Ein Lobgesang auf meine guten Gene

Ein Lobgesang auf meine guten Gene

Ein Lobgesang auf meine guten Gene

© Ronald Henss

Ronald Henss: Ein Lobgesang auf meine guten Gene

Als ich nach unten blickte, packte mich die Panik. Nein, das konnte nicht sein! Nein, das durfte nicht sein! Aber ich sah es doch mit eigenen Augen: Das waren nicht nur acht, neun oder zehn. Nein, das waren mehr. Das waren viel mehr. Das waren … neunzehn, zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig. Ja, vierundzwanzig. Vierundzwanzig Stück. Nein, das konnte nicht sein.

Ich zählte noch einmal nach … zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig. Wieder vierundzwanzig. Noch einmal … zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig. Nein, es gab nichts dran zu rütteln. Es waren vierundzwanzig. Und es blieben vierundzwanzig. Punkt. Aus. Vierundzwanzig Stück!

Ich konnte es nicht fassen. Vierundzwanzig! Jawohl, vierundzwanzig! Im Waschbecken lagen vierundzwanzig Haare. Vierundzwanzig Haare von mir. Unverkennbar. Genau meine Länge. Genau meine Farbe. Von wem auch sonst? Hier war ja niemand außer mir.

Vierundzwanzig. Kein Zweifel war möglich. Also zählte ich noch einmal. Wieder vierundzwanzig. Ich konnte zählen so oft ich wollte; jedes Mal dasselbe niederschmetternde Ergebnis: Vierundzwanzig! Ein einziges Mal Kämmen und vierundzwanzig Haare unwiederbringlich verloren.

Ich war zerstört. Ich war am Ende. Ich war erledigt.

Erst der Blick in den Spiegel gab mir meinen Lebensmut zurück. Nein, da war nichts zu sehen. Nichts. Gar nichts. Keine Spur. Da fehlte kein einziges Haar. Immer noch derselbe dichte Haarschopf wie vor dem Kämmen. Mein Haar, mein ganzer Stolz – es war dicht und voll wie eh und je. Da fehlte nichts. Absolut nichts.

Und wenn schon. Was sind schon vierundzwanzig Haare? Der Durchschnittsmensch hat mehr als hunderttausend Haare auf dem Kopf. – Wenn! Ja, wenn er nicht zu den Glatzköpfen gehört. Zu diesen bedauernswerten Kreaturen, denen das Schicksal die übelste Strafe auferlegt hat, die einem Menschen zuteil werden kann.

Aber davon war ich Gott sei Dank verschont. Ich konnte gar keine Glatze kriegen. Glatzen sind erblich – das ist wissenschaftlich erwiesen. Und in unserer Familie hat es nie einen Glatzkopf gegeben. Keinen einzigen. Mir konnte also gar nichts passieren. Ich war genetisch immun.

Nun zahlte es sich aus, dass in unserer Familie seit Generationen die strenge Vernunft waltet. In unserem weit verzweigten Clan wird nicht einfach aus purem Überschwang und blinder Verliebtheit heraus geheiratet. Nein, in unserer Familie wird seit Generationen streng darauf geachtet, dass eine Ehe Bestand haben muss, dass sie eine solide Grundlage hat.

Es gehört zu den unumstößlichen Prinzipien, dass eine Person, die in ihrem familiären Umfeld einen Glatzkopf aufweist, als Partner nicht in Frage kommt. Das war und das ist völlig undenkbar. Und das ist gut so. Nur so konnte über Generationen hinweg sichergestellt werden, dass unsere Familie von dieser Geisel der Menschheit verschont blieb.

Seit jeher hatten alle in unserer Familie dichtes volles Haar. Die Frauen und die Männer. Bis ins hohe Alter. Da gibt es bis heute keine Ausnahme. Keine einzige. Und jeder in unserer Familie trägt dieses Gütesiegel der genetischen Reinheit voller Stolz.

Ich war also immun. Daran gab es keinen Zweifel. Mir konnte gar nichts passieren. Dafür sorgten schon die Gene. Oh Mama, oh Papa, ich danke Euch für meine guten Gene.

Ich fasste mich wieder. Vierundzwanzig Haare. Mein Gott, was war das schon. Jeder hat mal einen schlechten Tag. Aber dass er so schlecht war, das war noch nie vorgekommen. Ich zwang mich, nur noch an eines zu denken: an meine guten Gene. Nur die feste Gewissheit, die mir meine guten Gene gaben, gab mir die Kraft, die Haare im Waschbecken zusammenzukratzen und in den Abfalleimer zu werfen.

Der schreckliche Spuk war beendet. Ich blickte in den Spiegel, bewunderte meine volle Haarpracht und dankte meinen Genen.

Die folgenden Tage vermied ich es, den Kopf beim Kämmen über das Waschbecken zu halten. Wozu auch. Es konnten ja so und so keine Haare ausfallen. Und wenn, dann höchstens mal sieben oder acht. Und die wurden schließlich sofort durch andere ersetzt. Die saßen doch förmlich in den Startlöchern und warteten nur darauf, dass auch sie endlich die Chance erhielten, in meinem vollen Haarschopf Spalier zu stehen.

Lange hielt ich das nicht durch. Es machte doch gar keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken. Ich ging in die Offensive. Die Sache musste gründlich untersucht werden. Mit wissenschaftlichen Methoden. Mit Hilfe der Statistik. Wozu hat man das so lange studiert? Da hatte ich nun endlich mal einen Fall, wo Statistik zu was taugt. Die Dummköpfe an der Uni haben uns immer nur mit abstakten Aufgaben gequält. Hier hatte ich einen Fall aus der Praxis. Mitten aus dem Leben. Akribisch sammelte ich jedes Haar, das die Gemeinschaft der Hunderttausend für immer verlassen hatte. Gewissenhaft führte ich eine Liste der täglichen Verluste. Zur graphischen Veranschaulichung fertigte ich fein säuberlich einen Scatter-Plot an. Auf der X-Achse die Zeit, also einen Tag neben den anderen; von links nach rechts. Auf der Y-Achse die Zahl der verloren gegangenen Haare. Je größer der Verlust, desto weiter oben der Datenpunkt. Ich sagte mir „Bodo, da musst Du aufpassen. Das ist wie bei der Arbeitslosenstatistik: Wenn die Kurve ansteigt, dann ist das schlecht.“ Die graphische Darstellung bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen. Ja, es gab durchaus gewisse Schwankungen, aber alles in allem war ein Trend nicht zu leugnen. Er zeigte von links unten nach rechts oben. Um die Tagesschwankungen auszugleichen, berechnete ich wochenweise die Mittelwerte. Die statistische Glättung machte das Bild noch deprimierender. Der Trend zeigte eindeutig nach oben. Zur Berechnung der Regressionsgleichung war die Datenbasis noch zu dünn. Aber das war nur eine Frage der Zeit.

Ich wollte nicht abwarten. Ich konnte nicht abwarten. Da musste endlich was geschehen.

Die Lösung lag auf der Hand. Die Gene waren es nicht. Da konnte ich ganz sicher sein. Folglich konnte es nur an der Ernährung liegen. Ohne zu zögern krempelte ich meinen Ernährungsplan vollständig um. Vitamine, Mineralien, Zusatzstoffe, Ergänzungsstoffe und ansonsten nur noch Öko. Kurz, alles was man zur gesunden Ernährung braucht. Lebensmittel besorgte ich nur noch beim Öko-Bauern. Die 35 Kilometer Fahrt hinaus aufs flache Land nahm ich gerne in Kauf. Und mein prachtvolles Haar war mir die horrenden Preise allemal Wert. Dafür gab es die gesunde Landluft völlig gratis.

Aber schon bald machte sich Ernüchterung breit. Öko hin Öko her. Die gewissenhaft weitergeführte Statistik behielt den eingeschlagenen Trend unbeirrt bei. Zudem waren nun auch im Spiegel allererste Anzeichen eines zurückweichenden Haaransatzes erkennbar. Mein Leben war zerstört. Ich brauchte dringend Hilfe.

Ohne meine Familie zu verständigen, fuhr ich heimlich in meine Heimatstadt. Dort wandte ich mich an unseren alten Hausarzt. An wen auch sonst? Schließlich kannte er unsere Familie so gut wie kein anderer. Der wusste Bescheid. Der musste noch nicht einmal eine detaillierte Untersuchung durchführen. „Mach Dir keine Sorgen, Bodo. Da fehlen zwar ein paar Haare. Aber Du weißt, ich kenne Eure Familie seit Jahrzehnten. In Eurer mustergültigen Familie hat es noch nie einen Fall von Alopezie gegeben. Du weißt ja selbst, Bodo, wie wachsam Deine Familie in dieser Angelegenheit ist. Vorbildlich wie keine andere. Da brauchst Du gar keine Angst zu haben. Das ist nichts Organisches. Das hat ganz bestimmt psychische Ursachen. Hattest Du in der letzten Zeit viel Stress?“

Ja klar, das war’s! Zu dumm, dass ich nicht selbst drauf gekommen war. Natürlich hatte ich in der letzten Zeit viel Stress gehabt. Viel mehr als jemals zuvor. Beruhigt verließ ich die vornehme Privatpraxis und beschloss, sofort Urlaub zu machen.

Ich ließ alles stehen und liegen, raffte das Allernötigste zusammen, und am nächsten Tag war ich an der Ostsee. Um diese Jahreszeit war hier alles leergefegt. Da konnte man gar nichts anderes machen als Entspannen. Vor Beginn der stundenlangen Strandwanderungen traf ich jedes Mal gewissenhaft alle erforderlichen Maßnahmen zum Schutze meines wertvollsten Gutes. Zuerst wurde ein dünnes Tuch aus edelster Seide fest um den Kopf gewickelt. Darüber eine Mütze. Keine Wolle – um Gottes willen. Feinstes glattes Tuch, in dem sich kein Härchen verhaken konnte. Darüber dann die wetterfeste Kapuze. Alles festgezurrt. Die Sturmböen sollten keine Chance bekommen, auch nur ein einziges Haar wegzufegen.

Aber bei meinen einsamen Wanderungen am Strand hatte ich nur eines vor Augen: Die monoton steigende Kurve im Scatter-Plot. Zu allem Übel waren nun auch im Spiegel deutliche Zeichen des Rückzugs nicht mehr wegzuleugnen. Meine Depressionen wuchsen ins Unermessliche. Ach, wäre ich doch an die Nordsee gefahren. Dort könnte mich die Flut packen und ins offene Meer hinausreißen. Ich packte die Koffer.

Sofort nach meiner Rückkehr suchte ich einen Arzt auf. Hier, in dieser Stadt, weit weg von der Familie. Diesmal machte ich Nägel mit Köpfen und ging zu einem Fachmann, einem Dermatologen. Nach einer gründlichen Untersuchung mit Trichogramm und allem Pipapo bat er mich, zur Lagebesprechung auf dem ziemlich unbequemen Sessel Platz zu nehmen. „Junger Mann, Sie können ganz beruhigt sein. Sie sind nicht krank.“ Das war Balsam auf meine geschundene Seele. Als er dann fortfuhr traf mich der Blitz. „Sie leiden unter einer androgenetischen Alopezie, das ist der wissenschaftliche Fachausdruck für einen erblich bedingten Haarausfall … blablabla …“ Ich war am Boden zerstört. Aber es dauerte nicht lange, dann hatte ich mich wieder gefangen. Dieser Idiot hatte doch keine Ahnung! So ein hohles Geschwätz. Als ob ich nicht ganz genau wüsste, was androgenetische Alopezie bedeutet. Na gut, in einem Punkt hatte er Recht. Eine Glatze ist erblich. Aber gerade deshalb war es ja ausgeschlossen, dass ich eine kriege. Als einzige Entschuldigung konnte ich ihm zugute halten, dass er unsere Familie überhaupt nicht kannte.

Auf jeden Fall hatte ich die Nase gestrichen voll von diesen Ärzten. Aufgeblasenes Volk. Schwachköpfe. Von Tuten und Blasen keine Ahnung, aber gelehrt rumlabern. Wütend ging ich nach Hause.

Dort kapselte ich mich vollständig ab und durchforstete die gesamte wissenschaftliche Literatur zur Alopezie. Zu meiner großen Freude fand ich nur das, was ich ohnehin schon wusste: Glatzen sind erblich. Spätestens seit den Forschungsarbeiten von Hamilton ist das eindeutig bewiesen. Da lässt die Wissenschaft nicht den geringsten Zweifel zu. Daran gibt es keinen Deut zu rütteln. Das gehört heutzutage doch zur Allgemeinbildung. Da muss man gar nicht unbedingt wissen, was Dihydrotestosteron und 5-alpha-Reduktase Typ II bedeutet.

Ich dankte Gott und dem unerbittlichen Regime meines Familienclans für meine guten Gene.

Bestärkt durch die unanfechtbaren Erkenntnisse der Wissenschaft führte ich meine statistischen Studien noch gewissenhafter fort.

Als sich der Trend dann auch noch beschleunigte, war ich dem Selbstmord nahe. Eine alte Bekannte riet mir, zu einer Heilpraktikerin zu gehen. „Die versteht was von ihrem Fach. Und außerdem ist sie eine weltweit anerkannte Kapazität in Sachen Astrologie.“ Ja, diese Kombination war genau das Richtige. Nur durch die Vermittlung meiner Bekannten gelang es, bei dieser vielgefragten Koryphäe einen baldigen Termin zu bekommen. Nun ja, sechs Wochen musste ich mich trotzdem in Geduld fassen. Als der Termin nahte, war ich nervlich am Ende.

Ihre Erscheinung und das Ambiente waren etwas seltsam, und ich verspürte große Lust auf dem Absatz umzukehren. Aber dann merkte ich gleich, dass ich dieser Frau vertrauen konnte. „Sie brauchen da gar keine Angst zu haben, Herr Wohlstetter. Das ist ganz sicher keine Alopezie. Das ist eine erhöhte Sensibilität gegen die phasische Verschiebung der Deklination Ihres Aszendenten.“ Ich war zutiefst beeindruckt von ihrer Kompetenz. Schließlich war sie ja nur eine Frau. „Zum Glück gibt es da einfache Gegenmittel.“ Sie hielt mir ein kleines Fläschlein vor die Augen. „Nehmen Sie von dieser Tinktur 7 Tropfen, verreiben Sie die zwischen den Händen und verteilen Sie die Lösung auf den gesamten Kopf. Ganz wichtig ist, dass Sie damit am Abend vor Vollmond beginnen und dass Sie dies genau 7 Tage durchführen. Immer genau eine Stunde nach Mondaufgang.“ Dann angelte sie ein noch kleineres Fläschlein aus dem überladenen Regal. Offenbar hatte sie Angst, ich würde es gar nicht sehen. Sie hielt mir das winzige Ding so nah ans Gesicht, dass sie es mir fast auf die Nase drückte. Und das, wo ich doch leicht weitsichtig bin. „Danach nehmen Sie täglich 3 Tropfen aus dieser Flasche. Die verdünnen Sie in einem Achtelliter Sesamöl. Wärmen Sie die Lösung auf offener Flamme an. Auf keinem Fall auf einem Elektro- oder einem Gasherd. Achten Sie darauf, dass es exakt 37 Grad sind. Reiben Sie sich das Ganze genau vierundzwanzig Minuten vor dem Schlafengehen ins Haar. Sie werden sehen, in drei Monaten ist Ihr Problem behoben.“

Peinlich genau befolgte ich ihre Anweisungen. Der erste Monat verging. Der zweite Monat verging. Die sündhaft teuren Miniatur-Fläschlein gingen im Eiltempo zur Neige. Aber der Trend hielt erbarmungslos die eingeschlagene Richtung bei. Ich wage es gar nicht zu beichten, welche Verluste Woche für Woche zu beklagen waren. Tendenz: Steigend. Jeder Blick in den Spiegel machte schmerzlich deutlich, dass sich meine Haarlinie immer weiter nach hinten verschob. Gnadenlos. Millimeter um Millimeter.

Ich hatte mich in meiner Wohnung verkrochen. Fest abgeschottet von der Familie. Da erhielt ich die Nachricht, dass mein Bruder Siegbert, knapp vier Jahre älter als ich, nun endlich heiratet. In drei Wochen. Gott sei Dank, das wurde auch höchste Zeit. Dann würde auch bald die Brautschau für mich gestartet werden. Die Freude währte nur kurz. Zurück auf dem Boden der Tatsachen, wurde mir die Ausweglosigkeit meiner Lage voll bewusst. Auf der Familienfeier konnte ich mich nicht blicken lassen. Auf gar keinen Fall. Das ging einfach nicht. Das war unmöglich. Aber eine Familienfeier war ein unausweichliches Muss. Da gab es keine Ausrede. Kein Wenn und kein Aber. Schon gar nicht, wenn es um eine Hochzeit ging. Erst recht nicht bei der Hochzeit meines Bruders. Ein Fehlen wäre nur mit schriftlicher Bescheinigung der Intensivstation möglich gewesen. Und auch das nur mit notarieller Beglaubigung.

Die Rettung kam ganz unverhofft. Als meine Kommilitonin Spinderella vor der Tür stand – unangemeldet wie immer -, wollte ich sie zuerst gar nicht reinlassen. Aber eine Frau wie Spinderella lässt sich nicht abschütteln. Sie hielt ihren Daumen so lange auf dem Klingelknopf, bis ich völlig entnervt kapitulierte. „Mein Gott, Bodo, wie siehst Du denn aus? Was ist denn mit Deinem Haar passiert?“ Der Schock saß tief. Aber Spinderella ist eine robuste Natur. Und praktisch veranlagt ist sie auch, die Nase stets im Wind des allerneuesten Trends. Als sich der erste Schreck gelegt hatte, hatte sie, wie immer, sofort eine Lösung parat. Das Zauberwort lautete: Feng Shui. „Es ist doch sonnenklar, Bodo, dass Deine Haare in dieser Umgebung Reißaus nehmen müssen! Bringe Ordnung in Deine Umgebung, und Du bringst Ordnung auf Deinen Kopf.“ Genau das war’s. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ja, mit Feng Shui würde ich alle Probleme in den Griff bekommen. Ein für allemal. Ich konnte also ganz beruhigt zur Hochzeitsfeier fahren. Gleich nach dem Fest würde Feng Shui das zerrüttete Gefüge meiner Welt wieder ins Lot bringen.

Mit dieser frohen Gewissheit schwand auch die Angst vor der Familienfeier. Aber wie nicht anders zu erwarten, war mein Anblick für die Eltern ein schwerer Schock. Schon von weitem konnte ich erkennen, wie mein Vater erstarrte und meine Mutter bleich wurde. Sie drohte auf der Stelle umzukippen. Hastig rief ich ihnen entgegen „Mama, Papa, keine Angst! Ihr könnt ganz ruhig bleiben. Mama, Papa, Ihr braucht Euch wirklich keine Sorgen zu machen.“ Die Erklärung, die ich mir zurechtgelegt hatte, ging flott über die Lippen. „Ich hatte leider eine Viruserkrankung. Der Arzt hat gesagt, das ist nichts Schlimmes, und mittlerweile ist sie schon voll auskuriert. Dieser verdammte Virus wirkt so ähnlich wie eine Chemotherapie. Aber Gott sei Dank geht das rasch wieder vorbei. Und jetzt passt auf, jetzt kommt die gute Nachricht: Nach ein paar Wochen wachsen die Haare noch dichter als zuvor. Ist das nicht toll?“ Uff, das war gerade noch einmal gut gegangen. Glied für Glied kam wieder Bewegung in meinen Vater. Mutter atmete tief durch. Das Blut nahm seine Zirkulation wieder auf und die Lebensgeister kehrten in sie zurück. „Mein Gott, hast Du mir einen Schrecken eingejagt! Aber wenn das so ist, dann hast Du ja mit der Krankheit richtig Glück gehabt, mein armer Junge. Dann wirst Du am Ende den Siegbert noch übertrumpfen.“ Und Vater meinte: „Ja, unser guter Siegbert. Der ist ab morgen unter der Haube. Und dann bist Du dran. Da kommt es ja wie gerufen, wenn Dein Haarschopf noch dichter wird als früher. Dann können wir bei der Brautschau noch mehr in die Wagschale werfen. Gratuliere, mein Sohn.“

Nach und nach traf die ganze Verwandtschaft ein. Natürlich war im ersten Moment jeder geschockt. Und es war sehr anstrengend, jedem die Geschichte zu erzählen. Aber am Ende wurde ich dann jedes Mal beneidet. Berauscht von so viel Aufmerksamkeit und der dauernden Wiederholung vergaß ich völlig, dass ich diese Story nur erfunden hatte.

Am Vorabend der Festlichkeiten dann die übliche Gaudi. Zum Auftakt, wie immer, die schon tausendmal gehörten Histörchen um die Jagd auf die genetischen U-Boote. Ja, es war nicht selten vorgekommen, dass sich Kreaturen in unseren exklusiven Familienclan einschmuggeln wollten, die in ihrer Verwandtschaft einen Glatzkopf hatten. Bei jedem einzelnen Bewerber und bei jeder einzelnen Bewerberin hieß es: Familienclan sei wachsam! „Ja früher war das noch einfach. Da musste man nur das familiäre Umfeld gründlich durchforsten. Die primitiven Tarnungen der schwarzen Schafe sind sofort aufgeflogen.“ – „Oh ja, diese naiven Dummköpfe, die ihre schütteren Haarsträhnchen von der einen Seite quer über den Kopf kämmen. So blöd muss man erst mal sein.“ – „Noch lächerlicher sind doch die Wichte, die sich ihr einziges Strähnchen von hinten nach vorn kämmen.“ Die Lästerei nahm kein Ende. Das Gelächter wurde immer lauter. „Heutzutage ist das alles nicht mehr so leicht. Diese Toupetspezialisten werden immer raffinierter. Und die verdammten Chirurgen arbeiten immer perfekter.“ – „Aber trotzdem, Ernst-Heinrich, ein geschultes Auge erkennt das sofort.“ – „Na, so einfach ist es wirklich nicht mehr. Eine Hochzeit ist heutzutage eine sehr teure Angelegenheit. Da verschlingen allein schon die Privatdetektive ein kleines Vermögen. Ihr habt es ja alle mitgekriegt: Britta, unsere von allen hochverehrte Braut, hat eine riesengroße Verwandtschaft; und zu allem Übel sind die über die ganze Welt verstreut. Allein die Reisespesen! Ich darf gar nicht mehr dran denken.“ – „Na ja, wer hat der hat. So viel muss uns die genetische Reinheit schon wert sein, Wolf-Herrmann.“ – „Recht hast Du. Wer außer uns sollte das Volk vor der glatzköpfigen Dekadenz bewahren?“

Dann wurde die Gaudi wie üblich mit Dölle fortgesetzt. „Ihr erinnert Euch ja alle noch an den Dölle. Ich frage mich heute noch, woher dieser Mensch den Mut nahm, jeden Tag mit Vollglatze vor die Klasse zu treten? Man stelle sich das mal vor: Ein Lehrer mit Glatze! Ein Lehrer ist doch eine Autoritätsperson. Wie soll ein Glatzkopf Autorität haben?“ – „Ja, es ist unverantwortlich, dass die Schulbehörden hier nicht streng eingreifen.“ – „Aber es ist ja nicht allein die Schule, meine liebste Edelgard. Überall sieht man sie. Auf der Straße, in Ämtern und Behörden. Überall, wo man nur hinschaut. Ganz ungeniert laufen die rum.“ Die Beiträge überschlugen sich. Jeder wollte mal zu Wort kommen. „Heutzutage lassen sich diese publicitygeilen Filmschauspieler sogar freiwillig ne Platte scheren.“ – „Genau wie diese hohlköpfigen Fußballspieler.“ – „Hör mir bloß auf mit Fußballspielern. Die haben doch alle einen Kopf wie ein Fußball. Nicht in der Form, aber im Inhalt.“ – „Ganz genau! Bei denen ist der Kopf genauso hohl, wie ihr Arbeitsgerät.“ – „Am schlimmsten find ich’s ja, wenn auch noch Politiker ihre Glatze in der Öffentlichkeit präsentieren. Kein Wunder, dass es mit unserem Staat bergab geht.“ – „Na, im Fernsehen achten die wenigstens bei den Korrespondenten und Nachrichtensprechern ein bisschen drauf.“ – „Das schon, aber dann hängt das Toupet so schief, dass man sofort wegzappen muss.“ Und so ging es fröhlich weiter.

Den Höhepunkt bildete auch dieses Mal die allseits beliebte Diashow. Hier konnten wir unsere Familie angemessen feiern. Dichtes volles Haar auf allen Köpfen. Dia um Dia. Dichtes volles Haar. Der ganze Stolz unseres Clans. Es war eine Wonne. Hier konnten alle in den Lobgesang auf unsere guten Gene einstimmen. Schließlich kam der Augenblick, dem ich stets entgegenfieberte …


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Die vollständige Geschichte gibt es in dem eBook „Ein Lobgesang auf meine guten Gene„. Erhältlich als eBook für Amazon Kindle.

Lesetipp

Ronald Henss: Ein Lobgesang auf meine guten GeneRonald Henss
Ein Lobgesang auf meine guten Gene

eBook Amazon Kindle

Die schräge Geschichte von Bodo, der eines Tages feststellt, dass sich sein dichter Haarschopf lichtet.
Eine Geschichte für alle, die Haare haben oder auch keine. Für alle, die sich mehr oder andere Haare wünschen. Für alle, die mit ihrem Haar zufrieden sind; und für alle, die mit ihrem Haar hadern.

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© Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

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Stichwörter: Kurzgeschichte, Geschichte, Short Story, Alltag, Haare, Glatze, Haarausfall, androgenetische Alopezie, Humor, lustige Geschichte

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Die grasgrünen Haare

Die grasgrünen Haare

Die grasgrünen Haare

© Ronald Henss

Ronald Henss: Die grasgrünen Haare

Der Wecker klingelte wie immer Punkt 6:30. Elfriede Wohlfahrt war ein wenig verwundert, wurde sie doch gewöhnlich ein paar Minuten vor dem Wecker wach. Etwas langsamer als sonst richtete sie sich auf, setzte sich auf die Bettkante, steckte ihre Füße in die Pantoffeln und rieb ihre Augen, die heute ein wenig müder waren als sonst. Dann stellte sie sich wie jeden Morgen kurz auf, raffte das lange Baumwollnachthemd über den Po und ließ sich auf die Bettkante zurückplumpsen. Dann zog sie das Nachthemd über den Kopf, faltete es sorgfältig zusammen und legte es neben sich auf die Bettdecke. Wie jeden Morgen schaute sie an sich herunter. Ihr mächtiger Busen versperrte den Blick, sodass von ihrem üppigen Körper nur noch die Knie sichtbar waren. Sie fühlte sich wohl mit ihren ausgeprägten weiblichen Rundungen.

Wie jeden Morgen packte sie mit beiden Händen lustvoll ihre schweren Brüste. Ihr voller Busen war immer noch fest und straff. Nach einer kurzen Weile des sinnlichen Genusses ergriff sie den bereitliegenden frischen BH. Elegant glitten ihre Arme in die Träger, sie presste die Körbchen eng an ihre Brüste, griff nach hinten und knipste den Verschluss zu. Dann schloss sie wie jeden Morgen kurz die Augen, bog ihren Rücken durch, richtete genussvoll ihren Oberkörper auf, legte den Kopf in den Nacken und seufzte leise.

Bedächtig stand sie auf, reckte sich und streifte ihre weiße Baumwollunterhose ab. Bevor sie die bereitliegende, ebenfalls weiße frische Baumwollunterhose ergriff, packte sie mit beiden Händen ihre Pobacken. Auch die waren immer noch fest. Fest und üppig wie ihre Brüste. Sie schlüpfte in die frische Baumwollunterhose, zog sie nach oben, fuhr mit beiden Daumen unter den Gummi, zog ihn ein wenig nach vorn, drehte in einer raschen Bewegung die Daumen nach außen und ließ den Gummi genussvoll auf ihre Speckröllchen schnellen. Ja, sie war mit sich und ihrem Körper zufrieden. Einhundertsechsundsiebzig Pfund dralle Weiblichkeit bei einhundertachtundsechzig Zentimetern Körpergröße.

Wie jeden Tag setzte sie sich, bekleidet mit frischer wohlduftender Unterwäsche, auf den Bettrand und ging im Geiste das Tagesprogramm durch. Frühstück, Aufräumen, Bettenmachen, kleines Päuschen mit Zeitunglesen, Einkaufen, Mittagessen zubereiten, Essen, Abwaschen, ein kleines Päuschen. Nein, heute Mittag würde Jessica nicht nach der Schule zu ihr kommen. Heute stand nämlich etwas Besonderes auf dem Programm: Für 15:30 war sie im Salon Schiller angemeldet. Es war höchste Zeit, ihre Dauerwellen wieder in Ordnung bringen zu lassen. Elfriede Wohlfahrt freute sich auf diese Abwechslung. Der Besuch im Frisiersalon war für sie nicht nur ein notwendiger Akt der Körperpflege, er war vor allem auch ein soziales Ereignis, das einen Glanzpunkt in ihren Alltag setzte. Der heutige Tag hatte also etwas zu bieten.

In bester Laune stand sie auf, um wie jeden Morgen ihre üppigen weiblichen Rundungen im Spiegel zu bewundern. Als sie vor den großen Spiegel trat, packte sie das Entsetzen. „Neeeeeeiiiiinnnn!!!“ – „Hiiiiiiiiiiilllllfe!!!“ – „Nein, das kann nicht sein!!!“ – „Um Gottes willen, was ist das?“ Sie konnte einfach nicht glauben, was sie sah. Sie presste die Augen zu, drückte beide Hände fest auf das Gesicht und ließ die Hände langsam zum Hals hinabgleiten. Dann presste sie die Handflächen wie zum Gebet zusammen. Die beiden Daumen fest auf den Kehlkopf gedrückt, das Kinn auf die Spitzen der beiden Zeigefinger gestützt, die Kuppe der Mittelfinger an die Kinnspitze gedrückt, flehte sie mit geschlossenen Augen „Oh Gott, lass das nicht wahr sein! Bitte, bitte! Mach, dass ich das alles nur geträumt habe!“ Vor Angst und Erregung zitternd öffnete sie langsam die Augen.

Aber alles Beten, Hoffen und Flehen hatte nichts geholfen. Sie achtete nicht auf ihre sinnlichen rundlichen Formen. Auch nicht auf die weit aufgerissenen Augen und das verzerrte Gesicht. Nein – voller Entsetzen, Panik und Angst sah sie nur eines: Ihr Haar war grün! Grasgrün! Ein sattes, saftiges, kräftiges Grasgrün!

Elfriede Wohlfahrt konnte es nicht fassen. Wie auch? So etwas konnte man gar nicht fassen. Das war einfach unbegreiflich. ‚Nein, das darf nicht sein! Bitte, bitte lieber Gott, lass mich nicht wahnsinnig werden!‘ In tiefster Verzweiflung schloss sie die Augen, eilte zum Bett, warf sich auf den Bauch, presste das Gesicht fest in die Matratze und zog ein Kopfkissen über ihren Hinterkopf. ‚Bleib ruhig, Elfriede. Ganz ruhig. Das war eine Sinnestäuschung, eine Halluzination. Komm erst mal zur Ruhe, dann wirst du sehen, dass alles in Ordnung ist. Vielleicht ist es auch nur eine Sehschwäche.‘ Es dauerte eine ganze Weile bis sich ihr Herzschlag wieder beruhigt hatte. Allmählich wich ihre Angst, ihre Atemzüge wurden regelmäßiger und das Zittern ebbte ein wenig ab.

Mühsam richtete sie sich auf, setzte sich auf die Bettkante, vergrub ihr Gesicht in den Händen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. ‚Egal, was du im Spiegel sehen wirst, Elfriede, du bist nicht verrückt. Du bist eine starke Frau, Elfriede, und du wirst damit fertig werden.‘ Wankend zwang sie sich vor den Spiegel. Nein, das waren keine Sinnestäuschungen, keine Halluzinationen, keine Sehschwäche. Ihr Haar war grün, grasgrün. Wie sattes saftiges grünes Gras. Als sie mit beiden Händen durch ihre Dauerwellen fuhr, war sie überrascht. Ihr Haar fühlte sich genauso an wie immer. Sie kräuselte die Locken zwischen ihren Fingern, aber es war nicht der geringste Unterschied zu spüren. Nur diese Farbe. Diese entsetzlich grüne Farbe. Was, um Gottes willen, war nur geschehen?

Elfriede Wohlfahrt wusste, sie brauchte Hilfe. Und zwar sofort. Ganz, ganz dringend. Hastig rannte sie zum Telefon. Ihre Hände zitterten und vor Aufregung brachte sie es nicht fertig, die Nummer ihrer Tochter zu wählen. Sie war nahe dran, hysterisch aufzuschreien, als ihr endlich einfiel, dass sie die Nummer eingespeichert hatte und dass sie doch nur den Speicherplatz 1 zu drücken brauchte. ‚Los Christina, geh dran! Bitte, bitte, geh dran!‘

Als das Telefon klingelte, war Christina zunächst verwirrt, weil sie im ersten Moment dachte es sei der Wecker. ‚Ach nein, das Telefon. Wer um Himmels willen ruft denn in aller Herrgottsfrühe an? Sicher wieder verwählt.‘ „Ja, Hallo! Hier Christina Hartmann.“

„Christiina, Christiiinaa!“

Sofort wusste Christina, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

„Christina, du musst sofort herkommen! Es ist was Schreckliches passiert!“

So hatte Christina ihre Mutter noch nie erlebt. „Aber Mama, was ist denn los? Beruhige dich doch!“

„Komm her, komm! Mach dass du kommst!“

„Aber sag doch, was ist passiert?“

„… kann nicht … selbst sehen …“

„Mama! Um Gottes willen, Mama! Ich komme sofort. Mama, Mama!! Mama, halt durch!“

Voller Panik rannte Christina in den Flur, riss den Autoschlüssel vom Schlüsselbrett und schrie so laut sie konnte „Kaaarrrlll!! Ich muss sofort zu Mama. Es ist irgendwas Schreckliches passiert. Du musst dich um Jessi kümmern.“

Ehe Karl antworten konnte, hörte er wie die Haustür zuknallte. Wie sollte er sich jetzt um Jessica kümmern, wo er doch um acht im Büro sein musste?

Elfriede Wohlfahrt ließ den Hörer zu Boden fallen. In panischer Angst rannte sie ins Bad und schnappte die Schere. Aber als sie eine der grasgrünen Locken abschneiden wollte, traf sie der Schlag. Das Haar ließ sich nicht abschneiden. So sehr sie sich auch bemühte – es gelang ihr einfach nicht, auch nur ein einziges Haar abzuschneiden. Als Elfriede Wohlfahrt in Ohnmacht fiel, hatte sie unfassbares Glück, dass sie sich weder mit der Schere verletzte noch mit dem Kopf an der Badewanne aufschlug.

Christina hatte gar nicht wahrgenommen, wie sie zum nahe gelegenen Haus ihrer Mutter gelangt war. Als auf ihr Sturmklingeln niemand aufmachte, schlug sie kurzerhand eine Scheibe ein und kletterte durchs Fenster. „Mama, Mama! Wo bist du? – Mama, Mama, so sag doch was. Bitte! Wo bist du?“ Küche nein, Wohnzimmer nein, Schlafzimmer nein. Als Christina ihre Mutter regungslos auf der Fußmatte im Bad liegen sah, war sie erleichtert und entsetzt zugleich. „Mama, Mama, was machst du denn für Sachen? Mama, wach auf!“ Geistesgegenwärtig füllte sie den Zahnputzbecher mit kaltem Wasser und schüttete es ihrer Mutter ins Gesicht. „Mama, wach doch auf! Mama, Mama, was machst du denn für Sachen? Warum hast du dir bloß die Haare so schrecklich gefärbt?“ Dann nur noch ein einziger hysterischer Schrei: „Mammmaaa!!!“

Unter Aufbietung aller Kräfte schleppte Christina ihre füllige Mutter ins Schlafzimmer und hievte den mächtigen aber straffen und angenehm weiblichen Körper aufs Bett. Als Elfriede Wohlfahrt endlich aus der Ohnmacht erwachte, dauerte es noch eine halbe Ewigkeit bis sie schluchzend, weinend, schreiend, bebend, zitternd ihrer Tochter berichtet hatte, was passiert war. Christina konnte es nicht glauben. Das war einfach unfassbar. Erst als sie selbst versuchte, mit der Schere ein grasgrünes Haar abzuschneiden, wusste sie, dass ihre Mutter nicht wahnsinnig geworden war und dass sie keinen üblen Schabernack mit ihr trieb. Christina war nun selbst nahe dran, den Verstand zu verlieren. Dass die Haare grasgrün waren, war vielleicht noch irgendwie zu begreifen – aber dass es absolut unmöglich war, auch nur ein einziges Haar abzuschneiden, überstieg jegliches Vorstellungsvermögen. Hier waren Kräfte am Werk, die nicht mit dem menschlichen Verstande zu erfassen waren.

Als Christina wie eine Wahnsinnige an der Bushaltestelle vorbeigerast war, konnten die verdatterten Rentner nur stumm den Kopf schütteln. Was war heute nur los? Der Bus stand schon lange bereit, der Busfahrer hatte schon längst die Geduld verloren, aber kein Mensch ließ sich blicken. Ratlos und verloren standen sie da, Ernst, Hans-Walter, Heinrich und Adolf. So etwas hatte es noch nie gegeben. Die Seniorenfahrt war seit Wochen ausgebucht, die Abfahrtszeit war schon lange überschritten, doch weit und breit war niemand zu sehen.

Plötzlich hatte Heinrich einen Gedankenblitz: „Ist euch schon aufgefallen, dass wir vier die einzigen Witwer in der Gruppe sind?“

„Oh ja, das stimmt ja.“

„Du hast Recht, Heiner, der Hans, der Herbert und der Karl sind verheiratet und von unserer großen Schar der lustigen Witwen fehlt jede Spur.“

„Das kann doch nur an den Frauen liegen. Das ist bestimmt kein Zufall. Die haben irgendwas ausgeheckt.“

„Na ja, dann schauen wir halt so lange den Schulmädchen nach, die sind ohnehin viel leckerer als unsere betagten Damen.“

„Du alter Lustgreis!“

„Hähä!“

Zu dieser Zeit herrschte im Sankt Marien Hospital bereits seit Stunden die hellste Aufregung. In aller Frühe hatte Schwester Elisabeth eine schockierende Entdeckung gemacht. Als sie das Zimmer 407 betrat, traute sie ihren Augen nicht. Frau Lauer und Frau Recktenwald lagen friedlich schlafend im Bett – aber mit grünen Haaren. Jawohl, mit grasgrünen Haaren! Rasch bekreuzigte sich Schwester Elisabeth „Oh, Großer Gott! Steh mir bei!“ Dann schaute sie noch einmal genau hin: Fräulein Werner und Frau Holzer lagen da wie immer; Fräulein Werner mit ihrem langen seidigen blonden Haar und Frau Holzer mit ihrer wallenden kastanienroten Lockenpracht. Aber ausgerechnet Frau Lauer und Frau Recktenwald, diese beiden liebenswürdigen alten Damen, hatten grasgrüne Haare. Kein Zweifel, es war ein sattes saftiges Grün. „Oh, Jesu hilf mir! Vater unser, der Du bist im Himmel …“ Rasch, aber so leise wie sie nur konnte, inspizierte Schwester Elisabeth die anderen Zimmer. Mit Ausnahme von Zimmer 418 bot sich ihr stets der gleiche Anblick: Alle älteren Damen hatten grasgrüne Haare. Nur Oma Jenneweins Haar hing in würdevollem Grau über die Bettkante herab. „Oh Herr, steh mir bei! Oh Jesu, hilf!“

Schwester Elisabeth war eine erfahrene und besonnene Schwester. Als sie den ersten Schock überwunden hatte, wusste sie, was zu tun war. Als Erstes rief sie bei Pfarrer Gotthold an, dann ließ sie den Klinikdirektor Professor Eckstein verständigen. Beide würden so schnell wie möglich herbeieilen. Einzelheiten durften nicht über das Telefon besprochen werden. ‚Ruhe bewahren. Nur keine Aufregung. Nur keine Panik. Vater unser, der Du bist im Himmel …‘ Nach kurzer Rücksprache mit der technischen Leitung rief sie reihum alle Stationsschwestern an. Das Wecken müsste heute unbedingt um eine Stunde nach hinten verschoben werden. In wenigen Minuten würden die Stromkreise III und IV unterbrochen werden, also kein Licht auf den Stationen. Die Stromkreise I und II, die die medizinisch notwendigen Gerätschaften speisten, würden aber weiterhin funktionieren. Was immer auch geschehen würde – Ruhe bewahren, keine Aufregung, keine Panik, weitere Anweisungen abwarten.

Nur wenige Minuten später eilten Pfarrer Gotthold und Professor Eckstein herein. Sie waren schon im Fahrstuhl aufeinander geprallt, beide ganz aufgeregt, aber keiner wusste was geschehen war. Schwester Elisabeth schilderte die Lage ruhig und sachlich und sie schien bei klarem Verstand zu sein. Gleichwohl war diese Geschichte zu phantastisch. Erst als sie sich mit eigenen Augen überzeugt hatten, wurde Pfarrer Gotthold und Professor Eckstein das Problem allmählich bewusst. Pfarrer Gotthold wurde mit dem seelischen Beistand für die Schwesternschaft und die Patienten betraut, Schwester Elisabeth sollte die Notfallmaßnahen auf den verschiedenen Stationen koordinieren, Professor Eckstein übernahm die zentrale Leitung.

Als Erstes musste sich der Professor ein Gesamtbild verschaffen. Reihum ließ er sich über die Lage auf den Stationen informieren. Es war wie verhext. Grasgrüne Haare, fast überall. Aber auf der Männerstation war alles ruhig wie immer. Keine besonderen Vorkommnisse. Als Schwester Angelika meldete „Auf der Entbindungsstation ist alles im grünen Bereich“, zuckte Professor Eckstein zunächst zusammen. Zum Glück fragte er noch einmal nach und konnte dann erleichtert zur Kenntnis nehmen, dass auch auf der Entbindungsstation alles in Ordnung war; eben, wie man so schön sagt: alles im grünen Bereich. Aber für solche Sprachspielchen hatte Professor Eckstein jetzt keinen Sinn. Die Lage war ernst. Bitterernst. Hier war klarer logischer Sachverstand gefragt. Merkwürdig, sehr merkwürdig! Warum betraf es nur Frauen und keine Männer? Und warum war ausgerechnet auf der Entbindungsstation keine einzige Frau betroffen?

Mitten in seine Überlegungen platzte Schwester Elisabeth mit der nächsten Hiobsbotschaft. Bei der Zusammenkunft der Schwestern im Schwesternzimmer war sie plötzlich wie elektrisiert: Unter der Haube von Schwester Maria lugte ein grasgrünes Haarsträhnchen hervor. Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Handlungen, und so musste Schwester Elisabeth alle Mitschwestern auffordern, ihre Haube abzunehmen. Die Aufregung und die Empörung waren groß, aber schließlich mussten sich doch alle der Autorität von Schwester Elisabeth unterwerfen. „Oh, mein Gott! Vater unser, der Du bist im Himmel …“ Es war unfassbar! Ein vielstimmiger Chor von Gebeten wurde gen Himmel gesandt, aber das änderte nichts an den Tatsachen. Fast alle älteren Schwestern hatten grüne Haare. Grasgrüne Haare. Ein saftiges sattes Grün beherrschte die Runde. Nur die jüngeren Schwestern waren verschont geblieben und – merkwürdigerweise – auch Schwester Walburga, Schwester Edelgard und Schwester Luitgard. Schwester Elisabeth traute ihren Augen nicht: Schwester Walburga, Schwester Edelgard und Schwester Luitgard hatten sich unter dem Schutz der Haube heimlich das Haar lang wachsen lassen. Das würde ein Nachspiel haben! Aber im Moment mussten wichtigere Probleme gelöst werden. Für Professor Eckstein wurde die Sache immer rätselhafter. Er musste unbedingt in Ruhe seine Gedanken ordnen.

Elfriede Wohlfahrt und Christina waren mittlerweile zur Tat geschritten. Aber alle Versuche, die grasgrüne Farbe auszuwaschen, waren ohne Erfolg. „Mama, leg dich ins Bett und bleib bitte ganz ruhig. Ich werde rasch zum Supermarkt fahren und Haarfärbemittel und Bleichmittel einkaufen. Bleib ganz ruhig, und reg dich bitte nicht auf. Ich bin sofort wieder da.“

Als Christina das Sammelsurium von Shampoos, Haartönern, Bleichmitteln und Färbemitteln auf das Band legte, konnte Agnes, die stets freundliche Kassiererin, die Welt nicht mehr verstehen. ‚Merkwürdig – Frau Hartmann auch! Warum kaufen heute Morgen alle Leute nur Haarpflegemittel? Wozu brauchen die so viel Zeug? Und ausgerechnet heute hat sich Frau Kipper aus der Hair-Care-Abteilung krank gemeldet. Irgendwas stimmt nicht, irgendwas ist heute anders als sonst.‘ Agnes ahnte nicht, wie Recht sie hatte. Noch vor elf Uhr waren sämtlichen Regale mit Haarpflegeprodukten leergeräumt. Verstörte Kunden mussten vertröstet werden und niemand wusste, was an diesem Tag geschehen war. Oder niemand wollte sagen, was er wusste.

Es war zum Verzweifeln. Egal, welches Mittel Christina auf den Kopf ihrer Mutter schmierte – die grasgrüne Farbe ließ sich nicht entfernen. Jegliche Mühe war umsonst. Elfriede Wohlfahrt war am Ende ihrer Kräfte. Sie wollte nur noch eins. Schlafen, Schlafen, Schlafen. Ruhe, Ruhe, nur noch Ruhe. Cristina führte ihre völlig erschöpfte Mutter zum Bett. Bevor Elfriede Wohlfahrt die letzte Tablette schluckte, murmelte sie noch mit schwacher Stimme „… Termin … Salon Schiller … absagen …“

„Ja, Mama, bleib ganz ruhig, ich werde sofort anrufen. Schlaf gut, Mama.“

„Ja, hallo! Hier ist der Frisiersalon Schiller. Mein Name ist Beatrice Schwarzkopf. Was kann ich für Sie tun?“

Nur mit Mühe konnte Christina ihre Gedanken und ihre Sätze ordnen. Aber die bildhübsche Empfangsdame wusste gleich Bescheid. „Ja, schade, da kann man nichts machen. Richten Sie bitte Ihrer Frau Mutter unsere besten Genesungswünsche aus.“

„Ja, danke, auf Wiederhören.“

Beatrice wickelte eine blonde Locke um ihren linken Zeigefinger und strich mit der rechten Hand sanft über ihren gewölbten Bauch. Nachdenklich flüsterte sie zu dem strampelnden Wüstling: „Mein kleiner Quälgeist, das war jetzt schon die vierte Absage innerhalb einer halben Stunde, und unsere gute alte Frau Wunn hat sich heute auch krank gemeldet.“ Als das Telefon schon wieder klingelte, wusste auch Beatrice Schwarzkopf, dass an diesem Tag alles anders war als sonst.

Christina hatte ihre Mutter liebevoll zugedeckt und die Hände über der Bettdecke gefaltet. Drei extrastarke Schlaftabletten würden ihre Mutter in einen langen Tiefschlaf versetzen. Jetzt musste sie sich unbedingt um Jessica kümmern. Mit Tränen in den Augen küsste sie das friedliche Gesicht „Schlaf gut, Mama. Mach dir keine Sorgen. Ich werde so bald wie möglich zurückkommen. Keine Sorge, Mama. Alles wird gut.“

Professor Eckstein genoss den heißen Kaffee. Zum ersten Mal am heutigen Tag verspürte er Ruhe und Zufriedenheit. Er stellte die Tasse ab, lehnte sich in den schweren Ledersessel zurück und ließ seinen Blick schweifen: St. Josefs Kirche, Christuskirche, Rathaus, Alter Turm – wie friedlich sah doch alles aus! Professor Eckstein war zu einem Entschluss gekommen. Sein erster Impuls war es gewesen, das Stankt Marien Krankenhaus strikt abzuriegeln und alles geheim zu halten. Schließlich stand nicht weniger auf dem Spiel als der gute Ruf der Klinik. Aber nach reiflicher Überlegung und Abwägung aller Argumente hatte er sich auf die entgegengesetzte Strategie festgelegt. Die Erinnerung an die Katastrophe mit dem SARS-Virus war noch zu frisch. Professor Eckstein hatte die Lektion gelernt. Bloß keine Vertuschung! Nur schonungslose Offenheit konnte vor unübersehbaren Folgeschäden bewahren. Nichts aufbauschen, keine Panik, nichts übertreiben – stattdessen Offenheit, Sachlichkeit, Kompetenz, Entscheidungsfreude, entschlossenes Handeln.

Als Erstes setzte sich Professor Eckstein mit dem Gesundheitsministerium in Verbindung, dann mit dem Landeskriminalamt, dem Staatsekretär für Innere Sicherheit, dem Obersten Rat der Landesmedienanstalten und schließlich mit dem Ministerpräsidenten.

In einer noch nie da gewesenen Perfektion wurden im Verborgenen die Fäden gezogen. Binnen weniger Stunden waren die zuständigen Landes- und Bundesministerien, die Landes- und die Bundeskriminalämter, die Geheimdienste, der Katastrophenschutz, die Bundeswehr, die NATO, die Europäische Union, die Weltgesundheitsorganisation und Forschungsinstitute in aller Welt informiert. Rund um den Globus waren die Notfallpläne in Kraft gesetzt. Die Region wurde im Umkreis von 50 Kilometern hermetisch abgeriegelt. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Lothringen, Elsass und Luxemburg verlief reibungslos. Die kompetentesten Wissenschaftler aus den verschiedensten Fachgebieten und aus allen Teilen der Welt waren unterwegs, die ersten Experten waren bereits eingetroffen und arbeiteten fieberhaft an der Aufklärung des rätselhaften Phänomens. Wie durch ein Wunder hatten auch sämtliche Medien die Berichterstattung so lange zurückgehalten, bis an der Wall Street die Börsen geschlossen waren.

Als Elfriede Wohlfahrt am frühen Nachmittag des nächsten Tages ihre Augen aufschlug, konnte sie sich zunächst gar nicht erklären, wieso ihre Tochter Christina hier auf ihrer Bettkante saß. Sie war noch sehr benommen und so dauerte es eine Weile, bis sie das Puzzle in ihrem Kopf einigermaßen geordnet hatte. Elfriede Wohlfahrt schloss die Augen, legte die Hände flach aufs Gesicht und presste die Fingerspitzen fest auf die Augenlider. Dann atmete sie mehrmals tief durch und dachte: ‚Elfriede Wohlfahrt, du bist eine starke Frau. Egal, was kommt – du stehst das durch.‘ Dann richtete sie sich auf und sagte: „Chris, mein Liebes, geh und koch uns einen starken Kaffee.“

Den BH hatte sie noch seit gestern an und es lag auch keine frische weiße Baumwollunterhose bereit. Sie setzte sich auf die Bettkante, steckte die Füße in die Pantoffeln und reckte ihren Oberkörper. Dann stand sie auf, fuhr mit beiden Daumen unter den Gummi ihrer Unterhose, zog ihn ein wenig nach vorn, drehte die Daumen in einer raschen Bewegung nach außen und ließ den Gummi genussvoll auf ihre Speckröllchen schnellen. Danach trat sie entschlossen vor den großen Spiegel und bewunderte ihre üppigen weiblichen Rundungen. Das entsetzliche grasgrüne Haar würdigte sie keines Blickes.

Dann zog sie die dunkelblaue Kittelschürze über und ging zur Toilette. Bevor sie aufstand und die Spülung abdrückte, murmelte sie „Elfriede, du stehst das durch!“

Als Elfriede Wohlfahrt die Küche betrat, blieb sie kurz stehen, schloss die Augen und sog in einem langen Zug den Duft des frisch gekochten Kaffees in ihre Nase. Dann setzte sie sich an den massiven Tisch. „Meine gute Christina, lass uns erst mal in aller Ruhe essen und trinken. Das ist jetzt das Allerwichtigste. Danach kannst du mir erzählen, was passiert ist.“

Als Elfriede Wohlfahrt rundum satt war, rülpste sie leise, streckte ihren Oberkörper, bog den Rücken tief durch, packte mit beiden Händen ihre festen Brüste, schloss die Augen und atmete tief durch. Mit einem lauten „Puuuhhh!“ ließ sie alle Glieder entspannt fallen, setzte sich bequem hin, atmete noch einmal tief aus und sagte: „So, mein Kind, und jetzt erzähl mal, was in den letzten vierundzwanzig Stunden alles passiert ist.“

Was Christina zu berichten hatte, war nicht ganz so schlimm wie befürchtet.

Vor wenigen Stunden war über sämtliche Medien Entwarnung gegeben worden. Es lagen keinerlei Anzeichen für einen terroristischen Anschlag vor. Ein terroristischer Hintergrund konnte mit nahezu absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden.

Allem Anschein nach handelte es sich auch nicht um eine ansteckende Krankheit. Alle Fälle waren ausschließlich im Stadtbezirk von D. aufgetreten. Und zwar alle in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Es gab keinen einzigen Fall von Neuerkrankungen.

Außerdem bestanden starke Zweifel, ob es sich überhaupt um eine Krankheit handelte. Bislang konnten keinerlei Krankheitssymptome ermittelt werden. Die einzigen Anomalien waren die grasgrüne Farbe der Haare und die physikalisch absolut unerklärbare Tatsache, dass sich das Haar auf keine Weise schneiden, ausreißen oder sonstwie entfernen ließ.

Obwohl die Lage nicht ganz so schlimm war, wie sie hätte sein können, war doch eine Tatsache nicht wegzuleugnen: Niemand auf dieser Welt hatte eine schlüssige Erklärung für dieses mysteriöse Phänomen. Hier waren Kräfte am Werk, die sich den irdischen Naturgesetzen widersetzten.

Trotz aller beispiellosen Forschungsanstrengungen war das Rätsel nicht zu lösen. Die globale Ordnung drohte aus den Fugen zu geraten. Die ganze Welt war voller Spekulationen und verrückter Hypothesen. Nicht nur seriöse Wissenschaftler, Politiker, Ordnungskräfte und Geheimdienstler hatten Hochkonjunktur; dies war auch die große Stunde für religiöse Fanatiker, Weltuntergangs-Sekten, UFO-Gläubige, Feministinnen und Scharlatane jeglicher Couleur. Eine weltweite Panik war vermutlich nur deshalb ausgeblieben, weil das Mysterium auf den Stadtbezirk von D. beschränkt blieb und keine neuen Fälle von grasgrünen Haaren registriert wurden.

Aber Elfriede Wohlfahrt war eine starke Frau. Sie ließ sich nicht unterkriegen. Sie gestaltete ihren Alltag wie gewohnt, nur dass sie keinen einzigen Schritt mehr vor die Tür ging. Sie hielt sich per Zeitung, Radio und Fernseher auf dem Laufenden.

Auch am Abend des siebten Tages nach der Katastrophe boten die Sondersendungen keine ernst zu nehmenden Neuigkeiten. Nur noch ein Beitrag, dann würde endlich der Spielfilm anfangen. ‚Na, dann hören wir uns in Gottes Namen halt auch noch an, was dieses mickrige Kerlchen zu sagen hat.‘

„Herr Doktor Hänselmann, Sie sind Experte auf dem Gebiet der Attraktivitätsforschung, der Evolutionspsychologie und der Psychologie des Haares. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?“

„Nun, als Wissenschaftler bin ich gewohnt, nüchtern und rational zu denken. Und ich muss zugeben, dass dieses Phänomen einige Aspekte hat, die sich jeder logischen Erklärung entziehen. Aber andererseits gibt es auch ein paar systematische Zusammenhänge, die uns …“

„Welche sind das, Herr Doktor?“

„Einerseits hat diese rätselhafte Erscheinung etwas mit dem Geschlecht zu tun, denn betroffen sind ausschließlich Frauen. Außerdem hat es etwas mit dem Alter zu tun, denn alle betroffenen Frauen sind jenseits der Wechseljahre.“

„Ja, aber …“

„Ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen, Frau Gollenstein. Genau das ist der springende Punkt. Nicht alle älteren Frauen haben grasgrüne Haare. Es ist also nicht allein das Alter. Ich habe alle bekannt gewordenen Fälle analysiert, und dabei ist mir etwas ganz Wichtiges aufgefallen: Alle Frauen, die grasgrüne Haare haben, tragen kurze Haare, die meisten haben diese öden Einheits-Dauerwellen im Urgroßmutter-Look. Aber alle Frauen, die verschont geblieben sind, tragen ihr Haar lang und offen. Dabei scheint die Haarfarbe keine Rolle zu spielen, egal ob blond, braun, grau …“

„Ja, und was schließen Sie daraus, Herr Doktor Hänselmann?“

„Ja, ich weiß, die These ist gewagt, und ich kann selbst kaum so recht dran glauben. Es sieht so aus, als wäre die Evolution beleidigt …“

„Hä? Wie meinen Sie das denn, Herr Doktor?“


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Beim Piffri

Saarbrücker Ausshängeschild
Saarbrücker Aushängeschild Friseur Coiffeur
Saarbrücker Aushängeschild

Beim Piffri

© Ronald Henss

Ehrlich gesagt, ich bin nie gerne zum Friseur gegangen. Auch schon lange vor der Zeit, als ich endlich selbst bestimmen konnte und beschloss, überhaupt nicht mehr zum Friseur zu gehen.

Jetzt, wo ich darüber nachdenke, wird mir klar, dass Erinnerungen an den Friseur zu meinen ältesten Erinnerungen gehören. Wie weit sie genau zurück reichen, weiß ich nicht. Aber einige Vorstellungsbilder stammen sicherlich noch aus der Zeit bevor ich zur Schule ging. Das war in den frühen fünfziger Jahren.

Unser Frisör hieß Pfeifer, Philipp Pfeifer. Aber bei uns hieß er nur „de Peifer Filp“ oder „de Piffri“. Der Frisörladen war nicht weit von zu Hause entfernt, höchstens zweihundert Meter.

Zuerst musste man ein paar Treppenstufen hochgehen, vielleicht sechs oder sieben. Links ging es in das Tante-Emma-Lädchen, in dem wir häufig einkauften. Als ich noch klein war, war die Theke riesig hoch; und die großen bauchigen Gläser mit den bunten Bonbons waren unerreichbar. In den Frisörladen ging es rechts.

Der Frisörladen war eigentlich nur ein kleines Zimmer. Aber auf ein Kind musste allein schon die eigentümliche Einrichtung einen tiefen Eindruck machen.

An der breiten Wandseite riesengroße Spiegel. Nach unten wurden sie abgeschlossen durch einen Wandtisch, in den zwei Becken eingearbeitet waren. Der mächtige Wandtisch war aus Holz; ob die Becken aus Marmor, aus Porzellan oder aus Metall waren, kann ich heute nicht mehr sagen.

Vor der imposanten Armatur zwei Stühle für Erwachsene. In der kindhaften Erinnerung erscheinen sie riesengroß und schwer. Ob sie tatsächlich gepolstert waren? Vielleicht waren es aber auch nur einfache Holzstühle? Ich weiß es nicht mehr.

Der Kinderstuhl war aus braunem Holz. Vier hohe schlanke Stelzen gingen vom Boden bis zum oberen Rand, wo sie an der hufeisenförmigen Lehne abschlossen. Knapp über dem Boden wurden die Stelzen durch Querhölzer zusammengehalten.

Auf dem Wandtisch und in verschiedenen Vitrinen tausenderlei Utensilien. Natürlich allerlei Scheren, Kämme und Bürsten. Verschiedene Tuben und Tübchen. Fläschlein mit Duftwässerchen, Parfüms. Eine Flasche aus dickem, goldbraunem Glas mit dünnen Querrillen. Unvergessen der Werbespruch „Es ist nie zu früh und selten zu spät für Diplona.“ Haarwässerchen und Haarwuchsmittel waren damals natürlich kein Thema für mich. Übrigens auch später nicht, als sich meine Haarpracht ziemlich rasch dünne machte. Eine besondere Faszination ging von dem Zerstäuber aus. Ein bauchiges Fläschlein, oben eine Metalldüse und daran ein rotbrauner Gummischlauch, der in einem dicken Gummiballon endete. Kurzes Drücken auf den Ballon – „pffff, pffff, pffff….“ – und feinste Tröpfchen verteilten sich über das Haar und verströmten einen charakteristischen Duft.

Überhaupt war der ganze Raum durch einen charakteristischen Duft markiert. Ich würde ihn vermutlich heute sofort wiedererkennen; aber merkwürdigerweise kann ich ihn nicht beschreiben. Ich habe daran keine konkrete sinnliche Erinnerung. Ganz anders verhält es sich mit einer anderen Geruchserinnerung, die vermutlich meine allerälteste Erinnerung ist. Die hat aber nichts mit dem Friseur zu tun; und so werde ich darüber an anderer Stelle berichten.

Wir bleiben beim Piffri. In einem Herrensalon durften natürlich die folgenden Utensilien nicht fehlen: Rasierschaum, Rasierpinsel, eine Gummischale, in der der Schaum angerührt wurde, Rasiermesser und ein Lederriemen zum Schärfen der Klinge. Gelegentlich ließ sich einer der älteren Männer – alt erschienen damals alle Erwachsenen – rasieren. In der schwarzen Gummischale wurde der Schaum geschlagen. Dann der Bart kräftig eingeseift. Das Rasiermesser mit ein paar schnellen Strichen am Lederriemen geschärft; ritsch ratsch, ritsch ratsch, ritsch ratsch. Und dann vorsichtig, Strich um Strich die glatte nackte Haut freigelegt. Vermutlich floss auch ab und an Blut. Aber mich betraf das nicht.

Mein Platz war auf dem Kindersitz. Vor dem Haareschneiden wurde der Umhang aus Stoff um den Hals gebunden. Schlichter weißer Stoff. Die ersten Grobarbeiten mit Schere und Kamm. Dann der mechanische Haarschneider. Wenn der Piffri die Zangengriffe in der Faust zusammendrückte, machte es leise „quack, quack, quack“ und die hellblonden Haarbüschel fielen lautlos zu Boden. Zum Feinschliff benutzte er eine elektrische Haarschneidemaschine. Leises stetiges Summen, nicht bedrohlich. Gelegentlich kam auch das Rasiermesser zum Einsatz; „ritsch, ritsch, ritsch“. Schließlich der buschige Pinsel, mit dem er die feinen Härchen aus dem Nacken bürstete. Aber ein paar blieben immer im Kragen hängen, manche noch stundenlang.

Die frühen sechziger Jahre, für mich die Phase der Vorpubertät, waren die Goldene Ära des Haarsprays. Mit der Taft-Dose von Wella rückten nicht nur die Frauen den Haaren zu Leibe. Damals war noch keine Rede von Treibgasen, Ozonloch, Umweltschutz. Wir haben uns das Zeug bedenkenlos auf den Kopf gesprüht. Die Haare fühlten sich dann ganz unnatürlich an. Wie kleingehäckseltes Stroh. Aber dafür hätte die Schmalztolle à la Elvis auch einem mittleren Wirbelsturm standgehalten. In meinem Flur hängt heute eine Mini-Galerie alter Fotos. Ein kleines Schwarz-Weiß-Bild, das nun schnurstracks auf die Vierzig zugeht, zeigt mich im Konfirmandenanzug. Den Kopf ziert auf der linken Seite ein akkurat gezogener Scheitel, das Haupthaar ist zu einer atemberaubenden Welle hochgedrückt, selbstverständlich mit Haarspray gefestigt. In diesem Aufzug war ich noch der ganze Stolz meiner Mutter. Aber das sollte sich bald ändern.

Die Pubertät, ohnehin eine Zeit der Auflehnung und Revolte, fiel bei mir in eine Epoche tiefgreifender kultureller und politischer Umwälzungen, die ihren augenfälligen Ausdruck in radikalen Veränderungen der Haartracht fanden. Der Kampf der Generationen – das heißt: der Kampf zwischen meiner Mutter und mir – lief zum größten Teil über die Auseinandersetzung ums Haar. Den Auftakt zur nächsten Runde des Generationenkampfes bildete gewöhnlich der Spruch: „Wie laafschden du schunn widder rum? Du sieschd jo aus wien Biedels [dass der Singular von Beatles Beatle heißt, spielte dabei keine Rolle]. Mach, dass de mol widder zum Friseer kummschd!“ Die unausweichliche Folge waren endlose Debatten, erbitterter Streit, nicht selten Tränen und wochenlanges Schweigen. Wenn ich mich dann schließlich doch beim Piffri blicken ließ, hieß es „Rund odder Fassong?“ Ehrlich gesagt, wusste ich damals weder was Fassong bedeutet, noch wie man es schreibt. „Rund“ klang viel zu gewöhnlich, also lautete die Antwort in der Regel „Fassong“. Zum Abschluss der Prozedur nahm der Piffri den großen Handspiegel und beschrieb damit einen Halbkreis hinter meinem Kopf, so dass ich im Frontspiegel die „Fassong“ bewundern konnte. Es kam aber keine Bewunderung auf. Ganz im Gegenteil: Ich kam mir immer elend vor. Schlimmer als nackt. Auf dem Rückweg habe ich die Schritte beschleunigt, um so rasch wie möglich nach Hause zu kommen. Vor Scham hielt ich den Kopf gesenkt, so manches Mal den Tränen nahe. Bloß nicht gesehen werden.


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Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
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Die schräge Geschichte von Bodo, der eines Tages feststellt, dass sich sein dichter Haarschopf lichtet.
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