Reportage aus dem Frisiersalon

St. Johanner Markt, Saarbrücken
St. Johanner Markt, Saarbrücken
St. Johanner Markt, Saarbrücken

Reportage aus dem Frisiersalon

© Ronald Henss

Ich sag’s ja immer: Es geht nichts über eine gute Planung. Also hatte ich auch diesmal alles perfekt vorbereitet und jeden Schritt genau durchdacht.

Zuallererst erkundete ich die Situation von der anderen Straßenseite aus. Durch die großen Schaufenster hatte ich mir rasch einen Überblick verschafft. Dann ging ich hinüber, betrat das Geschäft und schritt entschlossen auf die bildhübsche junge Dame an der Empfangstheke zu. „Guten Tag. Ich habe eine etwas ungewöhnliche Bitte. Dürfte ich mich bei Ihnen eine halbe Stunde lang in den Salon setzen und mich einfach nur umschauen? Wissen Sie, ich schreibe eine Geschichte zum Thema ‚Im Frisiersalon‘ und da würde ich mich gerne mal an Ort und Stelle kundig machen. Man muss ja schließlich wissen, worüber man schreibt.“

Kein bisschen überrascht antwortete sie mit einem freundlichen Lächeln „Ja, gerne. Schauen Sie sich ruhig in unserem Laden um. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Einen Kaffee vielleicht?“

Auf ein solch freundliches Angebot war ich nicht vorbereitet, und so murmelte ich nur „Nein Danke, ich komme gerade aus einem Cafe.“ Das stimmte natürlich nicht und schon im nächsten Moment bedauerte ich meine vorschnelle Ablehnung. Ja, ein Kaffee wäre jetzt genau das Richtige gewesen. Aber einen Rückzieher konnte ich nun nicht mehr machen; und so ging ich zielstrebig auf den Platz zu, den ich schon von außen als den strategisch günstigsten Beobachtungsposten ausgespäht hatte.

Als Erstes kramte ich meinen Notizblock und ein paar Stifte heraus. Um nicht zu sehr aufzufallen ging ich zur Zeitschriftenablage, blätterte ein bisschen rum und nahm die Tageszeitung und drei Zeitschriften mit an meinen Platz. Den SPIEGEL – dieses pseudo-intellektuelle Blatt macht sich immer gut; den Playboy – da kann man in einem unbeobachteten Moment mal rasch reinspitzen; und ein Frisurenheft – na ja, da kann man wenigstens ein paar schöne Gesichter anschauen. Aber eigentlich diente das alles nur zur Tarnung.

Dann kam das Handwerkliche, das ich mir schon vorher genau überlegt hatte. Ein kurzer Rundblick und die wichtigsten Notizen. Was ist wo? Wer tut was? Wer mit wem? Eine schnelle Skizze des Lageplans. Dann eine kurze Auflistung der Personen. Die Personen brauchen unbedingt Namen. Mal schaun, vielleicht kriege ich den einen oder anderen Namen aus den Gesprächsfetzen mit. Und dann natürlich noch eine ganze Reihe weiterer Personencharakteristika: Geschlecht, Alter, Haarfarbe, Frisur, Aussehen, Kleidung, vermutlicher Beruf, Temperament, auffällige Verhaltensweisen und, ganz wichtig, die Rolle — Friseur oder Kunde.

Meine eigene Rolle, nämlich die des unauffälligen Beobachters, erforderte viel Taktgefühl. Nur allzu leicht hätte der ständige Wechsel Beobachtung – Notizen, Beobachtung – Notizen, Beobachtung – Notizen Aufsehen erregen können. Also stand nun eine kurze Pause auf dem Plan, in der es galt, möglichst unauffällig in den Zeitschriften zu blättern. Das Frisurenheft hatte ein etwas größeres Format. Ich legte es um den Playboy und hielt das Ganze so, dass der Eindruck entstehen musste, ich würde mit allergrößtem Interesse Frisuren betrachten. Nun ja, ein gewisses Interesse war nicht zu leugnen, es galt allerdings weniger den Frisuren.

Als ich mich dann endlich von den vermeintlichen Frisuren losriss, um meine systematischen Beobachtungen fortzusetzen, stellte ich fest, dass sich die bildhübsche junge Dame gar nicht mehr hinter der Empfangstheke befand. An ihrer Stelle saß eine andere, die alles in den Schatten stellte, was ich gerade beim gutgetarnten Durchblättern des Playboy gesehen hatte. Nein, nackt war sie natürlich nicht. Aber diese Frau war Erotik pur! Ich muss wohl extrem dämlich ausgesehen haben, als ich sie mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund anstarrte.

Als sie mich freundlich anlächelte, purzelten mir die Zeitschriften aus der Hand. Auf dem Boden lag obenauf der Playboy, das Centerfold voll ausgefaltet. Nun wussten alle im Salon, wie das Playmate des Monats September aussieht.

Hastig kramte ich alles zusammen, legte es auf meinen Sitzplatz und verließ den Laden mit hochrotem Kopf.

Aus der Reportage über den Frisiersalon ist leider nichts geworden.

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