rissen ab. Für einen kurzen Moment genoss sie die sprachlose Bewunderung. Dann sagte sie mit ruhiger Stimme: „So, Frau Schönbeck, dann wollen wir mal. Wie hätten Sie’s denn heute gern?“ Äußerlich war Sabrina voll und ganz bei der Sache, aber ihre Aufregung steigerte sich von Minute zu Minute.

Früher als erwartet hörte sie von der Empfangstheke her die stets freundliche Stimme von Beatrice: „Guten Tag, Herr Kornmann.“ Ihr Herz klopfte bis zum Hals. „Bitte nehmen Sie doch noch einen Moment hier Platz.“

Nun musste sie ihre ganze Kraft zusammenreißen. Nur noch ein paar Sekunden warten, bis er bequem Platz genommen hat. Sie hörte ihr Blut in den Adern pochen.

Und jetzt – endlich – der Blick in den Spiegel.

Im ersten Augenblick war sie nur verwirrt. Aber schon in der nächsten Sekunde packte sie das Grauen. Sie stand da, erstarrt, unfähig sich zu bewegen, unfähig einen Laut von sich zu geben.

„Iiii!!! Hiiiilfe!!!“

Der gellende Schrei von Frau Schönbeck durchzuckte den Frisiersalon wie ein Blitz. Fassungslos und entsetzt stürzten von allen Seiten die Kolleginnen herbei.

„Sabrina! Was ist los? Was ist denn passiert?“

„Sabrina! Sabrina, so sag doch was!“

„Sabriiinaaa!!!“

„Hiiilfe! Sabriiinnaaa!“

„Hiiilfe! Ein Arzt! Schnell!“

„Sabrina! Sag doch was!“

Mit starrem Blick sah Sabrina Blut über das hellblonde Haar ihrer Kundin rinnen. Dicke dunkelrote Perlen tropften auf die nackte Schulter. Sabrina war unfähig sich zu bewegen. Sie war erstarrt. Wie in einem Traum sah sie sich selbst von außen. Das war ihr Blut. Sie hatte sich mit der Schere tief in die Hand gestochen, aber sie spürte nichts. Sie sah sich selbst dastehen, unbeweglich, starr, totenbleich.

Leblos wie eine Puppe wurde Sabrina von Corinna und der Chefin, Frau Köhnen, in den Aufenthaltsraum geführt. Regungslos und stumm saß sie da. Die Augen weit aufgerissen. Der Mund offen. Der Kiefer hing schlaff herab. Sie war erstarrt. Dennoch zitterte sie am ganzen Körper. Sie war leichenblass. Ihre Hände eiskalt. Im Aufenthaltsraum herrschte eine gespenstische Atmosphäre.

Erst die Ankunft des Notarztes brach die lähmende Stille. „Keine Sorge, meine Damen, das ist nur ein Schock. Was ist denn passiert?“

Hilfloses Schulterzucken. Ratlosigkeit. Niemand wusste, wodurch der Schock ausgelöst worden war.

„Ich werde ihr eine Beruhigungsspritze geben. Wir bringen sie mit dem Rettungswagen nach Hause. Könnte jemand von Ihnen mitkommen?“

„Ja, ich“, sagte Frau Köhnen, „Und Sie, Corinna, können dann ja nach Feierabend noch einmal bei Sabrina vorbeischauen.“

„Ja, das werde ich tun. Bis später dann, und alles Gute.“ Corinnas Stimme erstickte in lautem Schluchzen.

Als sie Sabrina in ihr Bett legten, zeigte die Spritze schnell Wirkung.

„So, Frau Köhnen, das ist alles, was wir im Moment tun können. Sie wird jetzt tief und fest schlafen. Es wäre aber trotzdem schön, wenn heute Abend noch einmal jemand nach ihr sehen könnte. Wegen der Fleischwunde an der Hand brauchen Sie sich übrigens keine Sorgen zu machen. Das sieht schlimmer aus als es ist. Das wird rasch verheilen. Da wird höchstens eine ganz kleine Narbe zurück bleiben.“

Als Corinna, selbst noch völlig aufgelöst, nach Feierabend in Sabrinas Schlafzimmer kam, war sie erleichtert. Ihre beste Freundin schlief tief und fest. Auf dem bleichen Gesicht lag ein friedlicher Ausdruck. Sanft küsste sie Sabrinas Stirn und flüsterte liebevoll: „Schlaf gut, Kleines. Hab keine Angst. Alles wird gut!“ Dann wischte sie sich eine Träne aus den Augen.

Mitten in der Nacht waren sie plötzlich wieder da: Diese Augen! Dieser Blick! Ein überdimensionales Messer funkelte im Sternenlicht … Blut strömte aus der blitzenden Klinge … durchschnittene Kehlen … Blutlachen … abgetrennte Fingerglieder … dämonisches Lachen … Sie versuchte zu rufen, zu schreien, zu brüllen – aber kein Laut drang aus ihrer Kehle. Sie war gelähmt … das Messer … das blitzende Funkeln … Blut … abgerissene Körperteile … diese Augen … dieser Blick …

Als sie endlich aus dem Alptraum herausgefunden hatte, war sie eiskalt. Schweißüberströmt. Sie vibrierte am ganzen Körper.

Erst allmählich begriff Sabrina wo sie war. Das war nur ein Alptraum gewesen. Aber warum? Was war geschehen? Was war heute geschehen?

In Bruchstücken kehrte die Erinnerung zurück. Es war der Tag, auf den sie sich so sehr gefreut hatte. Der Tag, der ihr Leben verändern sollte. Sie hatte sich schön gemacht. Für IHN, nur für IHN. Sie war im Salon. Sie frisierte Frau Schönbeck. Sie war überrascht als sie früher als erwartet die Stimme von Beatrice gehört hatte: „Guten Tag, Herr Kornmann … Bitte nehmen Sie doch noch einen Moment hier Platz.“ Es waren nur noch Sekunden bis zu dem Moment, dem sie so lange entgegen gefiebert hatte. Gleich würde sie in den Spiegel schauen. Ihre Blicke würden sich treffen, und beide würden sie wissen, dass sie füreinander bestimmt waren.

Aber das waren nicht seine Blicke. Das waren nicht die Blicke, die mit magischer Kraft ein erotisches Band geknüpft hatten. Das war nicht der W. Kornmann, auf den sie so sehnlich gewartet hatte. Dort saß ein Fremder. Ein Unbekannter. Aber seine Blicke waren nicht die Blicke irgendeines Fremden. Diese Blicke waren anders. Sie waren bedrohlich. Sie waren dämonisch. Sabrina war gelähmt. Kaltes Entsetzen hatte sie gepackt. Sie wusste nicht, woran es lag, aber diese Blicke hatten etwas Krankes. In ihnen lag etwas abgrundtief Böses. Sie wusste sofort: Diese Augen und diese Blicke würde sie nie vergessen können.

Es dauerte Tage bis sie wieder arbeiten konnte. Durch die Arbeit wurde sie ein wenig abgelenkt. Aber Nacht für Nacht waren sie da: Die diabolischen Augen … Blut … das Messer … die funkelnde Klinge … zerstückelte Glieder … dämonische Blicke … das Antlitz des Bösen … Jede Nacht wurde sie durch diesen Alptraum gefesselt. Eine eiskaltes Hand hielt sie umklammert. Jede Nacht war sie zu starr, um weinen zu können. Schon tagsüber hatte sie panische Angst. Sie versuchte, sich wach zu halten. Aber sie war so erschöpft, dass sie jeden Abend rasch einschlief, nur um mitten in der Nacht aufs Neue in das Inferno der Hölle gerissen zu werden.

Am Donnerstag, zwei Wochen nach der entsetzlichen Begegnung, nahm sie bei der Fahrt zur Arbeit zum ersten Mal wieder ihre Umgebung wahr. In dieser Nacht hatte sie zum ersten Mal wieder durchgeschlafen. Keine Alpträume, kein Blut, kein Messer, keine Augen, kein Schrecken, kein lähmendes Entsetzen. Es kam ihr vor wie eine Erlösung. Urplötzlich schien die Welt wieder in Ordnung. Sie fühlte sich frei. Die Pendler in der U-Bahn waren wieder dieselben wie eh und je. Die meisten in eine Zeitung vertieft, andere dösten oder starrten leer vor sich hin. Zwei schwerhörige ältere Damen unterhielten das ganze Abteil. Mit ihren Arztbesuchen – womit auch sonst?

Als Sabrinas Gegenüber aufstand, fiel ihr Blick auf das Titelblatt der Zeitung, die er achtlos auf dem Sitz liegen gelassen hatte. In riesengroßen Lettern stand dort „Frauenmörder gefasst!“ Als sie das Foto sah, gefror ihr das Blut in den Adern. Vor ihren Augen verschwammen die Worte „… Forensische Haftanstalt … entflohen … äußerst brutal … gefährlich … Massenmörder … sieben Frauen … bestialisch zerstückelt … Ritualmorde … alle Frauen … langes dunkles Haar … Minirock … ganz in Schwarz … Lack oder Leder …“

Dann sah sie nur noch eines: Diese Augen!

In diesem Moment fiel Sabrina Kraemer in Ohnmacht.

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